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Bürger im Ostviertel: „Wir haben Angst!”

Von: Robert Esser
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Keine Streifen streichen: Im O
Keine Streifen streichen: Im Ostviertel sollen mehr Ordnungskräfte patrouillieren. Foto: Krömer

Aachen. Drogen, Diebstahl, Drohungen: Die drei Schlagworte fallen immer wieder, wenn Liselotte K. und ihre langjährigen Nachbarn von „ihrem” Ostviertel sprechen. Die 83-Jährige ist am Elsassplatz aufgewachsen. „Aber da traue ich mich schon lange nicht mehr hin”, sagt sie.

Früher sei der Stadtteil liebens- und lebenswert gewesen. Mit Metzger, Bäcker, Elektrohändler, Schuh- und Spielwarengeschäft. Das ist vorbei. Dafür gibts heute reihenweise Wettbüros. Aus deren Klientel müssen sich im April zwei mutmaßliche Drogenhändler vor dem Aachener Landgericht verantworten. Nach einem Hinweis aus der Nachbarschaft hatte die Polizei vor Ort observiert und zugeschlagen. Oberstaatsanwalt Robert Deller bestätigte dies jetzt auf AZ-Anfrage. Dass sich damit Entscheidendes im Viertel bessert, glaubt allerdings kaum jemand.

Liselotte K. auch nicht. Mit drei Dutzend Senioren - die meisten stammen gebürtig aus dem Stadtteil - trifft sie sich regelmäßig zum Kaffeeplausch. Und dann wird geschimpft: auf kriminelle Banden, die auf den Straßen ungeniert ihr Unwesen treiben. Und ebenso auf das nach ihrer Einschätzung völlig gescheiterte Stadtteilerneuerungsprogramm Ost. 16 Millionen Euro sind über rund zehn Jahre in 400 Projekte rund um Kennedypark und Rothe Erde geflossen. Das Ziel: Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Förderung der Integration. Etwa jeder dritte Bewohner des Viertels besitzt nach Angaben der Stadt keinen deutschen Pass; und der Migrationshintergrund reicht noch viel weiter.

„Das Ergebnis der Millionen-Ausgaben kann man jeden Tag auf der Straße beobachten”, stellt Liselottes Freundin Hilde W. süffisant fest. „Auf offener Straße werden Drogen verkauft, Passanten werden bedrängt”, klagt sie. Und wer die Polizei rufe, werde aggressiv bedroht. „Wir haben Angst”, sagt die 65-Jährige. Auch sie will nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen - man fürchtet Rache.

Vor den Wettbüros und einigen Cafés der Elsassstraße tummeln sich Tag für Tag Grüppchen junger Männer, von denen man sich bedroht fühle. „Wer da als älterer Mensch mit einer Handtasche unterwegs ist, riskiert was”, sagt Hilde W. Man meide als Fußgänger die Elsassstraße, weiche über die Sedanstraße aus. Darunter leiden nun auch Geschäftsleute, die dort schon vor Jahrzehnten mit kleinen Gemüseläden und Restaurants das internationale Flair Aachens bereicherten. Aber die Seniorin stellt klar: „Es gibt Gruppen, durch deren Verhalten das ganze Viertel den Bach runter geht. Und keinen scheints zu kümmern!” Polizei und Ordnungsamt seien - nach einigen Razzien im vergangenen Jahr - mittlerweile kaum noch präsent, kritisieren die Rentnerinnen.

Markus Frohn, Pastor der einzigen katholischen Pfarrkirche im Ostviertel, stimmt zu: „Ja, jeder sieht, dass hier auf offener Straße gedealt wird - vor allem zwischen Kennedypark, Elsassplatz und Schleswigstraße.” Gebessert habe sich daran seit Jahren nichts. „Hier sind Politik und Polizei gefragt”, fordert der Geistliche. Und CDU-Ratsherr Friedrich Beckers, der seit Jahrzehnten ein Schreibwarengeschäft in der Elsassstraße führt, gesteht ein: „Die Situation ist schlimm, eine schnelle Lösung gibt es nicht.” Aus keinem anderen Bezirk der Stadt registriert die Kriminalitätsstatistik mehr Tatverdächtige als aus dem Ostviertel.

Die Polizei und der städtische Fachbereich „Soziales und Integration” reagieren auf die Vorwürfe. „Stimmt nicht!”, kontert Fachbereichsleiter Heinrich Emonts die Kritik an den Millionen-Projekten. „Viele Initiativen des Stadtteilerneuerungsprogramms zeigen nachhaltig integrative Effekte”, sagt er. Zwar werde das Stadtteilbüro Ost in diesen Tagen nach zwölfjährigem Engagement aufgelöst. Aber dafür installiere man am Reichsweg ein Quartiersmanagement mit Bürgerbüro in der Nadelfabrik - im „Haus der Identität und Integration”. „Da gibt es einen Ansprechpartner für alle Belange”, betont Emonts. Aktive Sozialarbeit auf den Straßen oder der Einsatz von Streetworkern sei jedoch nicht geplant.

Im Brennpunkt will die Polizei jetzt wieder verstärkt Präsenz zeigen. „Wir nehmen die Sorgen der Anwohner sehr ernst und sind natürlich im Rahmen eines speziell für das Ostviertel zugeschnittenen Handlungskonzepts regelmäßig mit Beamten in Uniform und zivilen Kräften vor Ort”, erklärt Polizeisprecherin Sandra Schmitz. Doch die personellen Ressourcen sind begrenzt. „Darum sind wir auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Die jüngsten Festnahmen zeigen, dass dann Erfolge erzielt werden”, ermuntert Schmitz zu mehr Wachsamkeit.

Liselotte K. fragt sich indes, ob das reicht, um dem Ostviertel wieder auf die Beine zu helfen.
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