Aachen - Beim Containern freut er sich über Blümchen besonders

Beim Containern freut er sich über Blümchen besonders

Von: Rabea Gruber
Letzte Aktualisierung:
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Christian Walter präsentiert die Ausbeute seiner Container-Tour. Der 28-jährige Aachener geht kaum noch einkaufen, die meisten seiner Lebensmittel fischt er aus den Müllcontainern von Supermärkten. Foto: Gruber

Aachen. Für den Mitsubishi Colt findet sich zum Glück noch ein Parkplatz. Nicht selbstverständlich, mitten im Wohngebiet und um die Uhrzeit. 23 Uhr 12. Christian Walter kommt oft hierher – manchmal mit dem Rad, manchmal mit dem Mitsubishi.

An diesem Abend greift er zwei Tragetaschen aus dem Kofferraum und läuft das letzte Stück zum Supermarkt des Viertels. „Wir lieben Lebensmittel“ steht auf einer der Taschen. Der Werbeslogan trifft auch auf Walter zu: Er liebt Lebensmittel. Deswegen holt er sie nachts aus dem Müll.

Containern heißt diese Art der Lebensmittelbeschaffung. Manche sagen auch Mülltauchen dazu. Legal ist das nicht, denn in Deutschland gehört der Müll den Supermärkten. Trotzdem ziehen vor allem in den Großstädten regelmäßig Menschen los, um Genießbares aus den Tonnen zu fischen. Walter containert fast jede Woche. Die Lebensmittel, die er findet, reichen nicht nur für seine dreiköpfige WG. „Mit dem, was ich finde, bekoche ich auch schon mal Seminare“, sagt der 28-Jährige.

An diesem Montagabend offenbart der Blick in die Tonne aber nur Müll. Zermatschtes und Schimmliges kommt Walter allerdings nicht in die Tasche. Eine schnelle Einschätzung der Container hat er sich mit der Zeit angeeignet: Oft reicht ein Blick mit der Taschenlampe und geübtes Tasten mit behandschuhten Fingern. Walter kommt mit fast leerer Tasche zurück zum Auto. „Das war nix“, befindet er. Macht aber nichts.

Eine Stunde vorher in Walters WG. „Irgendwelche Wünsche für die Einklauliste?“, fragt er in das Zimmer seines Mitbewohners hinein. „Schokolade? Brauchen wir noch Waschmittel?“ Fast alles, was die WG benötigt, kommt aus dem Müll. „Einkaufen finde_SSRq ich mittlerweile komisch“, sagt er.

Mit dem Containern begonnen hat er vor zehn Jahren. Er war gerade von Belgien aus nach Aachen gezogen und begleitete einen Kumpel zum Mülltauchen. Was 2007 als Ausprobieren begann, ist längst zum persönlichen Anliegen geworden. An der Wand hinter dem Sofa hängt ein Plakat mit dem Namen des Bündnisses, das Walter mit initiiert hat: „Containern ist kein Verbrechen“. Die Initiative entstand, nachdem zwei Bekannte von Walter beim Containern festgenommen worden waren. „Das kommt vor, aber selten wird mal jemand verurteilt“, erzählt Walter.

Doch vergangenes Jahr stieg das Interesse. Walter nutzte den Auftrieb. Über eine Petitionsplattform sammelte er 127000 Unterschriften gegen die Anklage. Die Petition übergab Walter der Staatsanwaltschaft. Am 9. Juni wurde bekannt, dass die Anklage fallengelassen werde.

Müll frei zugänglich machen

Ein neues Ziel hat der Aktivist vor Augen: Containern soll „entkriminalisiert werden“. Dazu bräuchte es Änderungen im Diebstahlparagraf des StGB und im BGB. „Und wir wollen Supermärkte verpflichten, den Müll frei zugänglich zu machen“, kündigt Walter an. Eine entsprechende Eingabe soll es bald nach der Bundestagswahl geben. Auch in diesem Jahr hatte er das schon versucht, „aber so knapp vor Ende der Legislaturperiode wurde das nichts mehr.“

Hält er eine Legalisierung des Containerns nach der Bundestagswahl für realistisch? „Mit entsprechendem Druck schon, auf jeden Fall.“ Kaum aussagekräftige Mindesthaltbarkeitsdaten, riesige Abfallmengen: Walter hat viele Kritikpunkte an den Supermarktketten. Viele davon starteten in den vergangenen Jahren Nachhaltigkeitskampagnen.

