Blindenführung im Couven-Museum: Bildhafte Runde durch die Wohnkultur

Von: sil
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Blindenführung im Couven: Mus
Blindenführung im Couven: Museumsführerin Petra Hellwig mit Besucherin Sabine Nikolaus und Begleiter Joachim Gennes. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Langsam lässt Sabine Nikolaus ihre Finger über das Holz gleiten, ertastet die kunstvoll geschnitzten Verzierungen und erkennt darin Blumen und Perlen. „Das ist schön”, sagt sie, tritt einen Schritt vom hölzernen Sekretär zurück und greift zur Hand ihres Begleiters.

Sabine Nikolaus ist zum ersten Mal im Couven-Museum und lernt auf ihre ganz eigene Weise die Wohnkultur des 18. und 19. Jahrhunderts kennen.

Auch für Museumsführerin Petra Hellwig ist es eine neue Erfahrung. Bei der ersten Führung für blinde und sehbehinderte Menschen durch das Haus Monheim will sie anwenden, was sie bei einer speziellen Fortbildung gelernt hat. Dazu gehöre einiges mehr als auf Stufen und Schwellen zu achten. „Ich muss viel bildhafter sprechen als sonst”, erklärt sie die Unterschiede. „Und wir brauchen deutlich mehr Zeit.”

Für all das, was sich dem sehenden Besucher auf den ersten Blick erschließt, benötigt Sabine Nikolaus ihre Vorstellungskraft. Dabei hilft nicht nur eine exakte Beschreibung der Dinge. Sie muss sie auch berühren können. Weil das bei üblichen Museumsführungen tabu ist, geht Sabine Nikolaus selten ins Museum. Spezielle Angebote für Blinde gebe es wenige. „Wenn ich keine Gegenstände anfassen darf, dann habe ich nichts davon”, sagt sie.

Bei der Blindenführung im Couven-Museum gibt es zum Glück eigene Regeln. In der Apotheke des Hauses darf Sabine Nikolaus haptisch erfahren, mit welchen Gegenständen hier früher gearbeitet wurde. Sie darf den großen Mörser in die Hände nehmen, die Korkenpresse aus Metall, verschieden große Maßkrüge und die prachtvolle Waagschale, die auf der Verkaufstheke steht.

Was auf den Gemälden des Hauses zu sehen ist, beschreibt Petra Hellwig mit Worten - und spart dabei nicht an Details. Auch der Perlenohrring der herrschaftlichen Dame, die von oben herab auf den Wohnraum blickt, wird erwähnt. Schwierig wird es, wenn sich die Gegenstände vor allem anhand ihrer Farben beschreiben lassen. Sabine Nikolaus hat noch nie gesehen - und daher keinerlei Vorstellung von Farben. Petra Hellwig muss also erfinderisch sein.

Auch eine Vorstellung von Räumlichkeit, Dimension und Atmosphäre der Räume muss sie vermitteln. Wo im Haus befindet sich die Besucherin? Wie groß ist das Zimmer, wie groß der Kamin? Was sieht man, wenn man aus den Fenstern auf den Hühnermarkt herausschaut? Scheint die Sonne hinein? Das, was der sehende Besucher unbewusst wahrnimmt, gehört zum Gesamteindruck dazu.

Dann gibt es aber auch Dinge, die Sabine Nikolaus viel bewusster wahrnimmt als ein sehender Mensch. Dinge, die für manchen Besucher vielleicht sogar unentdeckt bleiben. Das knarzende Geräusch der alten Holzdielen zum Beispiel. Oder der Riss auf der Kochplatte, den sie beim Ertasten entdeckt.

Am Ende der Führung hat Sabine Nikolaus viele Eindrücke gesammelt. „Die muss ich erst einmal verarbeiten”, sagt sie und denkt darüber nach, die weiteren Etagen des Hauses bei einem zweiten Besuch zu erkunden. Dann nämlich, hat Petra Hellwig angekündigt, soll es auch ein akustisches Erlebnis geben.

Spezielle Führungen für Blinde und Sehbehinderte durch das Museum

Das Couven-Museum bietet noch weitere kulturgeschichtliche Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen an.

Die nächsten Führungen sind am Samstag, 6. Oktober, und am Samstag, 10. November, jeweils um 15 Uhr. Auf Grund der beschränkten Teilnehmerzahl ist eine Anmeldung unter Tel. 47980-20 oder per E-Mail an renate.szatkowski@mail.aachen.de erforderlich. Der Eintritt ist für Besucher mit einer Begleitperson frei.

Auch in diesem Jahr unterstützt die Aachener Zeitung mit Berichten über das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicap das so genannte Katschhoffest. Dieses Fest der Begegnung findet in diesem Jahr statt am Samstag, 22. September, von 11 bis 17 Uhr auf dem Katschhof. Geboten werden Trommelmusik, Blues und Rock, Folklore. Es tritt die New Orleans Jazzband auf, die „Rolling Bones” sind ebenfalls wieder mit von der Partie.

Das Fest steht unter dem Motto „Brücken bauen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung”.

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