Betriebsausflug: Alles ist zu, alle sind weg – oder doch nicht?

Von: Oliver Schmetz, Albrecht Peltzer und Stephan Mohne
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Eine Stadtverwaltung fährt auf Betriebsausflug, und alles bleibt dicht? Nicht ganz. Während die Schwimmhallen, die Museen und einige Kitas am Freitag zu sind, arbeitet die Müllabfuhr normal. Ob und wie viele Politessen im Einsatz sind, ist dagegen unklar... Foto: Schmitter/Jaspers/imago
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Eine Stadtverwaltung fährt auf Betriebsausflug, und alles bleibt dicht? Nicht ganz. Während die Schwimmhallen, die Museen und einige Kitas am Freitag zu sind, arbeitet die Müllabfuhr normal. Ob und wie viele Politessen im Einsatz sind, ist dagegen unklar... Foto: Ralf Roeger
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Eine Stadtverwaltung fährt auf Betriebsausflug, und alles bleibt dicht? Nicht ganz. Während die Schwimmhallen, die Museen und einige Kitas am Freitag zu sind, arbeitet die Müllabfuhr normal. Ob und wie viele Politessen im Einsatz sind, ist dagegen unklar... Foto: Schmitter/Jaspers/imago

Aachen. Wenn die Stadt am Freitag auf Betriebsausflug geht, hat Robert Jobst ein Betriebsproblem – und das sowohl bezogen auf den Betrieb, in dem er arbeitet, als auch in seinem privaten „Betrieb“ namens Kleinfamilie. Denn die städtische Kita, die sein dreijähriger Sohn besucht, bleibt an diesem Freitag geschlossen.

Was für die Firma, in der der alleinerziehende Vater arbeitet, nicht gilt. Und einfach mal freinehmen ist für ihn auch nicht so einfach. Jedenfalls nicht immer. „Die Kita kommt auf knapp 25 Schließungstage im Jahr“, sagt Jobst. Drei Wochen Sommerferien, die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, die Tage über Karneval, dazu noch „Putztage“ – das summiert sich „und entspricht ungefähr meinem Jahresurlaub“. Da sorgt ein Betriebsausflug an einem Wochentag, der die Kita erneut stilllegt, nicht für Freude.

Wie viele Aachener am Freitag vor verschlossenen Türen stehen, weil die Verwaltung einen „Wandertag“ einlegt, ist kaum abzuschätzen. So bleibt zum Beispiel auch nicht jede Kita geschlossen. Denn in diesem Jahr gibt es keinen zentralen Ausflug für die mehr als 4000 städtischen Mitarbeiter. Den organisiert der Personalrat alle zwei Jahre, 2014 verbrachte man den Tag in Köln, ehe man es in der Stadthalle Mülheim bei Speis‘, Trank und Tanz gemütlich ausklingen ließ.

Diesmal organisiert jeder Fachbereich den Ausflug in Eigenregie. Das Presseamt fährt beispielsweise nach Maastricht, das Gebäudemanagement erkundet das Deutsche Museum in Bonn. Andere zieht es ins Grüne und/oder zum gemeinsamen Essen und Trinken. Was die Kitas angeht, gibt es keinen Gesamtüberblick, wo geschlossen und wo geöffnet ist. „Wo ein Betriebsausflug gemacht wird, ist das den Eltern gegenüber kommuniziert worden“, sagt Stadtsprecher Bernd Büttgens. „Und wir wissen auch von Notgruppen.“ Davon weiß Robert Jobst, der alleinerziehende Vater, nichts. In seiner Kita gibt es nämlich keine.

Doch nicht nur die Eltern von kleinen Kindern sind betroffen. Die städtischen Schwimmhallen, die Museen, die Stadtbibliothek , die Stadtteilbibliothek Haaren und der Bürgerservice bleiben geschlossen, der Bücherbus fährt nicht. Per Pressemitteilung hat die Stadt sogar mitgeteilt, dass „die Aachener Stadtverwaltung“ am Freitag „ganztägig geschlossen bleiben wird“ und „die Beschäftigten der Verwaltung weder persönlich noch telefonisch erreichbar“ seien. Mit anderen Worten: Alles ist zu, alle sind weg.

Doch ganz so arg wird es laut Büttgens am Freitag dann doch nicht. Die Müllabfuhr und die Feuerwehr arbeiten normal, auch auf dem aktuell weiten Feld Flüchtlingshilfe drohen keine Engpässe. Die Eigenbetriebe wie Stadtbetrieb, Eurogress und Theater nehmen auch nicht am großen Wandern teil. Dem Vernehmen nach soll es in weiteren wichtigen Fachbereichen wie dem Ordnungsamt Notdienste geben. Ob dies auch für die Politessen gilt, war nicht zu erfahren – falls nicht, würden etliche Aachener ja sogar vom städtischen Betriebsausflug profitieren ...

Der Stadtsprecher betont außerdem, dass der städtische Telefonservice „Call Aachen“ unter 432-0 normal besetzt und die allgemeine Behördenrufnummer 115 wie immer aufgeschaltet sei. Außerdem nehme an den Betriebsausflügen in der Regel nur ungefähr ein Drittel der Belegschaft teil. „Wer nicht mitfährt, muss arbeiten“, sagt Büttgens. „Es ist also nicht so, dass die komplette Stadtverwaltung völlig leer ist.“ Allerdings weiß der Bürger nicht, wo jemand sitzt, aber Servicekontakte sind ja abgesehen von Notfällen am Freitag eh nicht vorgesehen.

Dass ganze Stadtverwaltungen auf Tour gehen und einen Tag die Arbeit ruhen lassen, führt landauf, landab immer wieder zu Diskussionen – zumal so etwas in vielen privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht unbedingt die Regel ist oder aber außerhalb der Arbeitszeit stattfindet. Ist das also nötig, ist es zeitgemäß? Und wer zahlt die Zeche, wenn sich hunderte oder tausende Beschäftigte zwecks Förderung des Betriebsklimas ins Freizeitvergnügen aufmachen? Das fragen sich allerorten viele Bürger, und das haben aktuell auch einige AZ-Leser in der Redaktion nachgefragt. Schließlich empfiehlt nicht zuletzt der Bund der Steuerzahler den Kommunen, Betriebsausflüge besser auf einen Samstag zu legen, um beispielsweise den Bürgerservice nicht zu beeinträchtigen.

„In Aachen bezahlen die städtischen Mitarbeiter die Ausflüge komplett selbst“, sagt Büttgens. Keiner vergnügt sich also auf Kosten der Steuerzahler. Um die Beeinträchtigungen für die Bürger gering zu halten, habe man überdies „bewusst den Freitag vor den Herbstferien gewählt“ – also einen Tag, an dem viele Verwaltungsleute auch ohne Betriebsausflug in der Regel gegen Mittag ins Wochenende gleiten und die Servicezeiten ohnehin schon reduziert sind. Und Büttgens betont, dass man in den vergangenen Jahren diesbezüglich keine größeren Proteste von Bürgern registriert habe. Den Nutzen eines solchen Tages unterstreicht derweil OB Marcel Philipp: „Ich bin überzeugt davon, dass das gute Effekte für das Betriebsklima mit sich bringt.“

So sah man das in Aachen nicht immer. Unter der Ägide seines Vorgängers Jürgen Linden gab es einige Jahre lang keine Betriebsausflüge – woran sich Hubert Meyers nur ungern erinnert. Damals habe das Betriebsklima spürbar gelitten, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Gesamtpersonalrats, der maßgeblich an der Wiedereinführung im Jahr 2011 beteiligt war. Für ihn wie für den Vorsitzenden des Gesamtpersonalrats, Marc Topp, steht völlig außer Frage, dass die Maßnahme zeitgemäß ist: „Ein solcher Tag ist wichtig, um sich kennenzulernen, um Motivation zu tanken“, sagt Topp. „Das stärkt das Wir-Gefühl“, ergänzt Meyers – und erinnert sich an noch frühere Zeiten, als es gegen diese „Selbstverständlichkeit“ nie Klagen gegeben habe und der Betriebsausflug sogar von der Stadt mitfinanziert worden sei.

Und bei diesem Thema passt auch kein Blatt zwischen Verwaltung und Politik. Unisono wird in den Fraktionen betont, dass der Betriebsausflug eine wichtige Teambildungsmaßnahme sei. Die Verwaltung arbeite – gerade in Bezug auf Flüchtlinge, aber auch bei anderen Themen – weit über dem Soll und teils auch über dem Limit. Da müsse man auch mal einen Betriebsausflug gönnen können.

Das alles kann auch Robert Jobst „gut nachvollziehen“, wie er sagt. Bloß hilft das dem Witwer, der in Aachen keine weiteren Angehörigen hat, bei seinem Betreuungsproblem nicht viel – zumal in einem Jahr, in dem der wochenlange Kita-Streik einige Kräfte gekostet hat. Um seinen Sohn kümmern sich am Freitag abwechselnd drei Freunde. Sozusagen Schichtbetrieb wegen des Betriebsausflugs.

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