Aachen - Beim Bürgerservice regiert Chaos

Beim Bürgerservice regiert Chaos

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
7599014.jpg
Und sie warten und warten und warten: Beim Bürgerservice am Bahnhofplatz herrschte auch am Freitag das große Chaos. Die Zweigstelle am Katschhof ist und bleibt auch nächste Woche wegen Personalmangels geschlossen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wer Freitagmittag gegen halb zwölf im Bürgerservice der Verwaltung am Bahnhofplatz saß, der konnte sich – kein Witz – glücklich schätzen: eine Stunde und 44 Minuten Wartezeit laut offizieller städtischer Schätzung im Internet – bei noch 49 wartenden Kunden.

Diese Woche musste man auch schon mal drei oder noch mehr Stunden in Kauf nehmen, wenn man einen neuen Pass beantragen wollte oder ein anderes Anliegen hatte. Teils knubbelten sich 300, 400 Leute an einem einzigen Tag in der Wartezone, die dafür natürlich gar nicht ausgelegt ist. Die Ausgabe der Nummern, nach denen aufgerufen wird, musste bereits weit vor dem eigentlichen Ende der Bürozeiten eingestellt werden. Was wiederum dazu führte, dass etliche Menschen quasi vor verschlossene Türen liefen, obwohl offiziell eigentlich noch Stunden geöffnet war. Kurzum: Was sich im städtischen Bürgerservice derzeit abspielt, bezeichnen selbst Verantwortliche wie der Bürgeramtsleiter Marcell Raschke als „Drama“.

„Ich muss mich bei den Betroffenen entschuldigen. Das hat mit Bürgerservice nicht mehr viel zu tun“, gibt Rascke unumwunden zu. Den Unmut der Betroffenen könne er voll und ganz verstehen. Grund für das Chaos: Die Schließung der Bürgerservicestelle am Katschhof wegen akuten Personalmangels. Besser wird es vorerst nicht: Die Stadt teilte am Freitag mit, dass dort auch kommende Woche geschlossen bleibt.

Die Stadt appelliert, nach Möglichkeit Dienstleistungen online abzurufen. Beispielsweise einen Bewohnerparkausweis kann man auf der städtischen Homepage ohne Behördenbesuch bekommen. Außerdem solle man von den „Terminsprechzeiten“ Gebrauch machen oder eben aufschiebbare Angelegenheiten aufschieben.

Wie lange dieser Zustand noch andauern wird, ist unklar. Raschke und auch OB Marcel Philipp hoffen, dass die personellen Reihen alsbald zumindest einigermaßen wieder geschlossen sein werden. Doch das bezieht sich lediglich auf zuletzt kurzfristig krankgeschriebene Mitarbeiter. Daneben gibt es Langzeiterkrankte. Und daneben hat eine Reihe von Mitarbeitern des Bürgerservice‘ schlicht und ergreifend „die Flucht ergriffen“, wie es Karola Hoch als Personalratsvorsitzende der allgemeinen Verwaltung ausdrückt. Ein Teufelskreis, denn der zusätzliche Stress macht auch noch die übrig gebliebenen Kräfte krank. Dafür macht Hoch auch die Wiederbesetzungssperre verantwortlich, die wegen des maroden Haushalts aus Spargründen 2010 eingeführt wurde.

Demnach dürfen frei werdende Stellen ein halbes Jahr nicht neu besetzt werden. „Ein Irrsinn“, so Hoch, die verlangt, dass die Politik die Sperre für diesen Bereich aufhebt. Bislang gilt sie für rund 1500 der über 4000 städtischen Stellen nicht – unter anderem für Kita- und OGS-Personal, Schulsekretariatskräfte und -hausmeister, Sozialraumteams, Ordnungs- und Sicherheitskräfte, den Feuerwehreinsatzdienst und Mitarbeiter in Vorzimmern. Gespart hat man zwischen Juni 2010 und Juni 2013 durch die Maßnahme knapp 4,7 Millionen Euro – weit weniger, als erwartet.

Gespart hat sich die Politik bislang auch den nötigen Umbau des Bürgerservice‘ am Bahnhof (Kostenpunkt: 790.000 Euro). Zuletzt wurde das Thema im Januar im Ausschuss mit den Stimmen von CDU, Grünen und FDP vertagt. Karola Hoch sieht auch darin einen Grund für den Frust der Mitarbeiter: „Das hat mit Wertschätzung nichts zu tun. Die Leute arbeiten sich dumm und dämlich und müssen dann auch noch solche Beschlüsse schlucken.“ Zu allem Überfluss stimme es dort nicht einmal bei Fluchtwegen und Brandschutz. Es liege ein diesbezügliches Schreiben der Unfallkasse NRW vor, dass die Stadt ultimativ auffordere, bis Juli alles in Ordnung zu bringen.

OB Marcel Philipp und auch Marcel Raschke sagen, man habe in der Not teils Personal aus anderen Bereichen – Bezirksämtern etwa – eingesetzt. Doch die Möglichkeiten, die Lücken derart zu stopfen, seien begrenzt, da es hier profunder EDV- und Passwesenkenntnisse bedürfe. Die Einarbeitungszeit liege bei Minimum drei Monaten, so Raschke.

Der OB bestreitet indes, dass die Wiederbesetzungssperre eine Rolle beim Bürgerservice spiele: „Der Verwaltungsvorstand hat hier immer wieder Ausnahmen genehmigt.“ Philipp räumt jedoch ein: „Wenn wir geahnt hätten, welche Folgen sich derzeit ergeben, hätten wir noch anderes reagiert.“ Bei den Baumaßnahmen behebe man auch ohne politischen Beschluss die ärgsten Missstände. Und dass die Wiederbesetzungssperre allgemein möglicherweise wenig sinnvoll ist, räumt der OB auch ein. Man mache sich Gedanken über ein anderes System, mit dem frühzeitiger auf absehbare Entwicklungen reagiert werden könne. Derzeit seien die Abläufe bei einer Neubesetzung zu langwierig.

Am kommenden Montag wird es ein Krisengespräch mit Philipp, Barth und Raschke geben. Am Dienstag berät der Verwaltungsvorstand. Am 7. Mai (9 Uhr, Gebäude Adalbersteinweg 59-65) tritt der Personalausschuss zusammen.

Also noch vor der Kommunalwahl.

Leserkommentare

Leserkommentare (11)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert