Aachen - Campusbahn: Der Zug ist abgefahren

Campusbahn: Der Zug ist abgefahren

Von: Robert Esser, Thorsten Karbach, Stephan Mohne, Albrecht Peltzer und Oliver Schmetz
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Da hilft kein Lamentieren: (v.l.) Reiner Priggen (Sprecher der Grünen in NRW), SPD-Planungsexperte Norbert Plum und SPD-Parteichef Karl Schult-heis nehmen die Niederlage am Sonntagabend im Rathaus gefasst zur Kenntnis. Foto: Michael Jaspers
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Auf ein Bier: Sieger Maximilian Slawinski und Verlierer Oberbürgermeister Marcel Philipp stoßen trotzdem miteinander an.
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Viel Interesse: Rund 500 Bürger verfolgen die Auszählung vor den Leinwänden im Krönungssaal.

Aachen. Endstation, alles aussteigen: Der Fahrplan des Ratsbürgerentscheids zur Campusbahn setzt am Sonntagabend schon um Punkt 18.23 Uhr, 23 Minuten nach der Schließung der Wahllokale, mit dem Ergebnis von gerade mal drei der (inklusive Briefwahl) 94 Stimmbezirke zur Punktlandung an. Zwei Drittel dagegen, ein Drittel dafür.

Rund 500 Bürger, Politiker und Journalisten starren da auf die drei Großleinwände im Krönungssaal im Aachener Rathaus. Zug um Zug laufen die Ergebnisse ein. Dazu gibt‘s gibt leckere Kartoffelsuppe mit Würstchen, Cola und Bier. Doch die Stimmung scheint weder bei Befürwortern noch Gegnern des 240-Millionen-Euro-Projekts zu steigen.

Und tatsächlich: „Es würde mich sehr wundern, wenn dieser Trend noch umgekehrt wird“, sagt Oberbürgermeister Marcel Philipp um 18.45 Uhr. Da sind erst 30 von 94 Bezirken ausgezählt. Die überdimensionale rote Säule der Computergrafik auf der Leinwand, die alle Ja-Stimmen summiert, will einfach nicht wachsen – auch nachdem gegen 20 Uhr alle 82.888 abgegebenen Stimmen der 192.636 Wahlberechtigten ausgezählt sind: Nur 33,66 Prozent votieren für den 12,3 Kilometer langen Schienenstrang, 66,34 Prozent dagegen.

54.841 Bürger haben die Politik vehement in die Schranken gewiesen und das Projekt mit ihren Nein-Stimmen beerdigt. Fast 110.000 Wahlberechtigte sind indes erst gar nicht an der Urne erschienen. Die Wahlbeteiligung von 43,03 Prozent liegt zumindest über der des Bürgerentscheids zum Bauhaus Europa im Jahr 2006 (38 Prozent). Entgleiste Mienen sucht man trotzdem bei CDU, Grünen, SPD und Linken vergeblich: OB Philipp kommentiert die gewaltige Niederlage gefasst – und warnt schon vor gravierenden Folgen: „Wir müssen jetzt daran arbeiten, den ÖPNV attraktiver und schadstoffärmer zu gestalten.

Das wird nun ohne Schiene passieren müssen; und ohne Fördermittel. Stattdessen müssen wir wohl weitere Fahrtrassen für Buslinien – etwa entlang der Trierer Straße – verwirklichen“, sagt er. Nur Bezirk 19, die Beeckstraße und der untere Adalbertsteinweg, votiert mit 50,94 Prozent (271 Ja-Stimmen) mehrheitlich für die Bahn. Doch hier gehen nur 22 Prozent zu Wahl – genauso rekordverdächtig. Einige Kilometer weiter, im Stimmbezirk 72 am Pfarrhaus St. Josef in Schmithof, kassiert die Stadt mit 82,48 Prozent Nein-Kreuzchen die höchste Abfuhr – bei 50 Prozent Wahlbeteiligung.

Maximilian Slawinski, Gründer der Initiative Campusbahn-Größenwahn, lässt sich derweil am Abend im Krönungssaal feiern – neben FDP-Ratsleuten und FWG-Ratsherr Hans-Dieter Schaffrath, den wenigen politischen Gegnern der Campusbahn. „Wenn 90 Prozent des Stadtrats etwas beschließen und zwei Drittel der Bürger dagegen sind, dann müssen sich die Parteien überprüfen, ob sie überhaupt noch die Bürger vertreten“, sagt Slawinski. Helmut Ludwig (Grüne) kommentiert: „Es ist leider so, dass verhindern einfacher ist als gestalten.“ SPD-Ratsherr Karl Schultheis gibt der Union eine Mitschuld: „Ein Problem war, dass die CDU sehr vielstimmig aufgetreten ist.“ Was CDU-Fraktionschef Harald Baal völlig anders sieht: „Viele haben wohl mit Nein gestimmt, weil sie gedacht haben: Wenn ich nichts mache, dann mache ich nichts falsch“, erklärt er.

Hans Joachim Sistenich, Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV), resümiert enttäuscht: „Ich sehe einen Knacks im Vertrauen zur Aachener Politik.“ Entsprechend zerknirscht zeigt sich Planungsdezernentin Gisela Nacken: „Diese Entscheidung ist sehr bitter.“ Das werde Konsequenzen für Aachen haben; auch beim Einwerben von NRW-Fördermitteln für künftige Projekte. Die Ohrfeige des Wählers tut den Befürwortern weh.

Doch zurückschlagen will man nicht: „Es geht nicht darum, jetzt aufzuzeigen, dass die Aachener doof sind, weil sie sich so entschieden haben“, betont SPD-Ratsherr Michael Servos. Die Befürworter geben sich alle Mühe, die Niederlage ohne weitere Entgleisung über die Bühne zu bringen. Nicht nur deswegen fließt laut Catering-Service am Sonntagabend im Rathaus mehr Bier als bei der jüngsten Kommunalwahl.

Damals war OB Philipp auf der Siegerstraße. Jetzt gratuliert er souverän den siegreichen Campusbahn-Gegnern. Zwei Mal brandet kurz Applaus auf – auch für die Kampagne der unterlegenen Befürworter des elektromobilen Bahnprojekts. Die Spannung hat sich da längst entladen.

Sichtbar unter Strom stehen nur die Liberalen. Sie strahlen vor Glück. Die FDP hatte sich als einzige Fraktion – trotz Umfragetief – klar gegen die Bahn positioniert. „CDU und Grüne müssen sich fragen, wie nah sie noch am Bürger sind“, sagt FDP-Ratsherr Peter Blum. Und fügt lächelnd hinzu: „Es hat noch nie so viel Spaß gemacht, Flyer für die FDP zu verteilen.“ Schaffrath zeigt sich freudig überrascht von dem eindeutigen Resultat: „Die Bürger haben offensichtlich nachgedacht und sich von der Halbwahrheitskampagne der Verwaltung nicht beirren lassen.“

Und was jetzt? Wunden lecken, Diagnose stellen, das nächste Rezept in Verkehr bringen. Das gilt für Gegner wie Befürworter. Hier ist auch ohne Campusbahn kein Ende in Sicht.

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