Aachen - „Beratungsklau“ ärgert Einzelhändler

„Beratungsklau“ ärgert Einzelhändler

Von: Daniel Gerhards
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Beratung ist ein „geldwerter Vorteil“ für den Kunden, sagt Einzelhändler Klaas Wolters. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das ist ganz schön ärgerlich für Einzelhändler: Ein Kunde kommt in den Laden, lässt sich ausgiebig beraten und kauft dann nichts – zumindest nicht im Geschäft. Dafür aber zu Hause ganz bequem, mit wenigen Klicks am Rechner.

Schließlich weiß man nach der Beratung beim Einzelhändler genau, was man will. Am Ende spart der Kunde so unter Umständen Geld. Der Einzelhändler steht dagegen ohne Einnahmen da, dafür aber mit Personalkosten und Raummiete.

„Beratungsklau“ nennt Klaas Wolters, Inhaber und Geschäftsführer des Schreibwarenladens Weyers Kaatzer, diese Masche. „Diese Leute kommen in den Laden und lassen sich aufklären. Denn nicht jeder Schulranzen ist für den Rücken jedes Kindes geeignet“, sagt er. Und gekauft werde dann oft doch im Internet. Auch das hat Wolters schon erlebt: Kunden fotografieren den Barcode auf dem Preisschild mit ihrem Smartphone, dann sucht eine eigens dafür entwickelte App das billigste Angebot im Internet raus. „So etwas kannibalisiert den stationären Handel schon kräftig“, sagt er.

Service und Vertrauen

Wolters mag morgens, wenn der Paketbote vor seiner Tür hält, gar nicht in dessen Auto gucken: „Da sieht man ja nur noch Pakete von Amazon und ähnlichen Internethändlern.“ Und dabei seien die Preisunterschiede gar nicht groß. Denn im Einzelhandel würden die gekauften Artikel erklärt und als Geschenk verpackt, der Karton wird entsorgt, und wenn das gekaufte Teil kaputt geht, bekommt man einen kostenlosen Ersatz – das müsse man als „geldwerten Vorteil“ sehen, meint er.

Einen eigenen Internet-Shop, neben dem Ladenlokal, will Wolters aber nicht eröffnen. Anders als Audiophil-Geschäftsführer Boris Lorenz. Er vertreibt Kameras und Zubehör auch im Netz. Die Kunden sitzen in ganz Europa, nur in den Aachener Raum liefert er nicht. Wer in der Region wohnt und bei Lorenz kaufen möchte, muss schon in den Laden kommen. Auch er ist sauer über Kunden, die sich beraten lassen, aber am Ende doch online bestellen. „Mich ärgert, dass jeder nur noch an seinen Profit denkt – auch der Endverbraucher“, sagt er. Beim Kauf einer teuren Kamera kann die Beratung schon mal zwei oder drei Stunden dauern. „Die Zeit nehmen wir uns gerne“, sagt Lorenz. Denn es gehe um „Vertrauen“. Das baue er unter anderem dadurch auf, dass er die Kamera verkaufe, die zum Kunden passe – und nicht die, an der er am meisten verdiene. Und den Kamera-Sensor reinigt Lorenz für seine Kunden auch mal kostenlos – Service eben. So etwas macht er aber nur für Leute, die auch bei ihm kaufen. Es kommen auch Leute mit Kameras, die sie im Netz gekauft haben, in seinen Laden. Sie wollen dann, dass Lorenz nach ihrem defekten Gerät schaut. Das findet wohl jeder Einzelhändler dreist. „Wer Internetpreise will, muss auch mit Internetservice klar kommen“, sagt er.

Urbane Lebensqualität in Gefahr

Auch Bekleidung findet man im Internet zuhauf. Aber Robert Moonen sieht darin keinen Nachteil. „Im Gegenteil. Viele Kunden haben etwas im Internet gesehen, was ihnen gefällt, und fragen mich, ob ich das besorgen kann“, sagt Moonen. Viele Artikel, die er verkauft, seien im Internet „sowieso nicht billiger“. Auch Moonen setzt darauf, dass die Leute wegen des Services kommen. „Wir können gut beraten und haben viel Auswahl.“ Er bestelle Dinge – unverbindlich. Wenn es den Leuten dann doch nicht gefällt, „kauft es halt ein anderer“.

Walter Vennen, Inhaber der Buchhandlung Schmetz am Dom, hat auch keine Probleme mit „Beratungsklau“. Allerdings macht das Internet ihm trotzdem zu schaffen. „Wir spüren sehr deutlich, dass viele Leute im Internet kaufen. Amazon macht dem Buchhandel das Leben schwer“, sagt Vennen. Besonders der Umsatz mit Taschenbüchern gehe zurück: „Das kaufen die Leute mal schnell im Internet“, sagt er. Doch in Sachen Schnelligkeit könne der Buchhandel problemlos mit dem Internet konkurrieren. Vennen: „Wenn man bei uns bis 19 Uhr ein Buch bestellt, ist es am nächsten Morgen da. Wir sind schneller als Amazon.“

Mark Walmrath, Inhaber des Schuhhauses Walmrath, geht davon aus, dass die Leute weniger wegen der günstigeren Preise im Internet kaufen. Denn der größte Internet-Schuhhändler Zalando sei gar nicht so viel billiger. „Es ist eher die Bequemlichkeit der Leute, sich die Schuhe nach Hause liefern zu lassen. Das kann ich nicht nachvollziehen.“

Und Klaas Wolters ist sich sicher: Wenn sich am Kaufverhalten nichts ändert, wird ein Stück städtische Lebensqualität verloren gehen. „Wenn der Beratungsklau so weitergeht, müssen immer mehr traditionelle Geschäfte schließen. Dann gehen für Aachen Arbeitsplätze und Steuern verloren – und die Innenstadt verarmt.“

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