Bunker weicht, Erinnerung wird lebendig

Von: Matthias Hinrichs
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Historischer Schauplatz zum Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs: Der Bunker an der Rütscher Straße weicht neuen Wohnungen. An seiner Stelle wird ein Mahnmal errichtet. Zum 70. Jahrestag der Befreiung Aachens sucht die Bürgerstiftung Lebensraum jetzt Zeitzeugen. Erste Gespräche mit betagten Aachenern sind bereits dokumentiert. Foto: Andreas Herrmann
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Gegen das Vergessen: Martin Borgmann (links) und Hans-Joachim Geupel von der Bürgerstiftung sowie Winfried Casteel von der VHS haben die Mahntafeln am Bunker in der Rütscher Straße vorübergehend gesichert.

Aachen. Martin Borgmann ist seit einiger Zeit auf Schatzsuche, wie er das nennt. Die Schätze, die ihn in diesen Tagen so brennend interessieren, liegen tief, sind nicht selten über Jahrzehnte beharrlich verborgen worden. Dennoch sind sie oft ganz leicht zu heben. Obwohl sie meist zentnerschwer wiegen in den Köpfen, in den Herzen und – noch immer – auch in den Bäuchen seiner Gesprächspartner.

Borgmann muss sie meist nicht lange ermutigen zu erzählen von den letzten Tagen des Krieges in Aachen – vor fast 70 Jahren. Guido Schüller zum Beispiel, Jahrgang 1938. Er ist einer von neun Senioren, die Borgmann im Auftrag der Bürgerstiftung Lebensraum bislang befragt hat nach ihren Erinnerungen an jene dramatischen Wochen, in denen die erste deutsche Großstadt von der NS-Diktatur befreit wurde.

Als Oberst Gerhard Wilcke sich am 21. Oktober 1944 mit seinen letzten Soldaten den amerikanischen Truppen ergab, schaute Schüller zu – keinen Steinwurf entfernt von den Männern, die den Bunker an der Rütscher Straße mit erhobenen Händen verließen. „Als Sechsjähriger hatte er dort kurz vorher noch mit seiner Mutter und seiner Oma Unterschlupf gefunden“, berichtet Borgmann. „Er hat damals noch nicht genau verstanden, was geschah.“ Und sicher nicht geahnt, dass er ein ganzes Menschenalter später dennoch ein gefragter Mann sein würde – als Augenzeuge der Kapitulation der Kaiserstadt, im Schatten der letzten Kommandozentrale der NS-Truppen in Aachen.

In Kürze wird die Betonbastion am Fuß des Lousbergs bekanntlich selbst Geschichte sein. Nach heftigen Auseinandersetzungen um seinen Erhalt als Mahnmal gegen Terror und Krieg weicht der Bunker der Abrissbirne, um Platz zu machen für Wohnungen. Am Dienstag wurden die beiden Gedenktafeln entfernt, die dort seit vielen Jahren angebracht waren. Sie sollen Bestandteil eines neuen Mahnmals an der Rütscher Straße werden.

Die Erinnerungen der Zeitzeugen sollen freilich mindestens ebenso akkurat gesichert werden. „Wir sind schon dabei, sie zu dokumentieren. Sie sind unschätzbar wichtige Mosaiksteine bei der Aufarbeitung der Ereignisse von damals“, sagt Hans-Joachim Geupel, Vorsitzender der Stiftung. Weitere persönliche Beiträge sind mehr als willkommen. Denn am 21. Oktober soll der 70. Jahrestag der Befreiung Aachens mit einem Festakt im Ballsaal des Alten Kurhauses gebührend gefeiert werden.

Und neben den ersten „geborenen“ – und noch lebenden – Experten, die nach der Evakuierung der Stadt mit etwa 5000 verbliebenen Zivilisten im heftig umkämpften Talkessel ausharrten, hat die Stiftung in Kooperation mit der VHS, dem Aachener Geschichtsverein und der Karlspreis-Stiftung auch den jungen RWTH-Historiker Peter-M. Quadflieg und Dr. René Rohrkamp vom Staatsarchiv Eupen als Partner gewonnen, um eine umfängliche Dokumentation unter dem Titel „70 Jahre Frieden und Freiheit“ auf den Weg zu bringen.

„Wir wollen dabei auch und gerade junge Leute beteiligen, indem wir etwa eine Plattform im Internet einrichten“, erklärt Geupel. Sie soll im Juni an den Start gehen. Bis dahin sollen zudem möglichst viele Schulen gewonnen werden: „Wir hoffen auf zahlreiche Beiträge jeglicher Art, in denen junge Leute Stellung nehmen unter dem Motto ,Was bedeuten Frieden und Freiheit für mich persönlich?‘“, erläutert Geupel.

Und auch die Befreier selbst, deren Kinder und Enkel, werden selbstverständlich eingeladen zum Festakt im Oktober. Über das Partnerschaftskomitee Aachen-Arlington wollen die Initiatoren auch Schulen jenseits des Atlantiks ins Boot holen. US-Generalkonsul Stephen A. Hubler hat längst zugesagt. Erste Kontakte mit US-Veteranenverbänden sind geknüpft.

Manch spätes Wiedersehen ist also nicht ausgeschlossen: „Es ist spannend zu erfahren, dass viele Aachener die Befreier sehnlichst erwartet haben – und dass sich viele damals sehr schnell mit den Soldaten aus der Fremde angefreundet haben“, sagt Martin Borgmann.

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