Aachen - Café Plattform gibt Verzweifelten Halt und Hoffnung

Café Plattform gibt Verzweifelten Halt und Hoffnung

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
13616177.jpg
Drei Männer, drei Schicksale: Dieter (Bild), Stefan und Peter haben sich in die Karten gucken lassen. Foto: Jaspers
13616179.jpg
Drei Männer, drei Schicksale: Dieter, Stefan (Bild) und Peter haben sich in die Karten gucken lassen. Foto: Jaspers
13616182.jpg
Drei Männer, drei Schicksale: Dieter, Stefan und Peter (Bild) haben sich in die Karten gucken lassen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Vor zehn Jahren hat Dieter Jahn alles verloren, was seinem Leben einen Sinn gab. Buchstäblich von einem Tag auf den anderen. Es war der Tag, an dem sein Sohn starb.

Dieter Jahns Sohn starb, als das Haus in Kerkrade, in dem er mit seinem Vater und dessen langjähriger Partnerin wohnte, niederbrannte. Es brannte nieder, nachdem ein Fernsehgerät implodiert war. Wenig später wurde Dieter Jahn von seiner Lebensgefährtin verlassen.

„Ich kam bei Kumpels unter, fing an zu trinken“, erzählt der 63-Jährige. „Aber dann hatte ich einfach keine Lust mehr auf den ganzen Alkohol.“ Trotzdem: „Ich war nicht mehr in der Lage, mich wieder hinters Lenkrad meines 40-Tonners zu klemmen. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.“ Dieter Jahn verlor auch seine Arbeit als Kraftfahrer – er kündigte, nach fast 29 Jahren. Und landete auf der Straße – allein, ohne Ziel diesmal, ohne seinen „Bock“ und ohne Hoffnung. Vorerst.

Inzwischen hat der Mann mit den freundlichen braunen Augen auch einen Teil seines linken Beins verloren. Jetzt sitzt er wieder mal am Tisch neben dem Tresen im Café Plattform. Er lächelt. Nein, er strahlt. Dieter Jahn hat seinen Lebensmut wiedergefunden. Ein wenig verlegen schaut er in die traute Runde, in die Gesichter seiner Freunde Peter und Stefan. Vielleicht wagen sie später, wie so oft, noch ein Skatspielchen.

Zumindest jenseits der Caritas-Einrichtung für Obdachlose am Veltmanplatz haben die beiden derzeit wohl die schlechteren Karten. Denn für Dieter Jahn hat sich das Blatt noch einmal gewendet, wie man so sagt. Er hat seine Balance wiedergewonnen, trotz der Krücke, die neben ihm am Tisch lehnt. Seit dem 1. November – endlich – bezieht er eine kleine, aber auskömmliche Rente – nie wieder Hartz IV! Ende 2008 bereits hat er eine Wohnung in Brand gefunden – per Zeitungsinserat. 56 Quadratmeter, Souterrain, Seins! „Ich bin sehr zufrieden“, sagt er. Eine Zeit lang verbrachte Jahn auch seine Nächte regelmäßig im „Plattform“, so wie seine Skatbrüder. „Die Sozialarbeiter hier haben mir wirklich geholfen. Und ich war froh, dass ich wieder Leute um mich hatte, mit denen ich mich gut verstanden habe. Das ist bis heute so geblieben.“

Aus dem Radio hinterm Tresen plätschert eine Popschnulze. Auf dem Tisch locken Weihnachtsgebäck und frisches Obst. Unterm Fenster plockert die Heizung. Draußen zieht der Abend heran, kein hei(me)liger Abend vorerst, auch wenn die Nacht wohl nicht mehr ganz so kalt wird. „Kannst ruhig auch meinen Nachnamen schreiben“, sagt Stefan. „Ich heiß‘ Pappon, mit zwei ,P‘, so viel ist sicher.“

Ansonsten ist wenig sicher in seinem Leben. War schon immer so. Mal abgesehen vom Schlafplatz am Veltmanpark. 22 Jahre lang stand Stefan Pappons Bett im Knast, wenn man alles zusammenzählt. Wenn er nicht hinter Gittern hockte, saß er meist auf der Straße. Er ist jetzt 53. Und steckt immer noch mitten drin im teuflischen Kreislauf aus Heroin, Beschaffungskriminalität, Haft, Entzug, Rückfall, Obdachlosigkeit. In der JVA Rheinbach hat er einst eine Ausbildung zum Schreiner abgeschlossen.

„Klar will ich mal arbeiten“, sagt er. Mit einer „festen Stelle“ auf dem Weihnachtsmarkt könnte er jetzt allerdings mindestens genauso viel verdienen, glaubt er. Wenn das Betteln im Budendorf nicht strikt untersagt wäre. Also bleibt er an seinem Stammplatz nahe dem Elisenbrunnen. „Läuft gut jetzt im Advent. Aber ich spreche die Leute niemals an, das ist nämlich auch verboten.“ Zum Quatschen kommt er zum Veltmanplatz, zum Schlafen sowieso. Eine eigene Wohnung – das wär‘s! Aber hier fühlt er sich immerhin sicher und willkommen. „Plattform“-Leiterin Simone Holzapfel und ihr Team haben immer ein offenes Ohr, nicht nur zur Weihnachtszeit. Genauso wie seine Kumpels Dieter und Peter. Peter ist 58, hat früher als Bäcker gearbeitet in Köln. Dann war der Ofen aus. Er verlor seine Stelle, die Wohnung, weil er unentwegt trank. Jetzt lebt er auf der Straße, wenn er nicht im „Plattform“ gastiert oder auch mal im Don-Bosco-Heim: „Ich brauch‘ einfach Luft.“

Während er von seinen ungezählten vergeblichen Versuchen erzählt, vom Saufen loszukommen, endlich wieder Fuß zu fassen im „bürgerlichen Leben“, gesellt sich ein vierter alter Skatbruder an den Tisch. „Ich wollte die Gelegenheit nutzen, mich von ganzem Herzen zu bedanken bei Simone und ihren Kollegen“, sagt der junge Mann, der vor ein paar Jahren aus China zum Studium nach Aachen gekommen ist. Als angehender Maschinenbauer aus Fernost hatte er keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung, erzählt er. „Hier im Plattform konnte ich ein paar Monate unterkommen.“ Jetzt lebt er in einer kleinen WG und arbeitet als „Hiwi“ an der RWTH. „Ich komme aber oft her, wenn ich nette Leute treffen will“, sagt er.

Die anderen grinsen. Und Dieter Jahn strahlt schon wieder. „Jaja“, meint er lachend, „der Junge zockt uns heute bestimmt wieder beim Kartenspielen ab.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert