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Berührende Schicksale, die nachwirken

Von: Ines Kubat
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Mahnung und Aufklärung: Der „Zug der Erinnerung” klärt im Hauptbahnhof über Verbrechen des Nationalsozialismus auf - auch mit Schicksalen aus unserer Region. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Tausende Pendler strömen in Eile aus den Zügen, Tonnen von Gütern müssen in kürzester Zeit auf- und abgeladen werden, und Reisende warten ungeduldig auf ihre Abfahrt: An Bahnhöfen herrscht stets ein geschäftiges Treiben.

Zeit, dort einmal inne zu halten und eine eher unbekannte Rolle von Zügen aus der Vergangenheit kennenzulernen, bietet der „Zug der Erinnerung”, der nun wieder am Hauptbahnhof verweilt: Eine alte Dampflok zieht die Waggons, in denen Biographien von jüdischen Kindern ausgestellt werden, die zur Zeit des Nationalsozialismus systematisch in Konzentrationslager deportiert worden sind.

Beispielhaft für rund zwei Millionen weitere Mädchen und Jungen zeigt die Wanderausstellung, die am Sonntag auf Gleis 1 eröffnet wurde, in Briefen, Bildern und Biographien die anrührenden Schicksale von Kindern, die zum größten Teil nicht mehr aus den Konzentrationslagern zurückkehrten. Die Geschwister Margot und Ernst Heineman, die beide in Haaren und Aachen aufwuchsen und im Jahr 1941 nach Polen deportiert und dort ermordet wurden, gehören zu den rund hundert traurigen Beispielen von deportierten Kindern aus Aachen, die im letzten Waggon aufgelistet sind und die erschreckende Unmittelbarkeit des Nationalsozialismus verdeutlichen.

Die Ausstellung, die in ganz Deutschland unterwegs ist, helfe Herz und Verstand für Leid zu öffnen, indem man aus ganz persönlichen Schicksalen lernt, so Gerd Mertens, Referent des Regionaldekanats, bei der Auftaktveranstaltung: „Nur wer weiß, was passiert ist, kann sich gegen nationalsozialistisches Gedankengut wehren.”

Daher hofft Oberbürgermeister Marcel Philipp auch, besonders Jugendliche mit der Ausstellung erreichen zu können. Die Geschichte Deutschlands sei für ihn „die Geschichte unserer Stadt”: Und so weist er deutlich darauf hin, dass auch in Aachen noch immer Wachsamkeit in Sachen Rechtsextremismus geboten sei.

Der „Zug der Erinnerung” zwinge jeden, die Routine des Alltags zu unterbrechen und in die Augen dessen zu sehen, was das Gewissen eines Landes bildet, findet Regionaldekan Josef Voß. Er und der Aachener Rabbiner Max Bohrer hoffen, durch den Zug einen Schritt weiter in Richtung einer Gesellschaft zu gehen, in der Menschenwürde und gegenseitige Achtung fest verwurzelt sind.

Der Aachener Zeitzeuge Hein Kohlberg erklärt, er habe selbst erfahren, wie normale Menschen sich dem Nationalsozialismus zuwandten und das Leid anderer hinnahmen. Zu wenig sei seiner Meinung nach in Deutschland aus dieser Zeit aufgearbeitet worden - und eine kollektive Bitte um Vergebung für die Verbrechen an Juden, Sinti und Roma, Behinderten und politischen Minderheiten fehle ebenfalls.

Bei der Eröffnung verlas Katja Zinsmeister historische Briefe und Telegramme, die als Berichte der systematischen Deportation in kühler Rationalität geschrieben wurden und jegliche Form der persönlichen Anteilnahme der Bahnmitarbeiter fehlen lassen. Auf dieses fehlende Mitgefühl bezog sich auch Rüdiger Milo vom Verein „Zug der Erinnerungen”: Die strikte Einhaltung des „betrieblichen Ablaufs” als Verteidigung der Täter der damaligen Reichsbahn, habe sie seiner Meinung nach ebenso wenig von ihrer Schuld befreit, wie das Argument der Ordnung die Deutsche Bahn heute von ihrer Pflicht entbinde, sich um die Aufarbeitung der Fehler in der Vergangenheit zu bemühen.

Bis Mittwoch können Privatpersonen die Ausstellung von 17 bis 20 Uhr besichtigen. Dann verlässt der „Zug der Erinnerungen” den Hauptbahnhof wieder und rollt in die nächste Stadt. Doch seine Botschaft, ein Wiederholen der schrecklichen Verbrechen des Nationalsozialismus und das Ausbreiten rechtsextremen Gedankenguts zu verhindern, wird noch weiter wirken - selbst wenn sich der Rauch der alten Lok schon längst in Luft aufgelöst hat.
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