Aachen - Bier statt Blut: Aachens einzige Brauerei legt los

Bier statt Blut: Aachens einzige Brauerei legt los

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
16442695.jpg
Neue Ära: Brauerei-Chefin Andrea Müller an den Kupferkesseln von Cornelius-Bräu im Alten Schlachthof. Foto: Andreas Herrmann
cornelius
Tradition und Innovation: Cornelius-Bräu wird in verschiedenen Varianten und Geschmacksrichtungen gebraut. Zum Konzept gehört auch die unverkennbare Flasche mit Korken und Drahtverschluss. Foto: Andreas Herrmann
cornelius
Einzigartiges Ambiente: Wo über Jahrzehnte Rinder geschlachtet wurden, ist jetzt – nach umfangreichem Umbau – Aachens einzige Brauerei zu Hause. Graffiti schmücken die gekachelten Wände. Foto: Andreas Herrmann
cornelius
Zapfhähne bereit: Kleine Verkostungen gehen jetzt schon auf der Empore der alten Rinderschlachtstraße in der neuen Brauerei über die Bühne. Das soll ausgebaut werden, möglicherweise in Zukunft in einem benachbarten Biergarten. Foto: Andreas Herrmann
cornelius
Jenseits der Technik: Unser Redakteur Alexander Barth hält am 5. April, 18 Uhr, im Centre Charlemagne zur Ausstellung „Bier und Wir“ den Vortrag „Striptease, Stubbis, schräge Vögel – Alternatives Ausgehen in Aachen“. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Wo früher reichlich Blut floss, schäumt jetzt Bier. Eine epochale Errungenschaft. In der ehemaligen Rinderschlachthalle an der Metzgerstraße ist Aachens einzige Brauerei errichtet worden – natürlich nach einer Totalsanierung. „Wir lassen hier eine uralte Tradition wieder aufleben. Ja, in Aachen wird wieder eigenes Bier gebraut“, strahlt Andrea Müller. Sie ist die Geschäftsführerin von Cornelius-Bräu.

Und sie ist eng verwandt mit dem letzten Braumeister von Abtei-Bräu, das von 1839 bis 1971 in Kornelimünster beheimatet war. 2010 gründete sie die Cornelius-Bräu GmbH. Zunächst entstanden Spezialbiere – unter Namen wie „Sanctus“ und „Opulentus“ – außerhalb. Ab sofort wird in der Kaiserstadt gebraut – was quasi die Krönung der Konversion des alten Schlachthofs ist. Einige hunderttausend Euro flossen in die Brauanlage, die da nun im Aachener Norden glänzt.

Seit über 15 Jahren verlor hier kein Tier mehr sein Leben. Dafür sind in oft extrem aufwendig nach kostspieligen Lehren des Denkmalschutzes revitalisierten Gebäuden Unternehmen wie die Ingenieursgesellschaft P3 Group, das S&N-Automobilzentrum, das Tonstudio Freshart Musicproductions, die Sonnensegel-Manufaktur und mehr zu Hause. Demnächst entsteht hier noch eine Kaffeerösterei. 37.000 Quadratmeter umfasst das Industriegebiet mit ehemals morbidem Charme. Rund 400 Quadratmeter nennt Cornelius-Bräu sein Eigen.

Am Ende der früheren Schlacht- und Fleischzerlegestraße – die Blutrinnen im Boden sind Wasserspielen gewichen – ragen die Braukessel empor. „Es handelt sich um ein sogenanntes Drei-Geräte-Sudwerk“, erklärt Müller. In zwei Kesseln aus Kupfer spiegeln sich die kunstvollen Graffiti auf den hohen Kachelwänden, dazu jede Menge Edelstahl: Leitungen, Ventile, Bedienelemente – alles auf dem neuesten Stand der Technik. „Präzision, Hygiene und natürlich allerfeinste Rohstoffe spielen hier die wichtigsten Rollen“, sagt sie. Innovativ und doch traditionell will man sein. Kreativität ist gefragt.

„Es gibt sicher mehr als 1000 Möglichkeiten, die nach dem deutschen Reinheitsgebot verfügbaren Inhaltsstoffe – Hopfen, Malz, Hefe und Wasser – in jeweils ganz individuell unverwechselbare Biere zu verwandeln“, erklärt Müller. Das beginne schon mit den unterschiedlichen Malz- und Hopfensorten sowie dem Grad der Röstung. „Auch bei den Hefestämmen existiert eine große Auswahl, die halten Braumeister natürlich in der Regel geheim“, sagt die Chefin. Whisky-, Bananen-, Zitrusnoten und vieles mehr sei möglich. Mindestens so bedeutsam: Aachen, die Stadt der sprudelnden Vielfalt, besitze einen entscheidenden Standort-Vorteil. „Wir haben hier sehr weiches Wasser. Das ist absolute Top-Qualität, und das merkt man.“

Allein die sogenannte Sudphase dauert sieben Stunden: schroten, einmaischen; später setzen Enzyme des Malzes die Malzstärke in Malzzucker um. Dann werden die Bestandteile beim Läutern getrennt. Bei über 100 Grad Celsius wird gekocht, der Hopfen kommt hinzu. Dann pumpt der Braumeister den Sud aus der Würzepfanne in den sogenannten Whirlpool, (fast) zum Schluss fließt das Gebräu in den kühlen Gärtank, hier gesellt sich die Hefe hinzu. Kohlensäure und Alkoholgehalt wachsen. Erst nach weiteren sieben Tagen folgt der finale Wechsel in den Lagertank.

„Dieser Reifeprozess zum Schluss ist uns besonders wichtig. Geduld und Zeit kann man nämlich schmecken“, stellt die Brauerei-Chefin fest. Apropos Zeit: Aachen blickt auf eine imposante Brauhaus-Tradition zurück. Der älteste Nachweis der Brauerei „Zum Walfisch“ stammt aus dem Jahr 1171. 1969 war Schluss. 1485 wird ein erstes Brauhaus an der Stelle der späteren „Bürger Bräu“-Brauerei urkundlich erwähnt. Das Aus kam 1973. Die Brau-Brennerei Klinkenberg in Haaren hielt von 1852 bis 1985 durch. Und den 1822 von Peter Josef Degraa gegründeten – womöglich in Aachen bekanntesten – Betrieb kaufte 1989 die Kölner Dombrauerei. Mehrfach gab es Mikro-Brauereien – so 2009 die „Privatbrauerei E. Ortmanns“ im Frankenberger Viertel. Von Dauer war sie nicht.

Müller will mit Cornelius-Bräu das Geschäft am Schlachthof stilvoll ausbauen. Das naturtrübe Pils – sowie Cornelius-Bräu und das Spezialbier „Abtei 1839“ – werden im Direktvertrieb vermarktet und könnten bald auch in einem Biergarten auf dem Schlachthof ausgeschenkt werden. Noch ist das Vision. Aber wenn die Bierfans erst mal Blut geleckt haben ...

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert