Aachen - Beim Neuen Musik Ensemble wirkt Hochkultur wie ein Kinderspiel

Beim Neuen Musik Ensemble wirkt Hochkultur wie ein Kinderspiel

Von: Peter Motz
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Zeitgenössische Kammermusik mit Kinderspiel in Verbindung zu bringen, klingt gewiss despektierlich. Doch warum eigentlich? Kinder zeichnen sich durch unbändige Spielfreude aus, durch Mut, den Instrumenten auch auf unorthodoxe Weise Töne zu entlocken.

Gleiches gilt für das Neue Musik Ensemble Aachen (NMEA). Im Rahmen des „In Front”-Festivals konzertierte das Oktett jetzt in der Klangbrücke.

Zugegeben und Menschenskind noch mal: Wer mit weniger geschulten Ohren die Augen schließt, mag sich ehrlicherweise hier und da an wildes Kindergeklimper erinnert fühlen. Aber ist das nicht eh viel spannender als der mickrige Flohwalzer? „Think big”, denkt sich dementsprechend das NMEA, taucht ein in die mitunter schwere See modernster Klassik und imitiert zum Höhepunkt sogar den Gesang der Allergrößten, der Wale. Leinen los.

Zum Start der Reise sind die akustischen Wellen noch sanft. Claude Viviers „Piéce pour violon et clarinette” schippert schön in Halbtonschritten vor sich hin. „Liebe, Wechsel und Abschied” wühlt dann auf. Der Aachener Komponist Gottfried Stein hat´s erfunden. Na ja, eigentlich die Chinesen: Stein hat alte Weisen übersetzt. Er trägt sie selbst vor und lässt sie dann zu seinen Kompositionen vortragen.

Catharina Marquet zelebriert einen gesanglichen Parforceritt durch die Gefühlswelt. In „Die kühne Seglerin” toppt die Sopranistin das anspruchsvolle Ganze noch - mit einer großartigen Interpretation von Schillers Gedicht „Die Größe der Welt”. Die Musik hat Friedemann Graef eigens fürs Ensemble geschrieben. Weil ihm dessen Konzert in Berlin so gut gefallen hat.

Um ziemlich Böses im antiken Griechenland, um den Mythos von Marsyas, der von Apoll bei lebendigem Leib gehäutet wurde, geht es in Olga Neuwirths „Marsyas II”. Man muss kein Zyniker sein, um hierbei von Gänsehautmusik zu sprechen. Dem Aas folgen Möwen. Deren Klänge werden - neben Walgesängen - in George Crumbs „Voice of the Whale” imitiert. Pianist Ludger Singer steht mehr, als er sitzt, greift genüsslich in die Saiten, während Olaf Futyma mehr in seine Flöte singt denn bläst. Dabei blicken sie durch Zorro-Masken ins Publikum, quasi als Rächer der Nischenmusik, als wollten sie sagen: Seht her, unsere Kunst ist alles andere als elitär-steifes Gehabe.

Zum Schluss applaudiert nicht nur das zirka 40-köpfige Fachpublikum begeistert, sondern auch der achtjährige Oskar. Zum ersten Mal ist er mit seinem Opa bei einem Konzert. Der heißt Professor Dr. Hans-Walter Staudte, ist 1. Vorsitzender der Gesellschaft für Zeitgenössische Musik und kann stolz sein wie Oskar: Sein Festival hat es wieder geschafft, Vorurteile abzubauen.

Dank seiner Gäste, dank Marquet, Futyma und Singer, dank Regina Pastuszyk, Marta Lemanska, Manou Liebert, Tom Morrison und Mateusz Kwiatkowski. Das Neue Musik Ensemble Aachen beweist spielfreudig, dass Hochkultur, die beileibe kein Kinderspiel ist, richtig Spaß machen kann.
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