Brutaler Überfall in beschaulicher Idylle

Von: Oliver Schmetz
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Der Tatort, 15 Stunden nach der Tat: In dieser Wohnstraße in Brand wurden der Rechtsanwalt Andreas Palm und seine Frau überfallen, als sie vor ihrem Haus abends aus dem Auto stiegen. „Der Täter schlug sofort mit einem Knüppel zu, ohne jede Vorwarnung“, erzählt Palm. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Tatort gleicht an diesem Mittag, gerade einmal 15 Stunden nach dem brutalen Überfall, einer beschaulichen Idylle. Es ist eine kleine Wohnstraße in Brand, gesäumt von Einfamilienhäusern. Die Vorgärten sind gepflegt, die Sonne scheint, die Stimmung ist friedlich.

Im Grunde ist auch am Abend zuvor alles genauso gewesen. Nur dunkel ist es an diesem Montagabend um 22.30 Uhr natürlich. Aber darüber haben sich Andreas Palm und seine Frau bislang nie groß Gedanken gemacht, wenn sie abends nach Hause kamen. Was soll auch schon passieren, wenn man in einer ruhigen Wohngegend direkt vor dem eigenen Haus parken kann und es nur ein paar Schritte bis zur Haustüre sind?

Täter in die Flucht geschlagen

Doch an diesem Montagabend ist alles anders. Andreas Palm ist gerade aus seinem Wagen ausgestiegen, als er sieht, wie eine dunkle Gestalt mit einem Gummiknüppel in den Händen auf ihn zustürzt. Reflexartig reißt er den linken Arm hoch, um seinen Kopf zu schützen. Drei Mal trifft der Knüppel seinen Unterarm und den Ellbogen. Danach schlägt der Unbekannte ihn in die Rippengegend. Palms Ehefrau, der sich ein zweiter Mann nähert, schreit laut, er selber brüllt und wehrt sich nach Kräften – und die Täter verschwinden. Nachbarn laufen auf die Straße, die Polizei wird gerufen, die Fahndung verläuft ergebnislos. Und Andreas Palm und seine Frau verbringen eine schlaflose Nacht.

Gut 15 Stunden später stehen sie an der gleichen Stelle vor ihrem Haus. „Das ist so unwirklich“, sagt Palms Ehefrau, „als hätte ich einen amerikanischen Spielfilm gesehen.“ Und ihr Mann, dem von Berufs wegen als Rechtsanwalt und Strafverteidiger Kriminalität durchaus nicht fremd ist, schüttelt immer wieder den Kopf. „Das kann offenbar jedem jederzeit passieren, ganz unabhängig vom Ort und vom eigenen Verhalten“, sagt er. „Unglaublich, dass man nicht einmal mehr hier in Brand vor seinem eigenen Haus aus dem Auto steigen kann, ohne überfallen zu werden.“

Die Attacke auf Andreas Palm und seine Frau ist der 28. Raubüberfall seit dem letzten Augustwochenende. Nummer 27 ereignet sich am Montagnachmittag auf der Roermonder Straße. Dort versucht ein Mann, einer 25-Jährigen beim Überqueren der Straße die Handtasche zu entreißen, doch können zwei Jugendliche die Tat vereiteln, indem sie der Frau zu Hilfe kommen. Nummer 29 folgt dann um zwei Uhr früh am Dienstag in der Ursulinerstraße, wo ein 35-jähriger Belgier überfallen wird, nachdem er zuvor an einem Automaten Geld abgehoben hat.

Nun kann man darüber nachdenken, ob es vernünftig ist, nachts in der Aachener Innenstadt Geld abzuheben – und das in einer Zeit, in der die Polizei Plakate klebt, auf denen angesichts der aktuellen Straßenraubserie davor gewarnt wird, nachts alleine zu Fuß nach Hause zu gehen. Diese Poster hängen in Kneipen und Nachtclubs, weil viele der Opfer stark alkoholisiert und damit wehrlos waren, als sie überfallen wurden.

Bloß: Nichts von dem trifft auf Andreas Palm und seine Frau zu. Sie waren an dem Abend in einem Restaurant essen, sie sind mit dem Auto nach Hause gefahren, sie haben sich nicht nachts an Kriminalitätsbrennpunkten aufgehalten. Und doch wurden sie mit erschreckender Brutalität konfrontiert. Der Täter habe sofort auf ihn eingeschlagen, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Drohung auszusprechen, erzählt Palm. „Der wollte mich einfach nur schnell ausschalten“, sagt er. Und schüttelt wieder den Kopf. Nur für eine Sekunde habe er den Angreifer gesehen, sagt Palm, „der Rest war Kampf“. Seine Beschreibung ist deshalb vage. Dunkelhäutig seien die Männer gewesen, erzählt der Anwalt, „und blutjung“. Fotos hat er sich schon angeguckt bei der Polizei, aber niemanden erkannt.

Jetzt, gut 15 Stunden nach der Tat, steht er vor seinem Haus, wo alles geschah, und er steht dort wie unter Schock. „Wenn ich hier in mein Auto einsteige, ist das jetzt ein anderes Gefühl“, sagt er. Sein linker Ellbogen ist dick bandagiert, mehrere Prellungen und ein Faserriss. In der Rippengegend schmerzt ihn ein großer Bluterguss. Aber er hat noch Glück im Unglück gehabt. Denn die Schläge zielten ja eigentlich auf seinen Kopf, und sein Hab und Gut ist unangetastet geblieben. Der Belgier, der in der Innenstadt Geld abhob, hatte weniger Glück. Mehrere Männer schlugen ihn krankenhausreif, raubten ihm Geld, Uhr, EC-Karten, Ausweise.

Doch auch wenn Andreas Palm nicht wirkt wie ein Mensch, der sich schnell fürchtet, und dazu noch Glück hatte – die Angst ist nun trotzdem bei ihm und seiner Frau zu Hause. „Ich mache mir jetzt wirklich Sorgen um meine Familie, zum Beispiel wenn meine Kinder in der Dämmerung unterwegs sind“, sagt der Anwalt.

Gegen solche Ängste hilft nur Sicherheit. Dafür ist die Polizei zuständig, und die benötigt Ermittlungserfolge, um Sicherheit zu schaffen. An diesem Dienstag gibt es immerhin einen. Der 17-Jährige, der am Wochenende bei einem Überfall erwischt wurde – die sechste Festnahme während der Raubserie – kommt laut Polizei auch für einen anderen Raub in Frage. Von den beiden Tätern, die Andreas Palm und seine Frau überfallen haben, fehlt aber jede Spur.

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