Berufungsprozess am Landgericht: Verpfuschte OP beschäftigt Strafrichter

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. Operateur Dr. Henning Frenzel (40, Privat-Dozent im Fachbereich Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Uniklinik in Lübeck) blieb am Dienstag trotz eingehender Befragung ein gänzlich nüchterner und wenig emotionaler Zeuge.

An einer Stelle in diesem Berufungsprozess jedoch hob er vor Richterin Anka Geerts, der Vorsitzenden der 2. Berufungsstrafkammer am Aachener Landgericht, leicht seine Stimme und stellte fest: „Da war nichts mehr zu retten bei dieser Ohrmuschelplastik. Ich musste völlig neu anfangen.“

Vier nutzlose Operationen

Das vernichtende Urteil über die chirurgischen Leistungen der Kollegen aus Aachen fällte der Experte für den Aufbau und die Wiederherstellung von menschlichen Ohrmuscheln im Fall der 2010 bei ihm in Lübeck erschienen Patientin Katharina B., die vier Operationen – im Ergebnis quasi umsonst – hatte über sich ergehen lassen.

Die aus Aachen stammende Computerfachfrau kam damals im Jahr 2010 aus reiner Verzweiflung zu dem Facharzt nach Lübeck, weil sie sich nach den misslungenen Operationen in der Hals- Nasen- und Ohrenklinik der Aachener Uniklinik als völlig entstellt empfand, Lichtjahre entfernt von dem, was sie erwartet und erhofft hatte.

Patientin B. hatte da bereits ein Martyrium hinter sich, wie sie es bereits in einem ersten Strafverfahren am Aachener Amtsgericht geschildert hatte, und zum Glück gelang dem Lübecker Chirurg dann endlich eine gelungene Ohrplastik. Das war in Aachen anders. Statt eines neuen Ohres an der linken Kopfseite fand sich die heute 39-jährige, gut aussehende Frau mit einer entstellenden Knorpelmasse unter ihrem Haar wieder.

Katharina B. war von Geburt an nicht mit einer Ohrmuschel auf der linken Gesichtsseite ausgestattet. Irgendwann, so hatte sie es geschildert, entschloss sie sich, den Fehler zu korrigieren und einen Aufbau der Ohrmuschel anzugehen. Sie wandte sich an die Klinikärzte in Aachen, wurde dort von dem Chefarzt für Plastische Kopf- und Halschirurgie an der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik beraten.

„Ich dachte, hier sind Experten an der Uniklinik“, antwortete sie am Dienstag im Zeugenstand auf die Nachfrage des Gerichts, warum sie sich hier in Aachen operieren lassen wollte. Klar, das seien eben auch kurze Wege hier zu Hause und schließlich sei das eine Uniklinik, schilderte sie.

Anscheinend ordentlich und korrekt wurde sie über den kommenden Eingriff aufgeklärt – und schließlich operiert. Doch selbst die Folgen der Eigentransplantate, ihr wurde Haut vom Oberarm „abgehobelt“, wie es medizinisch heißt, und Knorpel aus dem Rippenborgen entnommen, führte später zu schlecht heilenden Wunden und einem Narbenfeld am Oberarm, von dem es zuerst geheißen habe „das wird schon gut, das geht weg“, berichtete sie weiter. Eine der vier Operationen nahm der mitangeklagte Oberarzt vor, weil sein Chef nicht da war – und landete damit ebenfalls vor Gericht.

In erster Instanz waren die beiden Ärzte wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Und in der Tat sprach Strafrichterin Jennifer Vath – ärztliche Kunstfehlerverfahren landen nur sehr selten vor dem Strafrichter – beide Angeklagte schuldig. Der Hauptoperateur und Chefarzt wurde wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen und insgesamt 16 000 Euro verurteilt, sein Oberarzt muss wegen fahrlässiger Körperverletzung in einem Fall wegen fahrlässiger Körperverletzung eine Summe von 6000 Euro zahlen.

War es eine Straftat?

Nun geht alles wieder von vorne los. Sowohl der Vertreter der Nebenklägerin Katharina B., der Kölner Anwalt Christoph Klein, wie auch auf der Gegenseite die verurteilten Mediziner legten Berufung ein.

Inzwischen wird der Chefarzt vom Kölner Staranwalt Reinhard Birkenstock vertreten, der seinen Sozius, Rechtsanwalt Martin Bücher, an die Seite des zweiten Angeklagten setzte. Es gehe nicht um das medizinische Ergebnis, stellte Birkenstock am Rande nochmals klar, „es geht hier rein um die Strafbarkeit.“

Der Prozess wird kommenden Freitag fortgesetzt.

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