Blaumann für neue Perspektiven

Von: Marie Ludwig
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Engagiert: Vertreter der unterstützenden Organisatoren und der Einrichtung selbst informierten sich bei den Teilnehmern. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Jugendliche in Blaumännern stehen an den Werkbänken in der Aachener Tuchfabrik. Mit breiten Haarpinseln lackieren sie Holzrahmen. Unter ihnen ist Kamber. Viermal in der Woche kommt er in die Soers, um zu werkeln – als Maßnahme.

Denn Kamber ist einer von 40 Jugendlichen, die im normalen Schulsystem gescheitert sind. „Die Produktionsschule soll jugendlichen Zuwanderern und den hiesigen Jugendlichen, die es schwer haben, eine Chance geben“, erklärt Simone Pfeiffer vom Sozialwerk Aachener Christen. Und das kommt so gut an, dass Martina Nesseler 15.000 Euro Spenden für das Projekt zusammenbekommen hat. Sie ist Präsidentin des Inner Wheel Clubs (IWC) in Aachen; einer weltweit organisierten Frauenvereinigung, deren Mitglieder Angehörige von Rotariern oder anderen Inner Wheelerinnen sind. Durch einen Spendenball hat sie das Geld für die Produktionsschule und ein weiteres Jugendprojekt namens „Respekt“ gesammelt. „Die beiden Projekte verkörpern Integration auf einem beispielhaften Niveau in unserer Region“, sagt Nesseler.

„Durch Spenden des IWC können wir noch mehr Jugendlichen den Weg zurück in die Gesellschaft ermöglichen“, sagt Pfeiffer. Zusammen mit sechs weiteren Trägern hat das Sozialwerk vor knapp einem Jahr drei Produktionsschulen in der Region ins Leben gerufen. Die Standorte Alsdorf, Eschweiler und Aachen wurden untereinander aufgeteilt. Die Produktionsschule in der Tuchfabrik wird durch das Sozialwerk, Kolping und Picco Bella betreut.

Zunächst war das Projekt nur auf ein Jahr datiert. Doch Pfeiffer hat eine weitere gute Nachricht: „Die Förderung vom Jobcenter und dem Land NRW wird um zwei Jahre verlängert.“ Ein Erfolg, denn das Projekt setzt sich nicht nur für die Jugendlichen ein, sondern soll auch Vorurteile abbauen: „Wir möchten die Entwicklung stoppen, dass Jugendliche um die Unterstützung und Hilfe konkurrieren“, erklärt Pfeiffer. Deswegen sei eine Mischung der Gruppe umso wichtiger.

Alte Garnspulen, schrumpelige Bücher, spröde Holzbohlen – das kann weg? Auf keinen Fall, denn aus den alten Schätzchen bauen die Jugendlichen neue Dinge. Aus den Spulen wird ein Spiel für den Garten, die Bücher werden zu Fächern gefaltet und dienen als Halterung für kleine Zettel.

Fachliche Unterstützung bekommen die Jugendlichen von Schreinern und Metallbauern. „Das ist natürlich nicht vergleichbar mit einer Lehre“, sagt Pfeiffer, „aber wir hoffen, dass es Anstöße für eine Lehre geben kann.“ Auch pädagogisch werden die Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren in der Produktionsschule betreut. Durch das Sozialtraining sollen sie lernen, eigene Fähigkeiten und ihre Entwicklung zu reflektieren.

Wenn Kamber von seinem Leben vor der Produktionsschule erzählt, schaut er nach oben, fährt sich mit der Hand durch die Haare. Möbelpacker, Praktikum in einer Schreinerei, auf dem Reiterhof – Kamber hat schon viele Maßnahmen hinter sich. „Maßnahme“. Kamber benutzt dieses Wort oft. Die Produktionsschule ist auch eine solche. Und doch scheint es etwas anderes für den 22-Jährigen zu sein. „Ich bin das erste Mal seit langer Zeit diszipliniert und habe sogar etwas dazugelernt“, sagt er. Im Team arbeiten, Dinge erschaffen – da sind sich alle einig: Das tut gut! Dafür kommen die Jugendlichen vier Tage in der Woche. Kamber träumt davon, eine Ausbildung im Bereich Logistik oder Kfz-Techniker zu machen. Viele Jugendliche haben die Eingliederung in das Berufsleben durch Vermittlungen über die Produktionsschule bereits geschafft. Bis Kamber so weit ist, wird er in die Tuchfabrik kommen. Zwischen Industriemuseum, Theater K und anderen Jugendlichen wird er den Weg zurück gehen.

Am Sonntag, 26. Juni, können Interessierte Ratterndes, Blinkendes, Fahrendes, Funkelndes und Tönendes auf dem Tuchwerk-Flohmarkt am Strüverweg 116 erstehen. Auch die Produktionsschule wird ihre Unikate von 10 bis 16 Uhr verkaufen.Der Eintritt ist frei.

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