Beispiel Nottingham: Moderne Bahn, moderne Stadt

Von: Thorsten Karbach
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Neues Stadtbild: Seit 2004 fährt durch Nottingham eine Tram. Sie führt mitten über den Marktplatz bis vor das Rathaus. Autos werden in der City seitdem seltener gesichtet. Foto: Seit 2004 fährt durch Nottingham eine Tram. Sie führt mitten über den Marktplatz bis vor das Rathaus. Autos werden in der City seitdem seltener gesichtet.
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Sieht positive Entwicklung für den Nahverkehr und das Image der Stadt: Jane Urquhart, Councillor for planning and transport, der mittelenglischen Stadt Nottingham.

Aachen. Nottingham und Aachen haben sehr viel gemeinsam. Sie sind von vergleichbarer Größe – Nottingham zählt rund 300.000, Aachen 250.000 Einwohner –, haben beide zwei große Universitäten und nicht zuletzt eine große Geschichte – dort mit Robin Hood, hier mit Karl dem Großen.

Doch in einem Punkt hat Nottingham Aachen überholt – auf der Schiene. Denn in der mittelenglischen Stadt wurde vor zwölf Jahren die Diskussion geführt, die nun in Aachen läuft. Braucht die Stadt die Wiedereinführung der Straßenbahn? Die Entscheidung fiel deutlich für die Tram, 2004 wurde sie eröffnet. Und auch hier gibt es vergleichbare Eckdaten: Begonnen wurde mit einer Linie. Diese führte über 14 Kilometer vom Hauptbahnhof durch das Zentrum bis nach Hucknall im Norden. Vier Kilometer liegen auf Straßen, zehn in separaten Schienenspuren. Über die Erfahrungen mit der Tram – die übrigens von Bombardier Transportation gebaut wird – berichtet Jane Urquhart, Councillor for planning and transport (was so viel heißt wie Stadtverordnete für Planung und ÖPNV) im Interview.

Warum hat sich Nottingham für die Wiedereinführung einer Straßenbahn (Tram) entschieden?

Urquhart: Inspiriert wurden wir für diese Idee in den 1980ern bei einem Besuch in unserer deutschen Partnerstadt Karlsruhe. Wir hielten die Idee einer Tram als nächsten Schritt im Ausbau unseres Öffentlichen Personennahverkehrs für sehr gut, mussten aber noch eine Lösung für unsere Stadt entwickeln. Wir haben immer viel Geld in Busse investiert, wir mussten nun zeigen, dass sich eine solche Bahn für Nottingham wirklich lohnt – beispielsweise in verbesserten Fahrzeiten.

Wie haben die Menschen in Nottingham auf diese Planung reagiert?

Urquhart: Es gab einerseits Menschen, die sehr stolz waren auf die Idee, wieder eine Tram zu entwickeln. Schließlich gab es die hier bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie sahen von Anfang an die Tram als Aushängeschild einer modernen Stadt. Auf der anderen Seite gab es Menschen, die die Auswirkungen auf ihr direktes Umfeld fürchteten – etwa auf den Wert ihres Eigenheims, den Lärm während der Bauzeit, die Beeinträchtigung ihrer Mobilität. Die Einschätzungen in der Bevölkerung waren wirklich sehr gemischt, wir haben versucht, die Bedenken zu nehmen.

Wie haben Sie dies angestellt?

Urquhart: Wir haben sehr viel mit den Menschen direkt gesprochen. Wir haben immer mit kleinen Gruppen von Anwohnern entlang der Streckenführung zusammengesessen und ihnen die Pläne vorgestellt. Wir haben ihnen erklärt, was wir vorhaben, wie wir bauen und was das für die Menschen bedeutet. Wir konnten nicht alle für das Projekt begeistern, aber alle konnten sich am Ende sehr gut informiert fühlen.

Gab es keine Bedenken, die Stadt könnte sich finanziell übernehmen?

Urquhart: Bis wir wirklich mit dem Bau begonnen haben, konnten wir Geld für dieses Projekt sparen. Zwischen den ersten Plänen und der Eröffnung lagen fast 16 Jahre. Und von den Gesamtkosten über 200 Millionen Pfund wurden 80 Prozent von der Regierung gefördert.

Entsprachen Ihre Ausgaben denn letztlich den kalkulierten Kosten?

Urquhart: Ja, wir blieben in unserem Kostenrahmen. Das war wirklich ein großer Erfolg. Und auch die anvisierte Bauzeit von drei Jahren haben wir nur um drei Monate überschritten.

Welchen Effekt sehen Sie nun durch die Tram auf den Straßen Nottinghams?

Urquhart: Die Bahn führt mitten durch das Herz unserer Stadt und hält viele Autos draußen. Im Zentrum sind seit Einführung in erster Linie Tram und Busse unterwegs, wir konnten deswegen auch massiv die Fußgängerzonen barrierefrei ausbauen. Das ist von enormem Wert für diese Stadt. Insgesamt beobachten wir einen stetigen Anstieg der Fahrgastzahlen im Öffentlichen Personennahverkehr – auch bei den Bussen. Das ganze System aus Tram und Bussen arbeitet aus unserer Sicht besser als es Busse allein können.

In welchem Umfang?

Urquhart: Wir zählten zuletzt mehr als zehn Millionen Nutzer im Jahr, genauer 30.000 am Tag. Das ist ein Anstieg um mehr als zehn Prozent seit Einführung der Bahn. Mittlerweile laufen auch die arbeiten an zwei weiteren Linien, die 2014 fertig sein sollen.

Angesichts dieser Erfahrungen: wie schätzen Sie die Einführung der Tram vor fast neun Jahren letztlich für die Stadt Nottingham ein?

Urquhart: Es war nicht nur eine sehr positive Entscheidung für die Entwicklung des Öffentlichen Personennahverkehrs, es war auch eine sehr positive Entscheidung für die öffentliche Wahrnehmung der Stadt: Nottingham ist mit seinen beiden Universitäten und Universitätskliniken mit ihren Entwicklungen in der Medizin eine Stadt, die sich der Zukunft verschrieben hat. Das wollen wir zeigen. Und eine moderne Bahn steht für eine moderne Stadt.

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