Campusbahn: Vollgas oder Notbremse?

Von: Robert Esser und Albrecht Peltzer
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Die Campusbahn auf der Trierer Straße: Sonntag entscheiden die Aachener darüber, ob das Projekt weiter geplant werden soll. Fotomontage: HJPlaner
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Harald Baal (Fraktionsvorsitzender der CDU): „Die Campusbahn ist die beste Lösung.“
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Maximilian Slawinski (Bürgerinitiative Campusbahn=Größenwahn): „Die Bahn überfordert Aachen.“

Aachen. Das Thema elektrisiert die Stadt. Und es mobilisiert. Buchstäblich. Über 5600 Menschen haben bereits abgestimmt – auf der Homepage der Aachener Zeitung. Die Frage „Sind Sie für den Bau der Campusbahn?“ beantworteten bis Mittwochabend 52 Prozent mit Nein und 48 Prozent mit Ja.

Schon bei unserem – nicht repräsentativen – Online-Voting zeichnet sich also ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab. Vermutet wird allerdings, dass viele der 193.000 Wahlberechtigten noch nicht entschieden haben, wo sie ihr Kreuzchen machen. Befürchtet wird zudem, dass viele ihr Wahlrecht gar nicht wahrnehmen.

Welche enorme Tragweite das Ergebnis des Ratsbürgerentscheids am kommenden Sonntag, 10. März, für die Zukunft der Stadt Aachen hat, ist unstrittig. So oder so. CDU-Fraktionschef Harald Baal und Campusbahn-Gegner Maximilian Slawinski beantworten in der AZ die entscheidenden Fragen:

Braucht Aachen die Campusbahn?

Baal: Eindeutig: Ja. Die Campusbahn ist die beste Lösung für die Anbindung von Campus Melaten und Campus West an die Innenstadt. Mit der Bahn können wir auch den bevorstehenden Verkehrsinfarkt auf dem Adalbert-steinweg vermeiden. Slawinski: Nein! Weil die Campusbahn den ÖPNV und die Verkehrssituation unter dem Strich verschlechtert und unsere Stadt mit mindestens 130 Millionen Euro Eigenanteil finanziell überfordert.

Wie soll die Stadt den prognostizierten Zuwachs im ÖPNV auffangen?

Baal: Durch die Campusbahn wird auf einer zentralen Achse in Aachen Entlastung geschaffen, da die Bahn mehr Personen befördern kann und schneller ist. Das ist ein nachhaltiger Vorteil. Gerade im Hochschulviertel oder auf der Trierer Straße sind die Kapazitäten ausgelastet. Das Bussystem ist an der Grenze des Machbaren. Wir müssen hier auch an die Zukunft denken. Slawinski: Ein dezentrales, entflochtenes Bussystem ist in der Lage, Kapazitätsengpässe zu lösen und dabei unsere Stadt gleichmäßig in allen Stadtteilen zu entwickeln. Hätte man das Busnetzgutachten 2015+ ausgearbeitet, würde man diese alternative Lösung bereits in der Schublade haben.

Kann Aachen sich die Campusbahn leisten? Drohen Aachen der Nothaushalt und die Erhöhung von Steuern?

Baal: Aachen kann die Campusbahn bezahlen. Der städtische Anteil von bis zu 6,5 Millionen Euro wird durch die Einsparung beim Fonds Deutsche Einheit gedeckt. Für die Campusbahn steht keine Erhöhung von Steuern an. Die aktuelle Haushaltsgenehmigung zeigt, dass die Stadt auf dem richtigen Weg ist. Der Nothaushalt wird vermieden, und Zukunftsinvestitionen sind möglich. Slawinski: Aachen hat im letzten Jahr 40 Millionen Euro Schulden gemacht. Wenn wir mittel- bis langfristig nicht aufhören mehr auszugeben, als wir einnehmen, sind der Nothaushalt und Steuererhöhungen unausweichlich. Der Fonds Deutsche Einheit muss daher komplett für die Haushaltskonsolidierung verwendet werden. Die Campusbahn bedeutet eine Neuverschuldung von 500 Euro pro Aachener, vom Kleinkind bis zum Rentner. Das ist unverantwortlich. Aachen kann sich die Bahn nicht leisten.

