Belebende Zivis sind im Sommer Geschichte

Von: Thorsten Karbach
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Vertrauensperson: Die Viktor-F
Vertrauensperson: Die Viktor-Frankl-Schüler verstehen sich prächtig mit dem Zivlidienstleistenden Cornel Braam. Doch ab Sommer gibt es keine Zivlidienstleistenden mehr. Was Foto: Andreas Steindl

Aachen. Jan Gundlach war nie so glücklich, dass er laufen kann. Er war erst ein paar Stunden in der Viktor-Frankl-Schule. Kinder in Rollstühlen kamen ihm entgegen. Gundlach sollte ihnen helfen.

Er stellt sie ins sogenannte Stehbrett, um ihre Muskeln zu entspannen. Er fährt mit ihnen zur Toilette. Er spricht mit ihnen über Sorgen, Nöte und Ängste. Er hört zu. Die Kinder haben Gundlach, 20 Jahre, ins Herz geschlossen. Ebenso Cornel Braam, 19 Jahre, der sie aus dem Rollstuhl hebt oder mit ihnen in der Pause Fußball spielt.

Jan Gundlach und Cornel Braam arbeiten seit August in der Viktor-Frankl-Schule als Zivlidienstleistende. Zehn Zivis gibt es an der Förderschule für Kinder mit motorischer oder körperlicher Behinderung. Sie sind die letzten ihrer Art, denn mit der Aussetzung der Wehrpflicht fällt auch der Zivlidienst zum 1. Juli weg. Und Schulleiterin Beate Jahn steht vor einem Rätsel, dass sie noch nicht lösen könnte: Wer übernimmt die Arbeit der Zivis?

Beate Jahn mag nicht daran denken, wie es ohne Gundlach, Braam und die anderen Zivis wird. Muss sie aber. Denn schon zum neuen Schuljahr steht die Schule und ihr Träger, der Landschaftsverband Rheinland vor der Aufgabe, die Arbeit der Zivlidienstleistenden auf andere Schultern zu verteilen. Beispielweise auf junge Menschen, die ein Freiwilligen Soziales Jahr (FSJ) beginnen. Oder den neuen Bundesfreiwilligendienst aufgreifen. Doch wie der Name schon sagt: es ist ein freilliges Engagement, im Gegensatz zum Zivil- oder Wehrdienst, die Zwangsdienste sind.

Der Bundesfreiwilligendienst kann helfen. Aber er kann die Zivildienstleistenden kaum ersetzen. Das weiß Beate Jahn, das weiß auch Angelika Christ, Pressesprecherin des Uniklinikums. 41 Zivi-Stellen gibt es normalerweise im Klinikum. Junge Männer, die die Pflegekräfte unterstützen, die Patienten durchs Haus fahren und das Essen bringen - für 1356 Betten. Zuletzt waren nur noch 26 Zivi-Stellen besetzt, „Wir hoffen die Verluste teilweise aus dem Kontengent Freiwilliges Soziales Jahr” ausgleichen zu können”, erklärt Christ.

Dazu wurde eine Kooperation mit dem Bistum abgeschlossen. Aber sie sagt eben auch: „Trotzdem werden die Zivis uns fehlen.” Und so fehlen sie bald schon an vielen Ecken des Sozialsystems. In Altenheimen, bei Krankentransporten, in Schulen, in der Betreuung von Menschen mit Behinderung. Rund 650 Stellen gab es zuletzt in der Städteregion. „Das ist ein richtiger soziales Kahlschlag”, findet Gaby Lang, Leiterin der Awo Senioreneinrichtungen, die im Moment noch sieben Zivis zählen.

Beate Jahn schüttelt immer wieder energisch mit dem Kopf, wenn sie daran denkt, ohne Zivis auskommen zu müssen. „Die jungen Leute beleben das System immer wieder neu. Pflegekräfte werden mit dem System alt. Wir brauchen ihre Ideen”, sagt sie. Und auch wenn Jan Gundlach Wirtschaftsingenieurwesen und Cornel Braam Architektur studieren werden, viele Zivis entscheiden sich nach der Zeit in der Viktor-Frank-Schule für den Beruf des Sonderpädagogen. Und gerade Männer brauche die Schule. 87 Lehrer gibt es für 271 Schüler. 80 der 87 sind Lehrerinnen. Statt Zivis sollen FSJ-ler den Lehrern nicht nur sprichwörtlich unter die Arme greifen. Doch melden sich dafür in erster Linie Mädchen.

„Und die Arbeit ist durchaus anstrengend”, sagt sie. Ein zartes junges Mädchen kann keinen kräftigen Kerl aus dem Rollstuhl heben. Jahn und ihre Schüler brauchen Männer. Und sie brauchen sie schon zum neuen Schuljahr. „Ich weiß nicht, wie es ohne sie funktionieren soll”, sagt Jahn. Das klingt wie ein Hilferuf. Was sei, wenn ein Kind im Unterricht zur Toilette müsse? Die Lehrer können die Klasse schließlich nicht allein lassen. Oder wenn hyperaktive Kinder einfach mal raus müssten? „Wir können unsere Schüler doch nicht an Tischen und Bänken festbinden”, sagt Jahn. Nur Zivis oder FSJ-ler könnten dieses Dilemma lösen.

Dabei lohne sich ein Engagement an der Viktor-Frankl-Schule. Gundlach und Braam erzählen von den Erfahrungen des laufenden Schuljahres, die sie nicht mehr missen möchten. „Ich sehe, dass in unserer Gesellschaft eben nicht alles heile Welt ist”, sagt Gundlach. „Man merkt, dass es nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein”, erzählt Cornel. Viel Vertrauen haben sie aufgebaut. Eben weil sie keine Lehrer sind und sich die Schüler ihnen schneller anvertrauen. Und dann berichten sie von dem Jungen im Rollstuhl, dem sie erzählten, dass ihnen heute die Beine schmerzten. „Schneidet sie doch ab. Die braucht ihr gar nicht”, sagte der. Und hinterher dachten Jan und Cornel, dass sie noch nie so glücklich waren, dass es ihnen gut geht und sie laufen können.
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