Sie beliefern regelmäßig die Tafel. Walter reicht das nicht. „Bei Foodsharing gibt es auch korrekte Leute, aber sie sprechen niemals schlecht über die Supermärkte. Da habe ich keine Lust drauf – ich will ja darüber sprechen, was in der Lebensmittelindustrie alles falsch läuft.“ Auf Nachfrage antworten die Vertreter der Supermärkte: Man tut, was man kann. „Unsere Warenwirtschaftssysteme optimieren den Warenfluss und tragen dazu bei, ein Überangebot von vornherein zu vermeiden“, sagt zum Beispiel Gerd Koslowski, Edeka-Sprecher Rhein-Ruhr.

Was auch immer wieder zu lesen ist: Die größte Abfallmenge entstehe erst beim Verbraucher. Blödsinn, sagt Walter. Blödsinn, ergibt eine WWF-Studie. Demnach würden in Deutschland jedes Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. 60 Prozent der Verluste entstünden dabei auf dem Weg vom Produzenten hin zum Großverbraucher.

Über die leeren Straßen geht es nach Oberforstbach. Im Industriegebiet liegt ein weiterer von Walters Stamm-Supermärkten. „Hier ist noch nicht mal ein Käfig um die Tonnen“, erzählt er beim Einparken. Das sei selten geworden, viele Unternehmen schlössen ihren Müll mittlerweile weg. Tonnen aufgebrochen habe er aber noch nie. „Bringt ja nichts. Wenn du das machst, hängen sie nächste Woche ein besseres Schloss davor.“ Von der Straße aus sind die Container schon zu sehen. Auf leisen Sohlen schlendert Walter hinüber. Ein Bewegungsmelder geht an und erleuchtet ein Schild an der Backsteinwand: Ladezone. Walter achtet nicht darauf.

Container voller Reispakete

Obst und Gemüse finden sich oft. Jeweils 1,5 Millionen Tonnen werden in Deutschland jedes Jahr zu viel produziert, schreibt die Organisation WWF. Walter hat auch schon kuriose Entdeckungen gemacht: Einmal stieß er auf einen Container voller Reispakete, letztens erst hat er 35 Starterkits für Sushi gefunden. Riskant sind die Touren immer.

Erst kürzlich liefen zwei Studenten der Polizei in die Arme und wurden festgenommen. Die Polizei behielt die beiden auf der Wache und erstattete Anzeige. Große Aufregung in der Aachener Containern-Szene. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren mittlerweile eingestellt. „Ich hoffe ja, dass ich auch mal eine Anzeige bekomme“, sagt Walter, „das würde uns Öffentlichkeit bringen.“

Wenige Kilometer weiter parkt Walter seinen Wagen auf einem Supermarktparkplatz. „Der Laden hier hat seit einiger Zeit eine Überwachungskamera. Da winke ich dann immer“, sagt er, steigt aus und stapft auf die Container zu.

Die stehen hier unter einem hell erleuchteten Vordach und erweisen sich als Goldgrube: Innerhalb weniger Minuten befüllt Walter drei große Taschen mit Bohnen, Äpfeln, Kartoffeln, Gurken und Biobrot. „Und Blümchen!“, sagt er laut. Es sind Gladiolen, 2,99 Euro. Zurück in der WG wird Walter die Blumen waschen, wie alle Produkte aus der Tonne. Vorsichtig legt er sie ins Auto, ganz oben auf die Tragetaschen. Mit prall gefülltem Kofferraum rollt der Mitsubishi vom Hof.

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