Büchel-Pläne und Bordelle: Helmut Falter hat die Nase voll

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Familienfreundliches Wohnen neben Bordellen? Für Helmut Falter, Seniorchef der Mayerschen Buchhandlung, passt das ganz und gar nicht zusammen. Deswegen will er dort nicht bauen. Foto: Michael Jaspers
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Eine Brache, die bleibt: Weil die Politik die Auslagerung der Bordelle aus der Stadt kategorisch ausschließt, will Helmut Falter seine Grundstücke Ecke Nikolaus-/Antoniusstraße nicht bebauen. Foto: Jaspers
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Das wird die Pläne für das „Altstadtquartier Büchel“ treffen, da an einer wichtigen Stelle Lücken bleiben. Foto: Chapman Taylor

Aachen. Er hat lange geschwiegen. Zumindest öffentlich. Doch bei der Lektüre der jüngsten Berichte unserer Zeitung zum „Altstadtquartier Büchel“ über den Alleingang des Oberbürgermeisters in Sachen Auslagerung der Bordelle und die heftige Reaktion der Politik darauf ist Helmut Falter der Kragen geplatzt. Jetzt schweigt er nicht mehr.

Sondern redet Klartext: „Wir behalten uns vor, ob wir überhaupt bauen“, sagt der Seniorchef der Mayerschen Buchhandlung im Gespräch mit unserer Zeitung. Später verschärft er diese Aussage noch: „Unter den gegebenen Umständen werden wir zunächst nicht mitbauen.“

Was nicht weniger bedeutet als: Wenn dieser wichtige Innenstadtbereich zwischen Büchel, Mefferdatis- und Kleinkölnstraße umgestaltet wird, dann werden neben all den geplanten schmucken Neubauten unansehnliche Lücken bleiben. Denn den Falters gehören für die Entwicklung des Quartiers wichtige und zentrale Grundstücke – beispielsweise jenes an der Ecke Antonius-/Nikolausstraße und jenes ein Stück daneben oberhalb des heutigen Parkhauses, wo demnächst eine neue Wegeverbindung durchs Altstadtquartier gebaut werden und in einem neuen Platz enden soll.

Helmut Falter blickt bei seinen Ausführungen auf Stapel von Zeitungsberichten und Akten aus den vergangenen Jahren. Dass er sich jahrelang öffentlich nicht zu Wort meldete, bedeutet nämlich nicht, dass er in der Sache nicht aktiv gewesen wäre. Im Gegenteil.

„Ich habe schon weit, weit vor dem Polizeipräsidenten und nun auch dem Oberbürgermeister immer wieder darauf hingewiesen, dass alle Pläne, hier neue Wohn- und Geschäftsbebauung zu etablieren, zum Scheitern verurteilt sind, wenn der Rotlichtbezirk gleich nebenan bleibt“, erzählt der 82-jährige erfolgreiche Unternehmer. Er habe oft das Gespräch mit allen Seiten gesucht, in seinem Büro saßen auch Bordellbetreiber, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Briefe an die Politiker unterschiedlichster Couleur habe er auch geschrieben. Meist habe man ihm nicht einmal geantwortet.

Nur CDU-Fraktionschef Harald Baal antwortete dann doch mal. „Vermutlich, weil ich CDU-Mitglied bin“, schmunzelt Falter, dem ansonsten gar nicht zum Lachen zumute ist. Unter dem Strich erkennt Helmut Falter bei der Politik keinerlei Bereitschaft, überhaupt noch über die Auslagerung der Bordelle zu reden. „Alle Argumente sind immer wieder mit einer Konsequenz, deren Gründe ich nicht kenne, abgeschmettert worden. Was bleibt, ist Resignation“, sagt er.

So sei nun bei der Familie der Entschluss gereift, erstmal nicht mitzuziehen bei der Umsetzung der Pläne: „Wir werden unter diesen Voraussetzungen keine Millionen investieren.“ Dabei sieht sich Falter nicht als Großinvestor wie die beiden Hauptakteure Norbert Hermanns und Gerd Sauren. „Wir sind private Grundstücksbesitzer“, sagt er.

Aber auch seine Familie habe durchaus bauen wollen – so etwa auf jenem Eckgrundstück, das früher der Stadt gehörte und eine Dependance der Stadtreinigung war. Unter anderem Wohnungen für Mitarbeiter der Mayerschen hätten dort entstehen sollen. „Wir stehen vor einer einmaligen Chance. Aber ein Laufhaus in der Nachbarschaft passt nicht in solch ein Invest. Deswegen werden wir jetzt keine finanziellen Bindungen eingehen“, sagt er klipp und klar. Er werde sich deshalb auch nicht an den dringend benötigten Verträgen zur Sicherung der Qualitätsstandards für das Viertel beteiligen.

Den Termin zur Unterzeichnung hatten Hermanns und Sauren kürzlich ohne Angabe von Gründen ohnehin erstmal platzen lassen. Auch an der Beauftragung von Planern will sich Falter nicht beteiligen, weil: „Wir brauchen jetzt keine Architekten.“

Und er ärgert sich schwarz über jüngste Aussagen wie jene des grünen Planungspolitikers Michael Rau, der angesichts der Bemühungen der Großinvestoren und des Alleingangs des OB zur Auslagerung der Bordelle die Frage stellte: „Wem gehört eigentlich die Stadt?“ Falter ist erbost: „Das ist unverschämt und infam. Gehört denn die Stadt etwa den Politikern im Stadtrat?“

Trotzdem bekundet der Mann, der in seinem Unternehmen rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt, dass er die Planungen nicht blockieren wolle. Dass er das durchaus könnte, lässt er unausgesprochen. Denn zum Bau der neuen Wegeverbindung von der Nikolaus- in Richtung Mefferdatisstraße wird ein Teil seiner Flächen benötigt. „Wir werden das nicht mit einer Weigerung bis hin zu einer jahrelang dauernden möglichen Zwangsenteignung blockieren“, so Falter.

Die nötigen Flächen, er spricht von etwa 15 Prozent seines Grundstücks, werde er zu diesem Zweck abgeben – „vermutlich für ‘nen Appel und ein Ei“. Auch die Archäologen dürften im Zuge der Umgestaltung des Quartiers gerne auch auf seinen Grundstücken buddeln. Aber das war es dann auch erst einmal.

Helmut Falter blickt auf seinen Spickzettel, auf den er Stichworte geschrieben hat. „Kriminalität“ steht da zum Beispiel. Da kann er für den Fall des Verbleibs des Rotlichtmilieus und der Konzentration in einem „Laufhaus“ den Befürchtungen von Polizeipräsident Dirk Weinspach aus eigener Erfahrung nur zustimmen: „Alleine von meinem Grundstück wurde dieses Jahr ein Auto gestohlen, mehrere wurden aufgebrochen.“ Er erzählt von „blutverschmierten Schaufenstern“, von Pöbeleien, denen Gäste seines „Forum M“ und seine Mitarbeiter zu später Stunde immer wieder ausgesetzt seien.

Stichwort „Zeitachse“: Wenn die Politik sage, das Gesamtprojekt würde sich um Jahre verzögern, wenn man nun doch noch eine Verlagerung der Bordelle anstrebe, kann Falter das überhaupt nicht nachvollziehen: „Es wird ohnehin zehn, 15 oder mehr Jahre dauern, bis alle Bordelle in ein Laufhaus umgezogen wären. Man kann die Betreiber angesichts gültiger mehrjähriger Mietverträge in der Antoniusstraße nicht zwingen.“ Eine Verzögerung von vielleicht drei Jahren – eher wenig gegenüber den vielen Jahren voller gescheiterter Projekte am Büchel – würde also gar nicht ins Gewicht fallen.

Einen Hebel gibt es noch

Stichwort „Soziales“: Die Arbeit beispielsweise der Prostituiertenhilfe „Solwodi“ sei wichtig, erkennt Falter an. Aber an einem Standort außerhalb der Kernstadt wäre die soziale Kontrolle nicht anders als in einem „Laufhaus“ in der City. „Mir muss über die Hilfe für Prostituierte niemand etwas erzählen. Wir haben mit der Nepal-Hilfe etliche Kinderprostituierte in Mumbay aus Bordellen befreit und sie in ihre Heimat gebracht“, berichtet Falter. Und beim Stichwort „öffentliche Meinung“ ist er der Meinung: „Bei einer Befragung ähnlich einem Bürgerentscheid würde sich mit Sicherheit eine große Mehrheit für die Auslagerung aussprechen.“

Einen Hebel sieht der Unternehmer noch: Die Investoren Hermanns und Sauren hätten ihm gesagt, dass die „Laufhaus“-Lösung mit ihnen nur machbar sei, wenn dieser Bau gegenüber der neuen Wohn- und Geschäftsbebauung deutlich abgeriegelt werde. Ansonsten würden sie nämlich auch nicht bauen. Tatsächlich hatte Kolja Linden als Sprecher von Hermanns‘ „Landmarken AG“ gegenüber unserer Zeitung gesagt, es müsse eine ganz klare bauliche Trennung geben. Doch just das ist nach Ansicht der Polizei – und dem Vernehmen nach auch aus Sicht der Feuerwehr – aus einsatztaktischen Gründen völlig undenkbar. Eine Lösung für diese Frage gibt es bisher nicht.

Und wenn die Politik nun wider Erwarten doch noch umschwenken würde? „Dann würden wir sofort mitmachen und bauen“, sagt Falter. Hermanns und Sauren hätten ihm bereits wegen der Synergien eine gemeinsame Bauträgerschaft angeboten. „Das hätte für uns schon aus finanziellen und praktischen Gründen seinen Reiz“, so Falter.

Doch nach jetzigem Stand ist diese Hoffnung wohl eher illusorisch, wie sich auch am Donnerstagabend im Planungsausschuss bewies, wo das Thema aufgrund der Berichte unserer Zeitung über den Alleingang des OB kurzfristig gelandet war.

Und so sagt Helmut Falter nach all den Jahren seines Bemühens: „Ich habe den Kampf verloren gegeben.“ Spricht‘s, investiert keine Millionen – und die schönen Visionen der Planer von einem durchgängigen „neuen“ Altstadtquartier bekommen eine empfindliche Beule.

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