Beliebte Baumart droht aus dem Stadtbild zu verschwinden

Von: Stephan Mohne
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Kein Herbstidyll, sondern ein Krankheitsbild: Die Kastanienbäume sind in diesem Jahr extrem von Miniermotten-Larven befallen. Dunkelbraune Blätter im September sind das äußere Zeichen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wer hat als Kind nicht Kastanien gesammelt und damit gebastelt? Wohl die wenigsten. Doch das könnte bald schon weitgehend in den Bereich „nostalgische Erinnerung“ fallen. „Wir werden die Rosskastanie langfristig als Stadtbaum verlieren“, befürchtet Jürgen Drautmann, Baumexperte beim städtischen Fachbereich Umwelt.

Denn für die so beliebte Baumart kommt es knüppeldick. Und das gleich zweifach. Da wäre zunächst die Miniermotte, die einst aus Osteuropa kam und sich dann folgenreich auch bei uns verbreitete. Die Larven des Kleinschmetterlings machen sich über die Blätter der weißblühenden Kastanie her und schädigen sie. „In diesem Jahr ist der Befall extrem“, so Drautmann. Was mit der warmen Witterung zu tun hat. Das kann man deutlich sehen. Wenn schon jetzt im September die Kastanienblätter aussehen wie sonst im Spätherbst und diese zu Boden fallen, dann hat das mit ebenjener Larve zu tun. Die Blätter wechseln ohne Zwischenstufen von Grün in Dunkelbraun.

Die Bekämpfung der Larven ist aufwendig. Zunächst muss das Laub umgehend entfernt werden, da sich die Larven ansonsten nach dem Fallen der Blätter innerhalb weniger Tage in den Boden verkriechen und dort überwintern. Ist das Laub eingesammelt, muss es verbrannt oder bei Temperaturen jenseits von 80 Grad Celsius kompostiert werden.

Doch das umgehende Entsorgen des Laubs sei auch ein zweischneidiges Schwert, sagt der Experte. Schließlich nehme man den Bäumen damit auch wichtigen Humus. Es gibt auch Pheromonfallen. Doch angesichts der Anzahl der Larven bräuchte man davon Unmengen: „Man müsste in Aachen hunderte, wenn nicht tausende dieser Fallen hängen“, so Drautmann.

Entdeckt wurde die Miniermotte in Deutschland erstmals in den 1980er Jahren. In dieser kurzen Zeit haben sich noch keine natürlichen Fressfeinde auf diese Tierart „spezialisiert“. Es gibt lediglich Hinweise darauf, dass Meisen die Larven fressen. Und überhaupt: Was man auch tut, kann nur greifen, wenn das auch Nachbarkommunen tun. Denn der Larvenbefall macht schließlich nicht an Stadtgrenzen halt. Drautmann: „Da kommt es zu einem regelrechten Pingpong-Spiel.“

Befürchtet wird, dass der Larvenbefall die Kastanien auf Dauer schädigt. Doch das, so sagt Jürgen Drautmann, sei nicht einmal das Schlimmste. Noch dramatischer seien vielmehr die Bakterien der Gattung Pseudomonas, die jetzt immer öfter Rosskastanien befallen. In diesem Fall nicht nur die weißblühenden, wie bei der Miniermotte, sondern auch die rotblühenden. Dies ist ein noch jüngeres Phänomen als jenes mit der Motte. Denn der Pseudomonas-Befall ist erst seit zehn Jahren bekannt. Doch er verbreitet sich rasant.

Dabei sind es nicht einmal die Bakterien, die die Bäume am ärgsten schädigen. Vielmehr verursachen sie schwarze Stellen und machen die Rinde durchlässig. Das wiederum gibt Pilzen die Chance, die Bäume von innen unrettbar zu schädigen. Die Folge: Sie müssen gefällt werden – zumindest dort, wo aus es aus Gründen der Verkehrssicherheit dringend geboten ist. Überall im Straßenraum, aber auch in belebten Parks zum Beispiel. Also dort, wo man als Kind gemeinhin Kastanien zum Basteln sammelt. „Wir hatten auch dieses Jahr schon einige Fällanträge“, sagt Drautmann.

Die Kastanie würde damit das gleiche Schicksal ereilen wie zuvor die Ulme. Bei ihr hat der aus Südostasien mit dem globalisierten Holzhandel eingeschleppte Splintholzkäfer dafür gesorgt, dass sie fast aus dem Stadtbild verschwunden ist. Es gibt nur noch extrem wenige Exemplare. Eine große Ulme steht noch im Bereich des ehemaligen Spielcasinos, zwei gibt es in Horbach.

In Bezug auf die Kastanien sagt Jürgen Drautmann nachdenklich: „Ich mache das jetzt seit rund 30 Jahren. Und ich habe das Gefühl, dass die Bäume den Klimawandel schon früher als wir zu spüren bekommen haben.“ Zum Beispiel durch veränderte Bedingungen in Sachen Wasser – bei trockenen Frühjahren und feuchten Sommern. Das habe die Bäume dann möglicherweise anfälliger für neue Schädlinge gemacht. Und irgendwann sind sie einfach weg.

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