Bürokratie: Wo Europa an Grenzen stößt

Von: Stephan Mohne
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Tschüss Aachen: André Klengel hat Tochter Séline an der internationalen Schule in Maastricht angemeldet. Das Schulamt der Städteregion will dem einen Riegel vorschieben. Deswegen sieht sich die Familie gezwungen, ihr Haus zu verkaufen und ins Ausland zu ziehen. Foto: Michael Jaspers
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Erzürnt über „uneuropäische“ Amtsentscheidung: Landtagsabgeordneter Karl Schultheis hat die Schulministerin eingeschaltet. Foto: Krömer

Aachen. Wenn André Klengel vor seiner Haustür einen Stein in die Hand nimmt und ihn westwärts wirft, dann fliegt der in die Niederlande. Denn der 44-Jährige wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern am Lemierser Berg zwischen Orsbach und Klinikum.

Bis in den Nachbarstaat sind es nur ein paar Meter. Das vereinte Europa mit allen seinen Freiheiten, die Euregio, grenzüberschreitendes Denken und Handeln – alle diese Dinge werden allerdings in dieser Geschichte rund um die Familie Klengel ad absurdum geführt. Das Ganze geht so weit, dass die Familie nun ihr Zuhause verkauft, André Klengel seine Montagefirma drangibt und man mit Sack und Pack Aachen den Rücken kehrt – um ins Ausland zu ziehen. Das kam so:

Die Klengels sind eine internationale Familie. Der Vater Deutscher, die Mutter – sie beendet gerade ihre Ausbildung zur Fachärztin für Innere Medizin am Uniklinikum – Niederländerin und Neuseeländerin in doppelter Staatsbürgerschaft, die Kinder mithin gleich trinational. Zuhause werden mehrere Sprachen gesprochen.

Irgendwann will man in Neuseeland heimisch werden – wenn die Kinder mit der Schule fertig sind. Doch bis dahin ist es noch ein Weilchen, denn der Nachwuchs ist sechs, drei und ein halbes Jahr jung. Wegen der Internationalität sollen die Kinder eine internationale Schule besuchen und einen internationalen Abschluss wie das „International Baccalaureate“ (IB) machen.

Petition eingereicht

Eine solche internationale Schule und den Abschluss gibt es in Aachen nicht mehr, seitdem die private St.-George‘s-School vor zwei Jahren dichtmachte. Also schaute man sich um und kam auf das renommierte „United World College“ (UWC) in Maastricht. Als Tochter Séline fünf war – in den Niederlanden wird man in der Regel ab vier Jahren eingeschult –, wurde sie dort angemeldet und besucht nun seit einem Jahr die Schule. „Ich habe mir gar keine Gedanken gemacht, dass das ein Problem sein könnte. Für mich war es so, dass damit der Schulpflicht Rechnung getragen ist“, sagt André Klengel. Denkste.

Denn nun ist Séline sechs und ist mit der Einschulung in Deutschland „dran“. Was den Eltern seitens des zuständigen Schulamts der Städteregion mitgeteilt wurde. Die Familie kabelte zurück, dass die Tochter bereits auf der Schule sei, nämlich in Maastricht. Geht nicht, lautete die Antwort. Das sei nur ausnahmsweise erlaubt, wenn glaubhaft gemacht werden kann, dass eine Familie künftig im Ausland leben wird. „Eben wie bei uns“, dachten sich die Klengels mit Blick auf Neuseeland.

Viel zu vage, viel zu weit in der Zukunft, befand man beim Amt. Also bitte die Tochter an einer deutschen Schule anmelden. Doch das wollte die Familie wiederum nicht auf sich beruhen lassen. Man reichte eine Petition beim Land ein. „Bei einer Anhörung, bei der auch Vertreter des Bildungsministeriums und des Schulamts dabei waren, wollte niemand von seiner starren Linie abrücken“, so Klengel. Einem Mitglied des Ausschusses platzt jedoch der Kragen: „Das ist ein eklatanter Widerspruch zu allem, was wir Europa nennen“, ist Aachens Landtagsabgeordneter Karl Schultheis (SPD) zutiefst verärgert. Er fügt an: „Damit bin ich noch nicht durch!“ Er habe die neue Schulministerin eingeschaltet, erwarte noch vor Ende der Ferien eine Antwort.

