Aachen - Belastung für Lehrer steigt, doch die Pflichtstundenzahl bleibt kontant

Belastung für Lehrer steigt, doch die Pflichtstundenzahl bleibt kontant

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
16221633.jpg
Korrekturen bis in die Nacht: Lange Zeit galt die Arbeitszeit von Lehrern als nicht bestimmbar. Im Arbeitsvertrag steht lediglich die Anzahl der Stunden, die sie unterrichten müssen. Der Zeitaufwand für Korrekturen wird nicht erfasst. Das will eine Studie nun ändern. Foto: dpa
16221636.jpg
Hofft, dass die Arbeitszeitstudie eine Argumentationsbasis für strukturelle Veränderungen im Lehrberuf liefert: Manfred Egerding, Personalrat und Vorsitzender des Philologenverbandes Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Manchmal reicht ein noch nicht ausgedrucktes Arbeitsblatt aus, um Marie Schulte den Schlaf zu rauben. Dann setzt sich das Gedankenkarussell in Bewegung, das so häufig zu ihrem nächtlichen Begleiter wird. Was habe ich heute nicht mehr geschafft? Was darf ich morgen auf keinen Fall vergessen? Den Wecker für den nächsten Morgen stellt sie dann besonders früh.

Um die letzten Vorbereitungen für den Unterricht zu erledigen. Noch bevor die eigenen Kinder aufwachen und versorgt werden müssen. „Wenn um acht Uhr der Gong zur ersten Stunde läutet, habe ich an manchen Tagen gefühlt schon einen halben Arbeitstag hinter mir“, sagt Schulte. Der aber nicht selten erst um 23 Uhr beendet ist – wenn auch mit Unterbrechungen.

Dem alten Spruch, dass Lehrer vormittags Recht und nachmittags frei haben, kann Marie Schulte, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, herzlich wenig abgewinnen. 18 Stunden pro Woche unterrichtet sie an einem Aachener Gymnasium. Deutsch und Englisch, also zwei Korrekturfächer. Eigentlich sei geplant gewesen, dass sie nach der Geburt ihrer Kinder wieder in Vollzeit mit einem Deputat von 25,5 Unterrichtsstunden pro Woche an die Schule zurückkehre, berichtet sie.

Ihr Mann hätte dann in Teilzeit gearbeitet und die Kinder zu Hause betreut. Doch nach einem Jahr musste Schulte feststellen: Mit zwei Korrekturfächern ist auch der als so familienfreundlich geltende Beruf des Lehrers nicht mit Kindern vereinbar. Die Arbeitszeit allein schon durch die rund 1000 Klassenarbeiten, die bei ihr im Laufe eines Schuljahres zur Korrektur angefallen seien, habe ihr Partner einfach nicht auffangen können. Eine einfache Entscheidung sei das nicht gewesen. Denn ganz unabhängig vom Stresspegel gelte für sie nach wie vor: „Ich liebe diesen Job.“

Dass die Arbeitsbelastung für Gymnasiallehrer immer mehr zunimmt, beobachtet Manfred Egerding schon lange. Seit 2012 ist der 59-Jährige, der am Inda-Gymnasium unterrichtet, als Personalrat für Lehrkräfte an Gymnasien und Weiterbildungskollegs bei der Bezirksregierung Köln tätig. „Die Kollegen sitzen teilweise unter Tränen vor mir und sind bereit, alles hinzuschmeißen“, berichtet der Vorsitzende des Aachener Philologenverbands. Denn das Aufgabenfeld werde immer größer: Inklusion, Integration von Flüchtlingskindern, individuelle Förderung bei steigender Heterogenität der Klassen. Doch die wöchentliche Pflichtstundenzahl bleibe seit Jahren unverändert.

Als Konsequenz entscheiden sich laut Egerding immer mehr Lehrer dazu, in Teilzeit zu arbeiten. Allein schon der Gesundheit wegen. Denn: „Die Burnout-Quote ist bei Lehrern besonders hoch.“ Das sich ständig drehende Gedankenkarussell ist eben nicht nur in Marie Schultes Schlafzimmer ein treuer Begleiter.

Neu sei diese Entwicklung nicht, sagt Egerding. Und dennoch habe die Landesregierung in den vergangenen Jahren wenig getan, um ihre Angestellten an den Schulen zu unterstützen. „Als 2017 eine Befragung durch die fünf Bezirksregierungen ergab, dass die Arbeitsbelastung für Lehrer extrem hoch ist, hat die Landesregierung als Konsequenz lediglich einen pädagogischen Tag spendiert, an dem die Kollegen selbst erarbeiten sollten, wie sie die Arbeitsbelastung besser stemmen könnten“, sagt Egerding verärgert. „Sie sollen sich also am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen – ohne dass sich strukturell etwas verändert.“

Studie zur Arbeitszeit

Genau an diesem Punkt setzt die bundesweite Arbeitszeitstudie an, die der Deutsche Philologenverband in Auftrag gegeben hat und die Ende dieser Woche auch in Aachen flächendeckend anläuft. Sie soll genaue Daten zu Arbeitszeit, Belastung und Gesundheit von Gymnasiallehrern liefern. Und dem Philologenverband als Argumentationsbasis dienen, um strukturelle Veränderungen für den Lehrberuf einzufordern.

Denn lange Zeit galt die Arbeitszeit von Lehrern als nicht bestimmbar. Im Arbeitsvertrag steht lediglich die Anzahl der Stunden, die sie unterrichten müssen. Vor- und Nachbereitung, Korrekturen, Klassenfahrten, Elternabende – alles Leistungen, die nicht erfasst werden. Wie viele Stunden pro Woche sie tatsächlich arbeitet, weiß Marie Schulte selbst nicht. Aufgeschrieben habe sie es nie. Wozu auch. Schließlich können Lehrer nicht plötzlich den Unterricht ausfallen lassen, um Überstunden abzufeiern.

Dass Lehrer im Durchschnitt pro Woche gut zwei Stunden länger als vergleichbare Beschäftigte im öffentlichen Dienst arbeiten, hat jüngst eine bundesweite Studie der Universität Göttingen bestätigt. Selbst wenn die Ferienzeiten eingerechnet werden, kommen der Studie zufolge Lehrer an Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien auf eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden und 18 Minuten; ihre Kollegen in vergleichbaren Jobs auf 46,38 Stunden. „Gedanklich sind wir permanent mit der Schule beschäftigt“, sagt dazu Egerding.

Die Entgrenzung der Arbeitszeit sei nicht nur für die Lehrkörper selbst, sondern auch für die Familie eine Belastung. „Wir sitzen zum Teil um 23 Uhr noch am Rechner und beantworten Schülerfragen.“ Und in den meisten Ferien werden Klassenarbeiten korrigiert. Wirklich abschalten, das funktioniere nur in den Sommerferien.

Für den Personalrat steht fest: „Die Pflichtstundenzahl muss reduziert werden, wenn wir die Qualität halten sollen.“ Hilfreich wären zudem kleinere Klassen, eine Vertretungsreserve und die Beschäftigung von Assistenzlehrern, wie es in England oder auch in Luxemburg üblich sei. Dann müsste vielleicht auch nicht mehr so häufig spätnachts das Gedankenkarussell seine Runden drehen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert