Aachen - Bevor Vater und Sohn im Streit vor Gericht landen

Bevor Vater und Sohn im Streit vor Gericht landen

Von: Thorsten Karbach
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Hier fliegen die Funken, nicht die Fetzen: Cedric Müller kann in Bonn Bildhauerei studieren, nachdem sein Vater für den Unterhalt aufkommt.
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Letzter Ausweg Gericht: Unterhaltsfragen werden in Aachen nach Möglichkeit ohne Mitwirkung der Justiz geregelt. Foto: imago/Rüdiger Wölk

Aachen. Kunst ist immer eine Geschmacksfrage. Und ein Kunststudium war nicht nach dem Geschmack von Cedric Müllers Vater. Der junge Mann war fertig mit der Schule und wollte an der Bonner Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft studieren. Seinen Vater überzeugten diese Pläne nicht, er wollte, dass sein Sohn eine Ausbildung anstrebt.

Letztlich wurde die Entscheidung auch zu einer Frage des Geldes. Cedric Müllers Eltern leben getrennt, der Vater in Norddeutschland. Seine Mutter ist bereits Frührentnerin. Um das Studium finanzieren zu können, war der Junge auf den Vater angewiesen.

Er hat auch alles Recht dazu, von seinem Vater finanzielle Unterstützung einzufordern. Das weiß Angelika Haak-Dohmen. Und genau in deren Team „Beratung und Unterstützung in Vaterschaftsfragen, Unterhaltsangelegenheiten, Beistandschaften, Beurkundungen“ im städtischen Fachbereich Kinder, Jugend, Schule fand Cedric Müller Hilfe. Seine Mutter hatte ihm den Gang ins Jugendamt, was der Fachbereich unter anderem immer noch ist, nahe gelegt. Es war kein leichter Weg. Aber er hat sich gelohnt. „Ich war nervös. Wenn man sagt ‚Ich muss zum Jugendamt‘ klingt das so wie, wenn man sagt ‚Ich muss vor Gericht‘. Es hat einen kalten Klang“, erzählt Cedric Müller. Doch gefunden hat er – bei Mitarbeiterin Gisela Engelhardt – Beratung und menschliche Wärme. „Man hat sich super um mich gekümmert, und ich habe mich direkt wohl gefühlt.“

Angelika Haak-Dohmen weiß, dass es nicht leicht ist, das Jugendamt aufzusuchen. Ziele und gesetzliche Aufgaben ihres Teams sind neben der rechtlichen Klärung einer Vaterschaft für Kinder, deren Eltern nicht miteinander verheiratet sind, die Berechnung und Geltendmachung der privatrechtlichen Unterhaltsansprüche für alle minderjährigen Kinder, deren Eltern getrennt leben, deren Unabhängigkeit von Sozialleistungen und sozusagen übergeordnet die Verbesserung der Lebensqualität für Familien.

Beratung nach Geburt

Sofern eine außergerichtliche Regelung nicht möglich ist, erfolgt die kostenfreie Vertretung im gerichtlichen Verfahren. Zudem bietet ihr Team für die bei Geburt ihres Kindes nicht verheirateten Mütter ein Beratungsgespräch in der persönlichen Umgebung der Mütter an und überreicht in diesem Rahmen das städtische Babybegrüßungspaket für Neugeborene für einen Teilbereich der Stadt Aachen. Das Team berät außerdem zur Abgabe einer urkundlichen Erklärung nicht miteinander verheirateter Eltern, damit sie die elterliche Sorge für ihr Kind gemeinsam ausüben können. Aktuell werden dazu gesetzliche Änderungen erwartet, im Bundestag sind sie bereits verabschiedet.

Bei Cedric Müller ging es um Unterhalt. Sein Vater wollte nicht zahlen. Er wollte sogar klagen. Was folgte, war ein intensiver Schriftverkehr zwischen dem städtischen Fachbereich und den Anwälten des Vaters. Es ist kein ungewöhnlicher Fall. Im letzten Jahr musste Angelika Haak-Dohmens Team in 291 Fällen vermitteln. Tendenz steigend. Aber: Nur wenige landeten vor Gericht. Cedric Müllers nicht. Der Vater lenkte rechtzeitig ein, sein Sohn schickt ihm nun jeden Monat eine Studienbescheinigung und berichtet von seinen Fortschritten an der Bonner Uni. Der Kunststudent hat ihm sogar Bilder geschickt. „Wir haben das letztlich clever und freundlich geregelt“, sagt der Sohn zufrieden.

Junge Volljährige können bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres die Beratung und Unterstützung des Jugendamtes bei der Geltendmachung ihrer Unterhalts- und Unterhaltsersatzansprüche hinzuziehen. Nur wenn es vor Gericht geht, müssen sie sich einen Anwalt nehmen. „Jedes Kind hat ein Recht auf eine Ausbildung nach seinen Kenntnissen und Neigungen. Man kann es nicht zur Metzgerlehre zwingen“, sagt Angelika Haak-Dohmen. Und Cedric Müller wollte unbedingt Kunst studieren. Er arbeitet gerade an seinem Bachelor in Bildhauerei. Anschließend will er seinen Master in Kunsttherapie machen.

Der Umfang der Finanzierung seiner Ausbildung ist zwar nicht explizit über das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) geregelt, es gibt mit der Düsseldorfer Tabelle aber eine in der Praxis bewährte Orientierungshilfe. In der wird länderübergreifend anhand des Einkommens des Unterhaltspflichtigen aufgeführt, welche monatliche Summe je nach Alter des Kindes zu zahlen ist. Auch wenn letztlich, so Angelika Haak-Dohmen, immer der Einzelfall betrachtet wird.

Die Berechnungsgrundlage ändert sich ab Volljährigkeit eines Kindes. Dann werden beide Elternteile unterhaltspflichtig. Wohnen Kinder ab dem 18. Lebensjahr nicht mehr zu Hause wird mit einem pauschalen Bedarfssatz von 670 Euro gerechnet. „Die Tabelle macht den Unterhalt für alle nachvollziehbar“, erklärt die städtische Expertin. Die Eltern haben den errechneten Bedarf ihres volljährigen Kindes anteilig nach ihren Einkommens- und Vermögensverhältnissen zu zahlen.

In Aachen werden mittlerweile 93 Prozent aller Unterhaltsfragen außergerichtlich geklärt. „Der, der den Unterhalt zahlen muss, soll das Ergebnis mittragen können“, sagt Angelika Haak-Dohmen. Elf Mitarbeiter sowie eine Beurkundungsperson zählt ihr Team. Mehr als 3000 Beratungsgespräche führen sie jährlich und über 1200 kostenfreie Beurkundungen werden geleistet. Auch hier: Tendenz steigend.

Cedric Müllers Beratung lief erfolgreich – nicht nur im Sinne der Unterhaltszahlungen. „Es studiert sich sehr viel leichter, wenn man um die finanzielle Rückendeckung des Vaters weiß“, erzählt Müller. Wichtiger ist aber Folgendes: „Das Verhältnis zu meinem Vater ist viel besser geworden.“ Das habe er so nicht erwarten können.

Angelika Haak-Dohmen hört dies gerne. Sie weiß, wie oft es in Familien kracht, wenn es ums liebe Geld geht. „Wir sind dabei immer die Interessenvertreter des Kindes“, sagt sie. Und es ist keine Kunst sondern Alltag, in deren Sinne Konflikte zu lösen.

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