Aachen/Gotha - „Beutekunst“: 700 Jahre altes Kleinod soll zurück nach Gotha

„Beutekunst“: 700 Jahre altes Kleinod soll zurück nach Gotha

Von: Matthias Hinrichs
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Kostbare Schenkung mit dunklem Hintergrund: Die Stadt will die Schmuckschatulle aus dem 14. Jahrhundert - geschätzter Wert: rund 100.000 Euro umgehend an das Museum in Gotha zurückgeben. Foto: Andreas Herrmann

Aachen/Gotha. Lange wird Michael Rief die betörend schöne Preziose wohl nicht mehr in seinen Händen wiegen können. „Es handelt sich um eines der bedeutendsten Stücke unserer Kunstgewerbeabteilung“, seufzt der Kustos und Restaurator im Suermondt-Ludwig-Museum, „ein furchtbarer Aderlass!“

Allerdings auch ein Beitrag zur ethisch-moralischen Aufarbeitung in Sachen „Beutekunst“. Denn um nichts anderes handele es sich bei jener höchst filigran gestalteten Schmuckkassette aus dem 14. Jahrhundert, die sich seit 37 Jahren in städtischem Besitz befindet.

Aber eben wohl nicht mehr lange: In einem Bericht für den Kulturausschuss des Rates hat Rief jetzt dargelegt, dass eine Rückgabe des Kleinods im Format einer Zigarrenschachtel – geschätzter Wert: rund 100 000 Euro – angesichts jüngster Erkenntnisse und Korrespondenzen unabdingbar sei. „Es steht außer Zweifel, dass die Kassette 1945/46 widerrechtlich der staatlichen Kunstsammlung Gotha entzogen wurde“, schreibt der Experte. Und: „Dabei spielt die Tatsache, dass die Person des Täters noch nicht eruiert bzw. die genauen Umstände noch nicht geklärt werden konnten, keine Rolle.“

Kein Wunder, dass das reich verzierte Behältnis in den Wirren der Nachkriegszeit rasch Begehrlichkeiten geweckt haben muss. Darüber kann auch der trocken-wissenschaftliche Duktus in Riefs Ausführungen nicht hinwegtäuschen – im Gegenteil: „Es handelt sich um eine aus fünf beschnitzten Elfenbeinplatten zusammengesetzte Kassette. Auf dem Deckel sind christliche Motive dargestellt (Anbetung der Drei Heiligen Könige), auf den Seiten Szenen aus Ritterromanen, möglicherweise Begebenheiten aus der Tristan-, Parzifal- und Artus-Legende.“

Durchaus abenteuerlich und bis heute nebulös erscheinen denn die Umstände, unter denen das Kästlein 1957 im Dreiländereck strandete. Seinerzeit erwarb der Aachener Sammler Franz Monheim die Kassette bei einer Auktion des Münchner Kunsthändlers Adolph Weinmüller, „der im 3. Reich eine nachweisbar aktive Rolle bei der Arisierung von Versteigerungshäusern und Kunsthandlungen gespielt hatte“, wie Rief anmerkt. Offenbar war das Schmuckkästchen indes unmittelbar nach dem Krieg über einen Museumsmitarbeiter oder einen Offizier der russischen Besatzungstruppen veräußert worden oder durch das Haus Sachsen-Coburg-Gotha mit Hilfe amerikanischer Militärs nach Bayern verlagert und dort verkauft worden.

Monheim freilich handelte nach bestem Gewissen. Hatte der Auktionator ihm doch ausführlich dargelegt, dass sich das Kunstwerk vormals im Besitz einer Stiftung des Herzogs von Coburg und Gotha befunden habe. Die habe zwischenzeitlich zwar Anspruch auf die Kassette erhoben, dann aber durch seine, Weinmüllers, Vermittlung ihren Verzicht erklärt. Allein: Bereits seit 1928 habe die Kunstsammlung der Museen in Gotha, aus deren Bestand das Kästlein stammte, dem thüringischen Staat unterstanden – und sei eben nicht mehr Eigentum des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha bzw. besagter Stiftung, unterstreicht Rief. Somit sei eine Rückgabe „auch abseits der rechtlichen Situation“ aus moralischen Gründen geboten.

Monheim ahnte davon nichts, als er die edle Elfenbeinschachtel 1969 dem Sammlerpaar Irene und Peter Ludwig vererbte. Die Ludwigs schließlich schenkten das Schatzkästchen 1977 der Stadt.

Letztere wird sich nun wohl in Gestalt der Kulturpolitiker zu dem Beschluss durchringen, die wertvolle Gabe an das Museum in Gotha zurückzureichen. Riefs Bericht jedenfalls schließt mit einem Appell: „Deutsche Museen, die zu Recht auf die Rückgabe von verschlepptem Kunst- und Kulturgut pochen, sollten im eigenen Land mit gutem Beispiel vorangehen.“

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