Burg Frankenberg: Ein Stück Musikhistorie und doch ganz aktuell

Von: Sabine Rother
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Gute Dinge bleiben: Dieter Kaspari und Charly Büchel traten in der Burg Frankenberg den Beweis an, unterstützt von Sonja Mischor und Kai Schreiner (von links). Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Aachen. Zeitreise, Klassentreffen, ein Wiedersehen unter Freunden: „Truss goes Rythm and Blues“ – das ist nicht einfach nur ein Konzert unter freiem Himmel im Hof der Burg Frankenberg, es ist der Beweis, dass so manche Dinge bleiben, Songs etwa wie „Hit The Road Jack“ oder „Route 66“.

Was bedeuten Begriffe wie Rhythm‘n‘Blues oder Rock‘n‘ Roll? Ein Lebensgefühl und großartige Musik. Die Aachener Gitarristen und Multitalente Dieter Kaspari und Charly Büchel, 1968/69 Gründer der erfolgreichen Band Truss, wollen es noch einmal wissen, Musik machen, zeigen, was sie in all den Jahren nicht verlernt haben und was sie bis heute bewegt.

Lockeres Outfit angesagt

Die Flötistin und Sängerin Sonja Mischor sowie der Gitarrist Kai Schreiner unterstützen die beiden Altmeister bei einem Auftritt, der mit Spannung erwartet wird. Die Klappstühle stehen wackelig auf dem Burghof-Pflaster. Man sitzt auf Mauervorsprüngen, lehnt an Steinwänden. Die meisten haben Jeans- oder Lederjacken aus dem Schrank geholt, Turnschuhe, Hauptsache locker.

Und endlich legen sie los. Dieter Kaspari greift zur Gitarre, dann zur Mundharmonika, Charly Büchel, langes Haar, dunkle Brille, sitzt schräg hinter ihm, die beiden können sich mit kleinen Bewegungen, einer Drehung, einem Blick verständigen. Sonja Mischor ist eine Künstlerin der Überraschungen. Sie gibt dem Konzert ein Funkeln, eine wichtige Farbe, agiert mit der Flöte frei und schön. Wenn sie singt, denkt man an Amerika, an Frauenstimmen wie die der Andrew Sisters, süß, frech und sexy. Kai Schreiner erweist sich als solider Partner mit Gitarre und cooler Bühnenpräsenz, Hut, Sonnenbrille, unbewegter Miene, obwohl er – wie alle – tief bewegt ist.

Das Programm ist Musikgeschichte. Viele Songs stammen von der legendären Liste „The 500 Greatest Songs of All Time“ mit der die Pop-Zeitschrift Rolling Stone 2004 Größen wie den Beatles, Elvis Presley, Jimi Hendrix und all den anderen ein Denkmal gesetzt hat, das bis heute anerkannt wird.

Kaspari und seine Mitstreiter lassen sich ein auf die unergründlichen Tiefen des Blues, spüren in „Crossroads“ von Robert Johnson der finsteren Geschichte eines Mannes nach, der sich auf den Teufel eingelassen hat, um den Blues zu verstehen. Das ist emotional, zugleich musikalisch höchst anspruchsvoll, Kaspari lässt die Mundharmonika klagen und jammern, doch es gibt Trost: Charly Büchel ist ein Meister des filigranen Solos auf der Akustik-Gitarre. Gemeinsam mit dem kernigen Gesang Kasparis, seinem kraftvollen und zugleich facettenreichen Gitarrenspiel gelingen besondere Momente. Das Publikum ist in Bewegung, die Fußspitzen wippen, Zwischenapplaus.

Stellenwert von „Truss“

Und immer wieder gibt es Momente, des Erkennens, Nachspürens. „Hit The Road Jack“ weckt Erinnerungen und zeigt, wie frisch der Jazz-Song, den Percy Mayfield 1960 veröfentliche und der bereitTelefon1961 in der Version von Ray Charles mit dem Grammy Award for Bet R&B Performance ausgezeichnet wurde, bis heute ist. Eine Frau setzt einen unmöglichen Typen vor die Tür: „Hit the Road Jack“, „Hau ab, Jack!“, Sonja Mischor regt sich stimmstark auf.

Truss – wer sie nicht von früher kennt, spürt, welchen Stellenwert die Band einst hatte, das wirkt weiter, denn sie sind mit einem besonderen Erbe verbunden, mit Songs wie „The Dock of the Bay“, 1968 von Sänger Otis Redding und Gitarrist Steve Cropper geschrieben. Heute klingt das so leidenschaftlich wie füher, vielleicht sogar noch ein bisschen intensiver.

Offensiv, ganz Frontmann ist Dieter Kaspari, der gern auch mal den Bottleneck-Effekt auf seiner Gitarre einsetzt. Zurückhaltend, Büchel, der nachdenkliche, fast unbewegte Mann, auf dessen Hände man immer wieder gern schaut. Bluesgeschichte und Amerika-Sehnsucht verbindet der Song „Route 66“, in dem Komponist Robert William Troup 1946 nicht nur die legendäre Strecke durch sämtliche US-Bundesstaaten beschwört, sondern den großen Mythos von Freiheit, der zum bekanntesten R&B-Song des Nat-King-Cole-Trios wurde.

Nur ein wenig Öcher Platt

Bei ihrem Konzert, das der Verein Frankenb(u)erger organisiert hat, lassen Kaspari, Büchel, Mischor und Schreiner keine Wünsche offen, werfen sich ins druckvolle „Spoonfull“, wecken fast vergessene Sehnsucht mit „Light My Fire“, Gedanken an verflossene Liebe in „Don‘t Let Me Be Missunderstood“, holen bei „That‘s All Right Mama“ Elivis Presley ins Boot und führen ihr Publikum mit dem Doors-Hit (1971) von „Riders on the Storm“ weit über die Burgmauern hinaus.

So manche Textzeile wird mitgesungen, die Refrains kennen alle. Und „Stand By Me“ ist noch immer eine Aufforderung zum Kuscheln und Seufzen. Hier wird Dieter Kaspari, der zu Beginn betont hat „Heute wird nichts in Öcher Platt gesungen“ dann doch weich und singt die Zeile in seiner heimatlichen Mundart, die bei ihm ohnehin extrem Blues-tauglich ist. Handgemachter Rythm&Blues, eine schöne Sommernacht, historisches Gemäuer – was will man mehr.

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