Aachen - Ben Kaufmann verabschiedet sich vom Neuen Aachener Kunstverein

Ben Kaufmann verabschiedet sich vom Neuen Aachener Kunstverein

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
Ben Kaufmann
Auf „Revoluzzerpfaden": Ben Kaufmann verlässt den Neuen Aachener Kunstverein zum Jahresende - nicht ohne einen kritischen (Rück-)Blick auf die finanzielle Förderung der freien „Was wir brauchen, ist eine unabhängige Studie, in der alle Einrichtungen gleichermaßen auf den Prüfstand gestellt werden", sagt er. Foto: Jaspers
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„Auf der Erfolgsstraße, aber auch in der Sackgasse“: Nach wie vor hängen zahlreiche Initiativen auch am Tropf der städtischen Subventionspolitik. Fotos: Steindl, Schmitter, Lachmann/Collage: Horst Thomas

Aachen. Das Beste kommt immer zum Schluss. Natürlich auch für Ben Kaufmann. Wenn am Samstag ab 19 Uhr im alten Gartenhaus an der Passstraße, wie stets zum Jahresende, die nächste Benefizauktion des Neuen Aachener Kunstvereins über die Bühne geht, dann hat der 45-Jährige sein letztes großes Projekt als dessen Geschäftsführer gestemmt.

Zum 31. Dezember tritt Kaufmann nach gut vier Jahren seinerseits von besagter Bühne ab, um als selbstständiger Künstler und Kunstvermittler ein neues Kapitel aufzuschlagen. Wenn er im AZ-Gespräch zurückblickt, schaut er auf eine Vielzahl von spannenden und in ihrer Radikalität nicht selten aufwühlenden Präsentationen, auf erfolgreiche Kooperationen mit international renommierten kreativen Köpfen oder jungen Stars der Szene.

Man kann also keineswegs sagen, dass er im Zorn zurückschaue, im Gegenteil. Aber: Er nutzt auch die Gelegenheit, hier und da den verbalen Hammer statt den des Auktionators auszupacken – wenn es um die generelle Situation, den allgemeinen Umgang mit der sogenannten freien Szene geht.

„Aus meiner Sicht ist ihre Geschichte eine Erfolgsstory, aber sie steckt zugleich in einer Sackgasse“, findet Kaufmann. Zahlreiche unabhängige Kunstvereine seien längst bestens etabliert und leisteten einen immensen Beitrag nicht nur zur Zementierung der sogenannten – letzthin auch ökonomisch unabdingbaren – „weichen“ Standortfaktoren.

„Es gibt einen wirtschaftlichen Gewinn, den Kommunen und Land durch die ,freie Szene‘ generieren; sie bindet und ermöglicht Arbeitsplätze.“ Dem trage die Politik durch Subventionierung erfolgreicher „Anbieter“ zwar Rechnung. Immerhin könne der NAK bei einem aktuellen Jahrestat von rund 150.000 Euro auf eine – für hiesige Verhältnisse – geradezu opulente Finanzspritze von 30.000 Euro jährlich bauen. „Das ist immens wichtig und gut so“, meint er. Inzwischen jedoch seien die Beiträge aus dem Stadtsäckel „gefühlt wie in Stein gemeißelt“.

Daran könne auch die jüngste Aufstockung des Zuschusstopfes um 25000 Euro wenig ändern (wiewohl die Kulturpolitiker bekräftigen, dass das Geld vor allem zur Förderung junger, aufstrebender Einrichtungen fließen soll). „Der Stadt“, mutmaßt Kaufmann, „geht es vor allem um den Erhalt des Status Quo, darum, dass die freie Szene klein und ruhig gehalten wird.“ Was für Letztere bedeute: „Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.“

Natürlich vergisst der kritische Betrachter Kaufmann in diesem Zusammenhang nicht, auf Städte wie Bonn oder Düsseldorf zu verweisen, die den reellen „Mehrwert“ der unabhängigen „Kreativwirtschaft“ mit weit größerer finanzieller Unterstützung honorierten.

In Bonn erhalte die freie Szene rund 2,3 Millionen pro Jahr, in Aachen gerade einmal etwas über 400.000 Euro, während Kulturpolitik und -verwaltung vor allem die „eigenen“ Institutionen wie Museen und Theater mit reichlich Mitteln ausstatteten. Müsste man die Förderpakete also völlig neu schnüren? Kaufmann kontert mit einem provokanten Postulat: „Meiner Meinung nach müsste man sie ganz über Bord werfen.“

Konkrete alternative Konzepte hat er freilich nicht parat. „Mag sein, dass ich derzeit auf dem Revoluzzerpfad unterwegs bin“, sagt er. „Was wir bräuchten, wäre eine unabhängige Machbarkeitsstudie, die alle Institutionen gleichermaßen auf den Prüfstand stellt.“ Und: „Wir brauchen eine elementare Änderung des Bewusstseins.“ Das gelte fürs (potenzielle) Publikum ebenso wie für die freie Wirtschaft: „Mittelstand und Industrie sind trotz prosperierender Wirtschaftslage kaum mehr bereit, sich finanziell zu engagieren.“ Städten, Land und Bund sei überdies zuzugestehen, „dass sie niemanden gebeten haben, eigenständige Initiativen zu gründen, die nun mitfinanziert werden sollen“.

Dennoch lasse die Stadt, zugunsten „eigener“ Häuser, viele Möglichkeiten aus. So blieben Werbeflächen für unabhängige Einrichtungen de facto unerschwinglich, weil sie von externen Unternehmen vermarktet würden. Bleibt, apropos Bewusstsein, festzustellen: Kaufmann ist sich über die „Radikalität“ seiner Kritik völlig im Klaren. Zumindest aber würde der Vorschlag, die freien Initiativen „aus der kommunalen Abhängigkeit zu befreien, der ursprünglichen Intention ihres bürgerlichen Gründungscharakters deutlich besser entsprechen und das ökonomische Scheitern der kommunalen Häuser und des Kulturamtes offenbaren.“

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