Betrügerin vor Gericht: Machte Anwalt bei Abzocke mit?

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Sie wolle den „alten Mann“ nicht an den Pranger stellen und wünsche ihm nichts Böses, sagte die wegen einer spektakulären Betrugsgeschichte rund um ein angebliches Zehn-Millionen-Euro-Konto in der Schweiz angeklagte Ingrid S. (69) am Mittwoch vor Gericht.

Gemeint war der bereits über 80-jährige Aachener Anwalt Günter S., der ihr die meisten derjenigen Menschen zugeführt haben soll, denen sie nach eigenen Angaben bis Ende 2013 rund 100.000 Euro abknöpfte. Die Angeklagte, die bis 2012 bereits knapp zehn Jahre wegen notorischen Betrugs in großem Stil einsaß, muss sich nun erneut wegen eines solchen Delikts verantworten. Sie tat es unter Tränen. Die von Oberstaatsanwältin Jutta Breuer vor der 4. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht verlesene Anklageschrift geht sogar von einer höheren Summe – etwa 170.000 Euro – aus, was Ingrid S. jedoch bestreitet.

Die gelernte Köchin legte am Mittwoch mit einer Erklärung ihres Anwalts Frank Seebode (Köln) ein Geständnis ab. Und berichtete gleichzeitig von einer unglaublichen Räuberpistole, deren Handlung jedem Krimiautor zu literarischer Inspiration verhelfen würde.

Der Trick war einfach und genial zugleich, aber durchaus kompliziert angelegt. In der Haft in Köln hatte die Mutter von fünf Kindern eine neue Liebe kennengelernt, einen Mann mit krimineller Vergangenheit. Man traf sich im Freigang, und Ingrid S. wollte dem Neuen imponieren. Aus ihrer eigenen kriminellen Geschichte erzählte sie ihm von einem ominösen Konto in der Schweiz, angelegt angeblich von ihrem Komplizen, der damals dort „mindesten 500.000 D-Mark“ eingezahlt hätte, die Beute aus vorhergehenden Straftaten. Die Rede war auch von einem Bankfach mit Schmuck sowie einem Grundstück in Lausanne. Alles erfundener Quatsch, wie die Angeklagte vor Richter Norbert Gatzke, dem Vorsitzenden der Kammer, eingestand.

Das alles habe sie holen wollen, das Konto sei inzwischen auf zehn Millionen Euro angewachsen, schmückte sie die Story aus. Als Beweis bezahlte sie mit einer Karte der internationalen Bank „Credit Suisse“. Der neue Knastfreund fand das so toll, dass er sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von der wartenden Ehefrau trennte.

Romanze mit Betrug

Parallel zur Romanze habe Ingrid S. – zur Beschaffung frischen Geldes – den von der Reemtsma-Entführung bekannten Aachener Anwalt Günter S. kontaktiert. „Ich habe ihm direkt gesagt, dass ich Geld aus kriminellen Aktivitäten in der Schweiz liegen habe. Und jemanden suche, der es dort herausbringt“, berichtete sie freimütig von ihrer Geschäftsidee. Dafür brauche man aber Geldgeber, um das mit Gebühren oder Steuern belastete Konto auslösen zu können. Das sei kein Problem für ihn, habe der Anwalt beschieden und sofort Geldgeber für das Projekt Schweizer Konto gesucht – mit horrenden Zinsversprechen.

Der Anwalt sammelte die liquiden Mittel zumeist in Aachen ein und versorgte auch seine Mandantin mit Barem. Die Story funktionierte, bis Geldgeber kalte Füße bekamen. Richter Gatzke versuchte am Mittwoch, Licht in die komplexe Materie zu bringen. Lüge und Wahrheit exakt auseinanderzuhalten, wird Hauptaufgabe der Zeugenvernehmungen sein. Der Prozess geht am 7. Oktober weiter.

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