Kino Zwei Tage eine Nacht Header

Biographien, die verbinden und bewegen

Von: Antje Uhlenbrock
Letzte Aktualisierung:
Sie nutzen Medien auf besonder
Sie nutzen Medien auf besondere Weise: Schüler verschiedener Nationen der Heinrich-Heine-Gesamtschule haben bei dem bekannten Aachener Musiker Peter Sonntag (2. von rechts) ihr Buch vertont. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Es gab eine Zeit in seinem Leben, da hatte Kamyar das Gefühl, ein Niemand zu sein. Heute steht der 14-jährige Junge aus Afghanistan selbstbewusst im Tonstudio von Bass-Ikone Peter Sonntag.

Hier im Reich der Band „Final Virus” wurde Kamyars Lebensgeschichte vertont. Allein saß er in der kleinen Sprecherkabine und hat erzählt. Von seiner Flucht aus Afghanistan, von seiner Ankunft in Deutschland im September 2001 und von seinen Wurzeln. „Man kann nicht vergessen wer man ist und woher man kommt”, sagt Kamyar. Das können auch seine elf Mitschülerinnen und -schüler der Heinrich-Heine-Gesamtschule nicht. Ihre bewegenden Lebensgeschichten haben sich die Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund im Rahmen der Projektförderung „Kultur und Schule” von der Seele geschrieben. Fotos von Lehrer Uwe Jaeckel bebildern die Geschichten im Buch „Jetzt bin ich hier!”. Übrigens: 80 Prozent der Gesamtschüler an der Heinrich-Heine haben einen Zuwanderungshintergrund.

Gedanke an Freiheit

Seit einem halben Jahr trifft sich die Gruppe jeden Mittwoch in dem Tonstudio mit den vielen Instrumenten, zahlreichen Bildschirmen und Zeitungsberichten an den Wänden. Doch in diesen gemütlichen Räumen werden nicht nur all ihre Geschichten, sondern auch Melodien von Geiger Mario Triska gemeinsam gesungen und auf CD gebracht. Außerdem proben die Jugendlichen für die Autorenlesung am 29. Juni um 19 Uhr. Mit der musikalischen Unterstützung von „Final Virus” und Triska werden sie ihre Erlebnisse dann im Jakobshof an der Stromgasse vortragen. „Ich wusste erst nicht, ob ich meine Geschichte überhaupt erzählen sollte. Doch der Gedanke an die Freiheit, hat mich dazu gebracht”, erklärt Kamyar. Die Autoren aus der 8. und 10. Klasse sind schon alte Hasen auf der Bühne. Für das Theaterprojekt „Die lange Reise” standen sie 2008, für das Stück „Der kleine Prinz aus Afghanistan” 2010 im Scheinwerferlicht - immer unter der Leitung von Ruth Rebière. Zwar hat die Lehrerin kürzlich die Schule gewechselt. Aber ihrer Arbeitsgemeinschaft bleibt sie treu. „Man ist diesen Kindern auf immer verschrieben”, sagt Rebière. Für das Buch hat sie Songtexte geschrieben.

Was ihren Schützlingen widerfahren ist, schockiert. Die 14-jährige Maureen wurde in Deutschland geboren. Ihre Eltern kommen aus Nigeria. Oft hat sie mit Beleidigungen zu kämpfen. Niederzuschreiben, was ihr wiederfahren ist, hat gutgetan. „Irgendwie war das ein erleichterndes Gefühl. Und es ist spannend zu wissen, was die anderen erlebt haben.” Die Flucht des 17-jährigen Daria aus dem Irak liest sich wie ein Drehbuch. „Wir ritten mit zwei Pferden - immer unter Lebensgefahr - zur Grenze des Iran. Wir waren hungrig und hatten Angst”, schreibt er. Diese persönlichen Erlebnisse verbinden. Peter Sonntag ist die zwölfköpfige Gruppe richtig ans Herz gewachsen: „Die Kinder sind ungeheuer gebildet und sehr höflich. Was wir hier an Energie in das Projekt stecken, geben sie uns hundertfach zurück. Ich empfinde sie schon als meine Kinder.” Und auch Kamyar lebt in Gesellschaft der herzlichen Band auf: „Hier kriegt man das Gefühl, das man was ist.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.