Bewegende Liednacht in der Musikhochschule

Von: Eva Onkels
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Einer von vielen beeindruckenden Auftritten: Auch Esther Valentin (Gesang) und Rie Akamatsu (Klavier) bereicherten das Programm der Liednacht in der Musikhochschule. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Heimat Europa? Eine Frage, die heutzutage viele Menschen bewegt, im positiven, wie leider auch im negativen Sinne. Sind wir Europäer? Sind wir Deutsche? Sind wir Weltbürger? Sind wir alles auf einmal, und was ist dann noch Heimat? Was bedeutet Heimat?

Bis tief in die Nacht gesungen

„Heimat Europa?“, so lautete der Titel der Liednacht der Hochschule für Musik und Tanz in Aachen, die im Rahmen des Karlspreisprogramms stattfand. In vier Räumen in der Hochschule und im Theater Aachen wurden bis tief in die Nacht hinein Lieder zum Thema „Heimat“ gesungen. Der Inhalt war dabei so facettenreich wie das Wort Heimat selbst. Zur Eröffnung gestalteten die Composing Voices, ein Ensemble für vokale Improvisation und Gedichtvertonung unter Leitung von Dagmar Boecker und Michael Gees, fünf Gedichte von Heinz-Albert Heindrichs und eines von Ensemblemitglied Belle Adamova.

Die Gedichte ließen sich vielfach direkt auf die Bedeutung beziehen, die die Europäische Union für den Frieden besitzt. Besonders eindrücklich „Krieg in Europa“, denn das Gedicht mit dem beängstigenden Titel beginnt im ersten Vers mit einem „darf es nie wieder geben.“ Das Vokalensemble bekam nach einer gelungenen, klanglich ungewohnten und spannenden Improvisation viel Applaus.

Im Anschluss gab es Lieder aus der Romantik von Johannes Brahms und Johann Karl Gottfried Loewe, die Texte stammten von Aufklärer Johann Gottfried Herder und Romantiker Wilhelm Müller. Besonders eindringlich in diesem Teil des Programms waren Loewes „Herr Oluf“ (Bariton: Frederik Schauhoff/Klavier: Yingwei Chen) und Brahms Ballade „Edward“ (Alt: Eva Nesselrath/Tenor: Vincent Debus/Klavier: Yingwei Chen).

Die Zuhörer hatten die „Qual der Wahl“, wie es Prof. Heinz Geuen, Rektor der Hochschule, ausdrückte, denn in insgesamt 15 Kleinkonzerten, mit 37 Sängerinnen und Sängern sowie 21 Pianisten und Pianistinnen wurden in elf Sprachen rund 200 Lieder gesungen. In der Eröffnungsrede betonten die Organisatoren, Prof. Stefan Irmer und Prof. Ulrich Eisenlohr, die Selbstverständlichkeit, mit der die Studenten der Hochschule, die aus vielen europäischen und nicht-europäischen Ländern ihren Weg nach Aachen finden, zusammenarbeiten. „Diese Zusammenarbeit findet an allen Universitäten in der Europäischen Union statt“, so Eisenlohr.

Dass innerhalb von Europa überhaupt problemlos Austausche zwischen Universitäten funktionieren, ist in vielen Teilen dem Erasmus-Programm zu verdanken, auch das Studium im Ausland ist deutlich einfacher geworden. „Es liegt an uns, dass das erhalten bleibt“, appellierte er und ergänzte: „Wenn dieser Abend über den künstlerischen Genuss hinaus ein Ansporn sein kann, das in den letzten 70 Jahren Erreichte zu erhalten und zu entwickeln, dann sind wir froh.“

Im Anschluss setzten sich die Musiker und Musikerinnen mit der Figur des Wandernden auseinander, der überall und nirgends zu Hause ist, der sich nach der Heimat sehnt und gleichzeitig ab und an das Weltbürgertum durchklingen lässt. Etwa wenn in Franz Schuberts Lied „Der Wanderer an den Mond“ (Text von Johann Gabriel Seidl/Bariton: Woongsu Kim/Klavier: Anastasia Grishutina) der Sänger folgende Feststellung über den Mond trifft: „Der Himmel, endlos ausgespannt, / Ist dein geliebtes Heimatland; / Oh glücklich, wer, wohin er geht, / Doch auf der Heimat Boden steht.“ Einerseits sicherlich ein Loblied auf die Heimat als solche und auf den, der sie nie verlassen muss, andererseits aber vielleicht auch ein Aufruf, über die Grenze hinwegzusehen und sich als Bürger der Welt zu verstehen.

Tobias Lehmann rezitierte aus Heinrich Heines satirischem Versepos „Deutschland – Ein Wintermärchen“, in dem sich der Dichter wie kaum ein anderer mit seiner Heimat, die er verlassen hatte und in die er zurückkehrte, auseinandersetzt und fast schon prophetisch im ersten Kapitel festhält: „Die Jungfer Europa ist verlobt / mit dem schönen Geniusse / der Freiheit [...] / und fehlt der Pfaffensegen dabei / die Ehe wird gültig nicht minder / es lebe Bräutigam und Braut / und ihre zukünftigen Kinder.“

Die Reaktionen des Publikums waren deutlich: Europa sollte nicht abgeschrieben werden.

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