„Bläserphilharmonie Aachen“: Wild, ungezähmt und butterweich

Von: Eva Onkels
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Sensationelle Qualität: Wer Gelegenheit hat, die „Bläserphilharmonie Aachen“ zu erleben, sollte sich das nicht entgehen lassen. Foto: Schmitter

Aachen. Seit 2013 ist Aachens Orchesterlandschaft um ein besonderes Orchester reicher. Denn seitdem gibt es ein sinfonisches Blasorchester. Über 80 Musikerinnen und Musiker spielen in der „Bläserphilharmonie Aachen“, und sie haben es in diesem Jahr geschafft, sich für den größten internationalen Blasorchesterwettbewerb, den World Music Contest (WMC), zu qualifizieren.

Dazu musste ein schwieriges Programm erarbeitet werden. Zum Einspielen darf sich jedes Orchester in der entsprechenden Klasse ein fünfminütiges Stück aussuchen, danach folgt ein 13-minütiges Pflichtstück und eine 15 Minuten lange Kür. Im ersten Teil ihrer mittlerweile siebten Konzertreihe präsentierte die Bläserphilharmonie nun das Programm, welches auch beim WMC am 23. Juli in Kerkrade gespielt wird.

Direkt zu Beginn zog das Orchester mit dem düsteren Militärmarsch Xerxes des US-Komponisten John Mackey, alle Register. Klassische Strukturen des Marsches treffen hier auf düstere, kriegerische Töne, die Xerxes anders als in Händels berühmter Oper, als Tyrannen darstellen, der Athen niederbrennen ließ. Deutlicher kann man sich vom Hurra-Patriotismus kaum abgrenzen. Das Pflichtstück für den WMC ist besonders schwierig. Manche sagen, es sei das bisher schwierigste Pflichtstück des Wettbewerbs: Philip Sparkes „The Unknown Journey“ beginnt furios. Der Zuhörer wird mitten in die Musik hineingeworfen, die wild und ungezähmt vorprescht.

Wunderschöne Soli

In Teilen an die 9. Sinfonie Schostakowitschs erinnernd, sind gerade in den Holzbläsern schwierige Läufe und Tonleitern zu bewältigen, die scheinbar nicht auf ein Ziel hinauslaufen, aber immer wieder musikalisches Gewicht entfalten. Gleichzeitig erinnert das Werk zuweilen an große Filmmusiken. Es gipfelt in einen mit Glockenspiel untermalten harmonischen Klang aus Klarinetten und Querflöten. Mit einem aufregend und wild gespieltem Schlussteil bewies das Orchester sein hohes Niveau.

Als Kür hat sich das Orchester für „Time for Outrage“ entschieden, komponiert vom luxemburgischen Komponisten Marco Pütz. Es ist eine musikalische Auseinandersetzung mit Stéphane Hessels politischem Essay „Empört euch“. Besonders hervorzuheben waren die wunderschönen Soli in den Saxofonen, insbesondere im Sopransax, und eine herausragende Arbeit in den Blechbläsern, die einen wunderbaren Klangteppich, weich wie Butter, unter die Holzbläser zu legen verstanden. Und wer Blechbläser kennt, weiß: Das ist nicht immer so einfach. Dirigent Tobias Haußig zeigte nicht nur in diesem dreisätzigen Werk, wie gut er sein Orchester unter Kontrolle hat.

Meisterhaft eingefangen

Es gelang ihm meisterlich, das Orchester nach schnellen, wilden, unruhigen und lauten Passagen einzufangen oder nach ruhigen Passagen punktgenau das richtige Tempo vorzugeben. Gerade „Time for Outrage“ und „The Unknow Journey“ sind gute Beispiele dafür.

Für den zweiten Teil hatte sich das Orchester etwas leichtere Kost ausgesucht. Ob mit Schostakowitschs „Suite für Variéte-Orchester“, in dem sein weltberühmter Walzer Nr. 2 nicht fehlen durfte, oder dem „Concerto for Clarinet“ von Artie Shaw: Das Orchester wusste immer genau, wann welche Stimmung erforderlich war. Gerade das Zusammenspiel von Soloklarinette (Steven Walker) und Orchester im Klarinettenkonzert war ein Genuss. Mehrfach wurde der Klarinettist wieder auf die Bühne geholt.

Das Finale widmete man schließlich einem der ganz großen Komponisten des 20. Jahrhunderts: Leonard Bernstein. Mit einer Suite aus dessen Operette „Candide“ verabschiedete sich das Orchester von seinen Zuhörern. Gerade das letzte Stück der Suite „Make our garden glow“ war so wunderschön, dass man meinte, im Klang aus Holz- und Blechbläsern sanft in den Himmel zu gleiten. Wer die Gelegenheit hat, das Orchester noch einmal zu hören, sollte diese Chance wahrnehmen.

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