Klage vor dem Verwaltungsgericht

Das „seltsame Verhalten“ im Schulamt möge rechtlich gedeckt sein, „aber es gibt hier Ermessensspielräume. Wer auf diesem Standpunkt beharrt, hat unsere Bildungslandschaft nicht verstanden“, so Schultheis.

Zudem: Laut Klengel gab es in diesem Jahr mehrere Anträge auf Sondergenehmigung bei der Städteregion. Fast alle seien positiv beschieden worden. In diesen Fällen hätten die Arbeitgeber bescheinigt, dass die Antragsteller in absehbarer Zeit Deutschland verlassen. Aber auch das ist in den Augen von Klengel eine reine Willensbekundung, die man ihm hingegen nicht glauben wollte. Klengel ist zudem sein eigener Chef und kann sich schlecht selber eine Bescheinigung ausstellen. Die Klengels haben Klage vor dem Verwaltungsgericht eingereicht.

Am 5. Oktober wird ihr Fall verhandelt. Wissenschaftler der Uni Maastricht haben ganz nebenbei in einer Untersuchung festgehalten, dass ein solches Gebaren gegen europäisches Recht verstoße. Freie Wohnortwahl, freie Arbeitsplatzwahl, freie Studienortwahl – und da soll ausgerechnet die Wahl der Schule nicht frei sein? Das dürfe nicht sein, sagen die Forscher. Das NRW-Schulministerium wird der Familie kurzfristig dennoch keinen Rettungsanker hinwerfen: Auf Anfrage der AZ hieß es, dass man den Entscheidungen des Verwaltungsgerichts und des Petitionsausschusses nicht vorgreifen wolle.

Indes erreicht die Geschichte ihren verrückten Höhepunkt. Denn mittlerweile hat sich die Familie entschlossen, Aachen zu verlassen. Für den Hausverkauf wurde ein Maklervertrag geschlossen, das Gebäude wird schon im Internet angeboten, erste Besichtigungen sind terminiert. Wohin die Reise geht, hängt auch vom neuen Arbeitsplatz seiner Frau ab, sagt Klengel. Der könnte am Klinikum Maastricht sein, vielleicht sogar in Neuseeland. Möglicherweise aber auch in Geilenkirchen.

Um das zu entscheiden, das Haus zu verkaufen und irgendwo anders ein neues Zuhause im Ausland zu finden, braucht die Familie Zeit. Die hat sie unter den gegebenen Umständen nicht, denn in knapp zwei Wochen beginnt das neue Schuljahr. Und dann muss Séline ja eigentlich wie befohlen eine deutsche Grundschule besuchen. Vor diesem Hintergrund hatte die Familie nun natürlich gehofft, die Ausnahmegenehmigung doch noch zu erhalten – und sei es nur befristet, bis alle Zelte abgebrochen sind.

Doch das Schulamt denkt gar nicht daran, von seiner Betonlinie abzuweichen. Selbst die geplante Auswanderung, der Hausverkauf, die Firmenauflösung seien reine Absichtserklärungen, für die belastbare Belege fehlten. „Wenn ein unterschriebener Maklervertrag noch kein Beleg ist, weiß ich es auch nicht“, sagt André Klengel resignierend.

Er hat nun gar die Befürchtung, dass das Amt „härteste Bandagen“ anlege. Hohe Ordnungsgelder, ja sogar Ersatzhaft sieht das Gesetz für Verletzungen der Schulpflicht vor. Auch ein Punkt, an dem Karl Schultheis die Luft wegbleibt: „Wir haben ganz andere Fälle von Schulpflichtverletzung und wenn es um Deutschkenntnisse geht, als dass man sich an einem solchen Fall abarbeiten sollte.“ Séline spricht übrigens fließend und akzentfrei Deutsch.

Die Klengels kamen 2012 nach Aachen. Ein Grund sei die Lage im Dreiländereck, die heftig beworbene Internationalität gewesen. André Klengel mag kaum glauben, was daraus geworden ist. Und Schultheis sagt: „So etwas ist imageschädigend für die Stadt. Und auch für die Städteregion.“ Bei der Städteregion will man sich wegen des schwebenden Verfahrens nicht zu dem Fall äußern.

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