Aachen - Bunter (Picknick-)Korb gegen Demagogen

Bunter (Picknick-)Korb gegen Demagogen

Von: Matthias Hinrichs und Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
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„Willkommen“ in der Tristesse: Diese Perspektive – in digitaler Panoramatechnik aufgenommen – zeigt eindrucksvoll, dass die krächzend vorgetragenen Ansichten der Rechtsradikalen rund um den Theaterplatz ungehört verhallten. Foto: Andreas Steindel
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Kaffee und Kuchen gegen Kälte und vor allem Rassismus: An der Ecke Hansmannstraße/Severinstraße trafen sich zahlreiche Bürger, um Solidarität mit kommenden Flüchtlingen zu dokumentieren. Foto: Ralf Roeger
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Eindeutige Aussagen am Kapuzinergraben: Etwa 200 Gegendemonstranten machten mit Bannern klar, was sie von der neuen „Rechten“ halten. Foto: Andreas Steindl
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Unter Beobachtung: Pro NRW demonstrierte an der Hansmannstraße – nicht nur die Eilendorfer stellten sich dem entgegen. Foto: Ralf Roeger
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Entspannung: Wer den Theaterplatz passieren musste, bekam von der Polizei Geleit. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Stell dir vor, das Quecksilber im Öcher Thermometer kann sich kaum ein paar Grädchen über den Nullpunkt hinaus aufraffen – und hunderte Eilendorfer machen sich eisern auf den Weg, um ein friedlich-fröhliches Picknick im Herzen des Stadtteils zu feiern.

Noch viel besser „eingepackt“ als die Vielzahl der internationalen Leckereien, die zum Spielplatz an der Severinstraße geschleppt wurden, wärmten sich Große und Kleine, Alte und Junge nicht nur an Kaffee, Tee und leckerem Früchtepunsch, den – zum Beispiel – die Eltern von der benachbarten Kleebachschule servierten.

Denn die Botschaft kam an diesem kalten Samstagnachmittag aus aller Munde: Trotz roter Nasen, Schnee und Eis – das Klima in Eilendorf könnte besser nicht sein. Die sprichwörtliche kalte Schulter hatten die Aachener da – abgesehen von rund 200 Gegendemonstranten – bereits rund 80 Unentwegten der neuen Partei „Die Rechte“ gezeigt, die mittags am Theaterplatz aufmarschierten.

Und so hatten es die fast 50 Erstunterzeichner des Eilendorfer „Bündnisses für Integration“ alsbald auch Schwarz auf Weiß: Fast 300 Menschen signierten ihren Aufruf zur Solidarität mit den Flüchtlingen, die ab September eine neue Bleibe in der Hansmannstraße finden sollen; Eilendorf ist entschlossen, ihnen einen denkbar warmen Empfang zu bereiten und sie auch über den Tag hinaus mit Worten und Taten zu unterstützen.

Darüber konnte auch die Kundgebung von gerade einmal 30 Pro-NRW-Vertretern unter den (mit bunten Bildern geschmückten) Fenstern der künftigen Wohnungen für Asylbewerber nicht hinwegtäuschen. Zumal deren Tiraden „gegen Asylmissbrauch“ und insbesondere das „grüne Gutmenschentum“ im Lärm der Trillerpfeifen von weiteren rund 200 Gegendemonstranten weitgehend untergingen.

Eine gute Stunde lang kosteten die rechtslastigen Redner – unter ihnen der Aachener Parteivorsitzende Wolfgang Palm, Generalsekretär Markus Weiner und Jörg Uckermann, der für Pro NRW im Kölner Stadtrat sitzt – die ziemlich bizarre Atmosphäre zwischen den Absperrgittern an der Josef- und der Karlstraße allerdings weidlich aus. Auch wenn neben einer kleinen Reporterschar allenfalls zahlreiche Beamte in Kampfanzügen ringsum ihre Verbalattacken gegen „Scheinasylanten“ und „linke Multi-Kultis“ verstehen konnten – zumindest akustisch. Die Botschaft des Oberbürgermeisters, der gleich nach der Gründung des Eilendorfer Bündnisses vergangene Woche die Schirmherrschaft über die ungewöhnliche Open-air-Aktion übernommen hatte, kam dafür umso besser an. „Wir wollen nicht in einer Stadt leben, die sich abschottet, sondern in einer Stadt, die Solidarität zeigt und gastfreundlich ist gegenüber Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben“, sagte Marcel Philipp unter großem Applaus.

Ebenso begeistert wurden die Grußworte von Bürgermeisterin Hilde Scheidt, dem Chef der CDU-Ratsfraktion Harald Baal, dem Eilendorfer SPD-Ratsherrn Rolf Schäfer und den Vertretern von Kirchen, Vereinen und Bezirksvertretung aufgenommen. Im Namen der Türkisch-Islamischen Gemeinde hatte sich deren Vorsitzender Abdurrahman Kol ebenso unter die Besucher gemischt wie Heinrich Emonts und Sandra Knabe vom Sozialamt der Städteregion. „Wir sind überglücklich, dass sich so viele Eilendorfer auch langfristig für das Bündnis engagieren wollen – diese Energie wollen wir jetzt nutzen“, bilanzierte Beate Jahn, die den großen Schulterschluss maßgeblich initiiert hat.

Rund 150 Euro seien beispielsweise spontan gespendet worden, um weitere Projekte zur raschen Integration zu finanzieren, sobald die ersten Flüchtlinge im September in Eilendorf einziehen. Derlei Botschaften hätte auch in die Gehörgänge der 80 Mitglieder der Partei „Die Rechte“ gepasst. Die hatte ab 12 Uhr zu einer Demonstration vor dem Theater aufgerufen. Man blieb unter sich. Nicht nur, weil die Polizei den Platz großräumig abgesperrt hatte.

Maximal 200 Gegendemonstranten hatten sich beidseits auf dem Kapuzinergraben eingefunden. Auch die Botschaften blieben mangels technischer Qualität im Kreis der Rechtsradikalen – die wenig Neues gehört haben dürften. Für kurzes Aufsehen sorgten ansonsten lediglich drei Gegendemonstranten, die wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot in Gewahrsam kamen. Die Rechtsradikalen kamen mit zwei Bussen, warteten – da sie selbst lange nicht den erforderlichen qualifizierten Ordnerstab stellen konnten – in der Kälte, hörten zwei bis fünf Redner, krächzende Musik und fuhren gegen 13.45 Uhr Richtung Mönchengladbach und Düsseldorf zu weiteren Kundgebungen. Was blieb, waren frustrierte Händler und Autofahrer rund ums Theater. und die Erkenntnis, dass „Die Rechte“ ihr Ansinnen auch direkt im gründlich durchsuchten Bus hätte kundtun können.

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