Kann man den Bürgern zumuten, dass Aachen jahrelang eine Baustelle durchtrennt?

Baal: Die Gesamtbauzeit beträgt rund zwei Jahre und betrifft die gesamte Strecke. Jeder einzelne Teilabschnitt hat eine wesentlich kürzere Bauzeit. Auf der Trierer Straße sind nur reine Gleisarbeiten notwendig – das erfordert nur eine sehr kurze Bauzeit von wenigen Wochen. Im Bereich St. Josef werden die Arbeiten zusammen mit den Kanalarbeiten vorgenommen, dadurch kann eine Mehrbelastung vermieden werden. Slawinski: Nein! Vor allem der kleine Einzelhändler wird durch diese Baustellen existenziell bedroht. Das kostet Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen. Aachen wird durch diese Baustellen aber auch als Tourismusstadt zurückfallen.

Wird die Campusbahn den Individualverkehr aus der Stadt verdrängen?

Baal: Durch die Bahn bleibt die Stadt für alle Verkehre erreichbar – auch für das Auto. Mancher wird aber auch gerne einen verbesserten ÖPNV nutzen wollen. Das soll jeder selbst entscheiden. Die Stadt bestimmt nicht, wie die Menschen in die Stadt fahren. Sie sorgt nur dafür, dass jeder eine Wahlmöglichkeit hat. Slawinski: Definitiv ja. 66 Prozent der Campusbahntrasse haben einen eigenen Gleiskörper. Als Folge werden einige Straßen deutlich schmaler oder sogar einspurig. Der Individualverkehr wird also stark behindert.

Fallen der Bahntrasse Fahrbahnen, Radspuren, Bäume und Parkplätze zum Opfer?

Baal: Die Trasse wird sehr unterschiedlich geführt. Sie liegt in der Regel in der Mitte der Straße. Die Anzahl der Fahrspuren für Pkw wird nicht reduziert. Bei schmalen Straßen teilen sich Auto und Bahn die Fahrbahn. Das machen Pkw und Bus heute auch. Slawinski: Ja. Am schlimmsten trifft es den Adalbertsteinweg und die Trierer Straße. Die kalkulierten 2,5 Meter Fahrbahnbreite, die die Zweispurigkeit gewährleisten sollen, sind zu gering. Jeder Lkw ist breiter. Faktisch ist der Individualverkehr entlang dieser Straßen einspurig. Für Radfahrer würde vor allem der Adalbertsteinweg lebensgefährlich werden.

Wie wichtig ist die Campusbahn für den Technologiestandort Aachen, für die Hochschule, für die Bürger, für die Klimaschutzziele?

Baal: Schienenverkehr hat in Aachen Tradition, und wir kämpfen darum, dass diese Tradition fortgeführt wird. Die Campusbahn steht für Forschung und Entwicklung und ist ein ideales Transportmittel für die Studierenden und Mitarbeiter auf den verschiedenen Campi. Die Verbesserung des ÖPNV mit der Bahn kommt allen zu Gute. Die Campusbahn fährt elektrisch, und der Strom stammt aus erneuerbaren Energien. Das vermeidet Treibhausgase und schont die Umwelt. Slawinski: Eine gute Anbindung zum Campus Melaten kann der Bus liefern (Busnetz 2015+). Elek-trische Straßenbahnen gibt es seit über 100 Jahren, und Batterien kann man auch in Autos und E-Bikes testen. Für die Bürger bedeutet die Campusbahn lediglich häufigeres Umsteigen. Dementsprechend ist die Bahn keine Hilfe. Elektromobilität senkt in der Tat die Feinstaubbelastung. Stau erhöht diese allerdings wieder. Elektrobusse sind daher die Lösung, um Stau als Folge einspuriger Straßen zu verhindern und Feinstaubwerte zu senken. Es sei angemerkt, dass elektrischer Strom jedoch nicht alleine mit Sonne und Wind zur Verfügung gestellt werden kann.

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