Bemerkenswerter Brief in besonderer Zeit

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
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Keine Aachener Schule ist so international: 60 Nationalitäten zählt das Geschwister-Scholl-Gymnasium. Leiter Jan-Dirk Zimmermann zeigt auf der Weltkarte, die im Foyer der Schule hängt, aus welchen Ländern die Kinder und Jugendlichen des GSG stammen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Jan-Dirk Zimmermann ist ein sensibler Mensch. Er nimmt früh die kleinsten „seismischen Aktivitäten“ an seiner Schule wahr. Und „seine“ Schule, das ist das Geschwister-Scholl-Gymnasium im Aachener Ostviertel. 540 Schüler aus 60 Nationen, 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund. In einem bemerkenswerten Brief wendet er sich an Schüler, Eltern und Partner.

Wer wie Dienstagmittag zum Unterrichtsschluss an der Schule in der Stolberger Straße vorbeikommt, der erhält ein ungefiltertes Gefühl dafür, was Multikulti im Aachener Alltag bedeutet. Schulleiter Zimmermann hat nun mit einem bemerkenswerten Brief, der an alle Schüler, Eltern und Partner des GSG herausging, für Aufsehen gesorgt. Kein schlimmer Vorfall, kein aus dem Ruder gelaufener Konflikt im Unterricht sei der Anlass dafür gewesen, betont er. „Es war einfach mal wieder fällig“, meint Zimmermann. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge (kursiv gedruckt) aus dem außergewöhnlichen Brief des GSG-Leiters.

„In den vergangenen Monaten haben uns völlig widersprüchliche Signale erreicht: Zunächst im Sommer verstärkte sich ein ungeheurer Exodus aus Syrien, Irak, Afghanistan, Nordafrika, Zentralafrika gen Norden, gen Nordeuropa. Die deutsche Bundeskanzlerin diskutierte nicht über die Berechtigung zur Flucht – sie stellte einfach nur fest. „Wir schaffen das!“ – Sollte heißen: ‚Wir nehmen die Hilfesuchenden auf, wir sorgen für sie, weil es Menschenrecht ist!‘ Die Bürger halfen, wo sie konnten. Sie spendeten Kleidung, Spielzeug, Decken – was den Flüchtlingen fehlte, was daheim vorhanden war! Sie malten Schilder: Refugees welcome! Sie versorgten die Ankommenden an Bahnhöfen, in den Notunterkünften. So viele Kriege und Katastrophen enden nicht in einem halben Jahr, Hilfe ist wie ein Marathonlauf, verlangt nach Ausdauer und dauert sehr lange!“

Neu aufkeimende Krisen in der Welt registrieren sie am Geschwister-Scholl-Gymnasium sehr früh. Die „seismographische Nadel“ schlägt dann gewissermaßen aus. „Wir haben schließlich Schüler aus all diesen Regionen hier“, erzählt Zimmermann. Zuletzt, berichtet er, hätten er und seine Kollegen zum Beispiel vermehrt Spannungen zwischen Schülern türkischer und kurdischer Herkunft wahrgenommen. „Internationale Konflikte spielen so unmittelbar in unseren Schulalltag rein“, sagt er. Und das seit Jahren, nicht erst seitdem die Weltöffentlichkeit die Flüchtlingskrise und ihre Folgen in den Fokus genommen hat. Wie geht man mit so vielen Nationalitäten unter einem Dach um? Am GSG hat man auf diese Frage über viele Jahre hinweg Konzepte erarbeitet und lebt das Miteinander jeden Tag und nach klaren Regeln – auch und gerade, wenn Konflikte auftreten. In der Vergangenheit von einigen Seiten als „Gymnasium zweiter Klasse“ belächelt, sagt Zimmermann heute selbstbewusst: „Ja wir sind eine Expertenschule.“ Bis in den Kölner Raum hinein ist das Know-how des GSG mittlerweile gefragt, Lehrer von anderen Schulen informieren sich vor Ort, wie das Aachener Gymnasium mit so vielen Nationalitäten im Unterrichtsalltag umgeht. Denn: „Die Schüler aus 60 Nationen waren schon bei uns, bevor die Flüchtlingskrise richtig aufkam“, sagt Zimmermann.

„Gerade unser Gymnasium steht wörtlich zwischen allen Fronten. Ich möchte Sie bei Ihrem nächsten Besuch einladen, am Eingang auf die Geschwister-Scholl-Weltkarte zu schauen. Dort zeigen wir, woher unsere Schülerinnen und Schüler stammen: 60 anerkannte Staaten! Dabei weiß ich aus vielen Gesprächen mit Eltern und Schülern, dass diese Karte lange nicht alle Volksgruppen zeigen kann, die keinen eigenen Staat bilden dürfen. Wo für viele Deutsche ein Krieg eine Nachricht in der Zeitung bildet, bedeutet dieser fast immer für Schüler und Familien unserer Schule persönliche Betroffenheit.

Vor diesem Hintergrund rufe ich Sie alle auf: Lassen Sie uns eine bewusste Gegenbewegung zum Unrecht in der Welt sein! Lassen Sie uns gemeinsam leben, nicht nur lernen! Lassen Sie uns über die Gräben der Heimatländer, über die Religionen und ihre Konflikte, über die sozialen Schichten hinweg einander helfen, unterstützen, Zukunft für Aachen, für uns und unsere Kinder gewinnen! Stoppen Sie Ihre Kinder, wenn diese von ihrem Streit mit anderen Schulnationalitäten, von Ärger mit Andersgläubigen berichten! Seien Sie Ihren Kindern ein Vorbild im Miteinander!

Jan-Dirk Zimmermann bezeichnet sich selbst als durch und durch politischen Schulleiter. „Aber nicht im Sinne einer Nähe zu einer Partei“, fügt er an. In diesem Kontext sei auch der Brief zu lesen, der vergangenen Freitag an alle Schüler und Eltern verteilt wurde.

„Ich bin fest davon überzeugt: Deutschland ist so reich, dass für viele Platz sein kann! Hier gibt es auch noch Platz für Neuankömmlinge! Um in diesem Land zu bestehen, muss aber jeder Mensch die deutsche Sprache beherrschen, die notwendigen Abschlüsse vorweisen und die hier geltenden gesellschaftlichen Regeln des deutschen Grundgesetzes einhalten. Außenseiter, die ihre eigene Welt leben und bewahren wollen, werden dieses Land nicht beeinflussen und verändern können. Sie werden vielmehr die Angstreflexe der Rechtsextremen bedienen und zur Zielscheibe werden. Sie werden scheitern. Lassen Sie uns gemeinsam allen Kindern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums das Rüstzeug schenken, mit dem sie in Deutschland und überall in der Welt ein erfolgreiches Leben gestalten können und zum Motor für Versöhnung werden. In diesem Sinne machen Sie selber mit, indem Sie an unseren Veranstaltungen teilnehmen und unsere Ziele und erzieherische Arbeit unterstützen.“

Es ist nicht der erste Brief dieser Art, den Zimmermann verfasst hat. Reaktionen von Seiten der Eltern gebe es darauf bisher jedoch nur sehr vereinzelt, berichtet er. Ein Problem: Viele Eltern der Schüler mit Migrationshintergrund sprechen nicht einmal Deutsch. Ohne Dolmetscher – ob nun beispielsweise in Person des großen Bruders oder der Tante – geht es oftmals überhaupt nicht, wenn Lehrer Kontakt zum Elternhaus der Schüler suchen.

„Im Interesse der Schülerinnen und Schüler, im Interesse einer friedlichen Zukunft fordere ich Sie weiterhin auf zu ,Miteinander – Füreinander – Aufeinander zu‘.“

Besucher blicken gleich beim Eintritt in das Schulgebäude auf das Motto des Gymnasiums: „Miteinander – Füreinander – Aufeinander zu“ steht auf einem Schild geschrieben. Es soll alle von Beginn an dafür sensibilisieren, wie am GSG gelernt und gelebt wird.

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