Aachen - Bombardier: Heiligabend schieben sie die dunklen Wolken weg

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Bombardier: Heiligabend schieben sie die dunklen Wolken weg

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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Der unerschütterliche Optimist: Heiko Painsi glaubt fest daran, dass es für das Bombardier-Werk eine Nachfolgelösung gibt. Foto: Michael Jaspers
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Die Skeptischere: Für Doris Hennig hat an dem Tag, an dem die Schließung bekannt wurde, eine Zeit der Sorgen begonnen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wenn Heiko Painsi erzählt, fallen immer wieder Worte wie Hoffnung oder Glauben. Der Mann strahlt Zuversicht aus. „Der Glaube daran, dass es irgendwie weitergeht, ist bei mir einfach da“, sagt er. Wahrscheinlich ist es gut, dass es in der kleinen Familie einen solch großen Optimisten gibt, gerade in diesen Weihnachtstagen.

Denn dieses Weihnachten wird für Heiko Painsi, Doris Hennig und ihren Sohn Jonas anders als alle, die sie bisher zusammen gefeiert haben. Dunkle Wolken überschatten ihren Heiligen Abend und verdüstern auch den Blick in die Zukunft. Denn wie bei rund 600 anderen Familien in der ganzen Region, die von der Schließung des Aachener Bombardier-Werks betroffen sind, steht es für sie völlig in den Sternen, wie es weitergeht.

Der Tag, an dem die dunklen Wolken heraufzogen, war ein Donnerstag vor gut zwei Monaten. An diesem 18. Oktober erhielt Doris Hennig von ihrem Lebensgefährten eine SMS. „Jetzt ist es amtlich“, stand darin. Sie wusste, was das hieß: Jetzt machen sie das Werk dicht. Für die medizinische Fachangestellte war das ein Schock. „Da ist man erst einmal wie betäubt“, sagt sie.

Für Doris Hennig hat an diesem Tag eine Zeit der Sorgen begonnen. Sie denkt viel an das liebevoll eingerichtete Haus, in dem die Familie seit 2005 am Aachener Stadtrand in Verlautenheide lebt. Und daran, wie man es künftig bezahlt, wenn Bombardier im Sommer schließt. „Man hat sich so ein Sicherheitsgerüst aufgebaut über die Jahre“, erzählt sie. „Und wenn dann jemand kommt und daran sägt, dann wachsen die Existenzängste.“

Seit jenem Donnerstag im Oktober kann sie nicht mehr gut schlafen. „Ich wohl“, sagt er lächelnd und spricht dann wieder von seiner großen Hoffnung, von seinem starken Glauben daran, dass sich alles zum Guten wendet. Wenn Heiko Painsi so redet, sitzt Doris Hennig neben ihm und schaut ihn mal staunend, mal sogar verblüfft an. Zum Beispiel wenn er erzählt, dass er sich förmlich weigert, nach einer neuen Stelle zu suchen, solange das endgültige Aus an der Jülicher Straße noch nicht Schwarz auf Weiß besiegelt ist. „Ich wundere mich immer wieder über diesen Optimismus, ich bin da viel skeptischer“, sagt sie.

Natürlich ist auch Heiko Painsi kein naiver Träumer. Er hofft nicht auf ein Entgegenkommen oder gar auf einen Sinneswandel bei dem kanadischen Weltkonzern. Dafür ist die Schließungsabsicht mittlerweile viel zu oft und viel zu kategorisch bekräftigt worden. Aber er glaubt daran, dass sich doch ein anderer findet, der das brachliegende riesige Potenzial an der Jülicher Straße entdeckt und nutzt. Er hofft, dass eine der zurzeit noch vage diskutierten Nachfolgeideen umgesetzt wird und möglichst viele Kollegen weiter beschäftigt werden können. Daran beteiligt ist auch der Betriebsratsvorsitzende Josef Kreutz, dem Heiko Painsi für seinen unermüdlichen Einsatz „ein dickes Lob“ ausspricht – „und das kann ich bestimmt im Namen aller Kollegen machen“.

Vielleicht sind es auch diese Kollegen, die er seit Jahren, teils seit Jahrzehnten kennt und wegen denen er nicht so leicht loslassen kann. Diese Gemeinschaft, die viele auch Kameradschaft nennen. Heiko Painsi ist ein alter „Talbötter“, hat in der früheren Waggonfabrik Talbot 1989 seine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert. Danach ging er in dem Werk, das 1995 von Bombardier übernommen wurde, schnell seinen Weg. Heute ist der 44-Jährige in einer leitenden Funktion tätig. Als Heiko Painsi anfing, arbeiteten in Spitzenzeiten fast 2000 Menschen in der Waggonfabrik. Heute sind es etwas mehr als 400 Festangestellte und knapp 200 Leiharbeiter. Man könnte sagen: Wer bis heute übrig geblieben ist, der hat in den vergangenen 25 Jahren einiges miterlebt an Entlassungswellen, an Sorgen, an Arbeitskämpfen. Das stählt selbst Waggonbauer, das schweißt zusammen.

Vermutlich ist es auch dieses oft erlebte und immer gut überstandene Auf und Ab, auf dem ein Teil von Heiko Painsis Optimismus gründet. „Ich habe mich daran gewöhnt, man lebt damit – es ist ja auch immer gut gegangen“, sagt er. Doris Hennig hatte aber zuletzt schon das Gefühl, „auf einem sinkenden Schiff zu sitzen“, vor allem nach der letzen Entlassungswelle 2010, ebenfalls kurz vor Weihnachten. „Und auch vorher kamst du mehrmals nach Hause und sagtest: Die nächsten zwei Jahre sind wieder sicher“, erinnert sie ihn. Das Sicherheitsgerüst, das der Weltkonzern Bombardier seinen Aachener Mitarbeitern zu bauen gestattete, war nie sehr stabil. Bloß: Jetzt bricht es zusammen.

Die Sorgen seiner Eltern sind naturgemäß auch dem 15-jährigen Jonas nicht verborgen geblieben. „Wir reden über solche Dinge in der Familie“, sagt er und erzählt, wie er in der ersten Zeit nach Bekanntwerden der Schließung jeden Bericht darüber förmlich verschlungen hat. Auch in der Schule hat er es thematisiert, seine Klasse aus der Luise-Hensel-Realschule besuchte geschlossen die Mahnwache vor dem Werkstor und sprach mit dem Betriebsratsvorsitzenden Josef Kreutz. Hautnaher Unterricht in Politik, Wirtschaft und Sozialkunde sozusagen. Was Globalisierung bedeutet, was Entscheidungen im fernen Kanada hierzulande bewirken, muss sich Tobias nicht theoretisch aneignen. Das erfährt die kleine Familie gerade am eigenen Leibe. „Er hat sofort angeboten, dass sein Wunschzettel kleiner ausfallen kann“, sagt seine Mutter schmunzelnd.

Wobei: Zum Schmunzeln ist Doris Hennig nicht wirklich zumute. Auch wenn sie nebenbei kleine Anekdoten erzählt wie die, die sie neulich erlebt hat. Da kam sie mit einer ihr unbekannten Frau ins Gespräch und stellte schnell fest, dass deren Mann auch bei Bombardier arbeitet. Normalerweise wäre so etwas ein lustiger Zufall, aber was ist im Moment schon normal? Wirklich lachen kann Doris Hennig zurzeit nicht über solche Geschichten.

Auch wenn sie viele Freunde haben, die Anteilnahme und Interesse zeigen, auch wenn sie die beispiellose Welle der Solidarität mit den „Talböttern“ immer wieder zu Tränen rührt: Es ist so, als hätte sich für Heiko Painsi und Doris Hennig ein grauer Schleier über die Vorweihnachtszeit gelegt, als glänzte alles viel weniger als in früheren Jahren. Er erzählt, dass sie wie immer am 1. Dezember begonnen habe, das Haus weihnachtlich zu schmücken. „Aber ich habe gemerkt, wie schwer ihr das diesmal fiel“, sagt er. Und sie räumt ein, dass ihr momentan „die Stimmung fehlt, um so etwas mit Freude zu machen“.

Es ist alles anders in diesem Jahr, so anders, dass beide von „einem sehr großen dunklen Schatten“ sprechen, der über allem liegt. „Abschalten wird schwer“, sagt Heiko Painsi, „ich hoffe, dass es uns gelingt.“ Damit es gelingt, verläuft der Heilige Abend in dem Haus in Verlautenheide wie immer. Die Großeltern kommen zu Besuch, man kocht etwas Besonderes, geht in die Kirche, setzt sich danach zu Tisch, und dann gibt es die Bescherung. Und nicht nur der Optimist Heiko Painsi wird an diesem Tag, der wie kein anderer erfüllt ist von Worten wie Glauben, Hoffnung und Zuversicht, alles daran setzen, die dunklen Wolken zumindest für ein paar Stunden wegzuschieben.

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