„Bei der Euro Jugend ist immer etwas los!“

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Im am Ball: Manfred Imbert und Michael Krantz (rechts) kamen mit 18 beziehungsweise 15 Jahren zur Euro Jugend, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Beide sind heute Ärzte – aber bei „ihrer“ Euro Jugend engagieren sie sich immer noch ehrenamtlich. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Wenn man mit Manfred Imbert und Michael Krantz in den Räumen der Euro Jugend zusammensitzt, geben sie sich nicht als gestandene Ärzte mit eigener Praxis. Da sitzen zwei, die als 18-Jährige und als 15-Jähriger, die Jugendeinrichtung in ihren absoluten Anfängen miterlebten.

Als junge Erwachsene haben sie die Einrichtung wachsen sehen. Als Familienväter infizierten sie auch ihre Söhne mit dem Euro-Jugend-Virus. Anekdote folgt auf Anekdote aus 35 Jahren Euro Jugend. Sie haben ihre Jugend hier verbracht und sind immer noch ehrenamtlich aktiv. Warum, erzählten sie im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld.

An was denken Sie, wenn Sie an Ihre eigene Jugend bei der Euro Jugend denken?

Imbert: Ich war ein Gründungsmitglied. Zu neunt haben wir die Euro Jugend vor 35 Jahren gegründet. Wir waren alle Jugendleiter aus verschiedenen Bereichen, die sich überlegt hatten, eine eigene Organisation ins Leben zu rufen. Der Initiator war Benno Pauls. Zuerst hatten wir ein paar Gruppenräume in der Mauerstraße, die aber schnell zu klein wurden. 1982 sind wir in die Bendstraße gezogen – nur in den heutigen vorderen Raum, in einen ehemaligen Tante-Emma-Laden. Krantz: Es gab ein Büro und einen Lagerraum für unsere neun Rundzelte. Eine Garage hatten wir auch schon. Damit kamen wir zurecht.

Wie alt waren Sie da?

Imbert: 18 Jahre. Krantz: Ich kam ein Jahr später dazu. Da war ich 15 Jahre alt. Der Anlass war: Meine Eltern hatten keine Lust, mit mir und meiner 16-jährigen Schwester in den Urlaub zu fahren. Wir waren frech und aufsässig (lacht). Wir sollten uns mal was eigenes suchen. Freunde von uns waren bei der ersten Korsikafahrt der Euro Jugend 1982 dabei und fanden das total cool.

Dabei verfügte die Euro Jugend damals gerade mal über zwei Surfbretter. Aber es gab auch ein Motorbötchen, mit dem uns Benno auf Wasserski hinter sich herzog. Ich bin dann regelmäßig zu den Gruppenstunden gegangen und dann auch mit nach Korsika gefahren.

Warum haben Sie die Euro Jugend überhaupt ins Leben gerufen? Auch damals gab es ja schon Jugendgruppen in Kirchengemeinden, die Pfadfinder und andere Möglichkeiten, sich zu treffen.

Imbert: Wir Gründungsmitglieder waren ja vorher schon in der Jugendarbeit tätig. Wir waren alle ausgebildete Jugendleiter. Vier waren Sozialpädagogen, andere ehrenamtlich tätig. Aber alle hatten wir Frustrationen erlebt, dass unsere Ideen und Pläne oft von Vorständen oder Pfarrgemeinderäten ausgebremst wurden. Wir hatten das Gefühl, bevormundet zu werden, obwohl wir die eigentliche Arbeit leisteten. Wir wollten eine enge Verzahnung haben zwischen den Jugendleitern und den Entscheidungsträgern. Das ist bis heute so geblieben.

Die Gründung dürfte aber auch damals schwierig gewesen sein, weil auch in den 1980er Jahren das Geld für Jugendarbeit nicht auf der Straße lag…

Imbert: Das haben wir auch gemerkt. Krantz: Wir haben Autoputzaktionen gemacht, Flohmärkte. Alle – auch die Kleinen – waren sehr bemüht. Das war nett!

Aber damit stemmt man ja noch kein Jugendzentrum. Raummiete, Sachkosten, Personal…

Imbert: Im Nachhinein ist mir auch schleierhaft, wie das ging. Es lief über Spenden, städtische Zuschüsse, die Ferienfahrten brachten Geld ein. Aber man muss auch sagen: In den ersten Jahren haben hier alle ehrenamtlich gearbeitet. Auch die Sozialpädagogen engagierten sich neben ihrer eigentlichen Stelle zusätzlich in der Euro Jugend.

Wann haben Sie sich professionalisiert?

Imbert: Wir merkten schnell, dass die Gesellschaftsform e.V. den Mitgliedern – also den Kindern und Jugendlichen – eine wirtschaftliche Verantwortung gab, die sie nicht tragen konnten. Deshalb haben wir die Vereinsstruktur umgestellt und einen wirtschaftlich verantwortlichen Vorstand im Trägerwerk gegründet. Krantz: Immer alle Kinder zu fragen, hemmt.

Im Trägerwerk ist die Leitung vertreten sowie ältere Jugendleiter und ehemalige Leiter wie wir. Wir ehemaligen Ehrenamtlichen engagieren uns auch. Ich bin stellvertretender Vorsitzender und Manfred ist stellvertretender Geschäftsführer.

Wieso engagieren Sie sich immer noch?

Imbert: Wir haben eine tiefe emotionale Verbundenheit zur Euro Jugend. Als Jugendleiter haben wir hier gelernt, Verantwortung zu übernehmen, diszipliniert und strukturiert zu arbeiten. Das was ich hier gelernt habe, hat mir auch in meiner beruflichen Laufbahn geholfen. Deshalb fühle ich mich verpflichtet, ein Stück zurückzugeben an die Organisation, die mir das alles beigebracht hat. Außerdem bin ich gern mit den Menschen zusammen, die hier arbeiten. Krantz: Wir haben früh Verantwortung übernehmen können. Ich war gerade 18 Jahre, als ich das Zeltlager auf Korsika mitgeleitet habe.

Mit 50 Jugendlichen und 13 Leitern haben wir die ganze Insel erkundet, sind mit einem alten VW-Bulli um die ganze Insel gefahren, sind auf 2000 Meter gekraxelt, haben an Stränden unter freiem Himmel geschlafen, Fußballturniere gegen die Franzosen gewonnen. Es hat immer einen Riesenspaß gemacht. Außerdem wurde mir hier Verbindlichkeit beigebracht. Wenn ich nicht krank war oder außerhalb der Stadt, wurde erwartet, dass ich komme. Das war gut! Die Frage hat sich nie gestellt, ob ich hier mal aufhöre. Auch meine Söhne sind Mitglieder.

Was hat sich in den 35 Jahren verändert?

Imbert: Die Professionalisierung. Früher haben wir Programme kopiert und viel telefoniert. Heute gibt es durch die neuen Medien einfachere Kommunikationsmöglichkeiten. In den 1980er Jahren haben wir alle rein ehrenamtlich gearbeitet, auch die ausgebildeten Sozialpädagogen. Mit rein ehrenamtlicher Arbeit lässt sich aber die Euro Jugend seit Jahren nicht mehr leiten.

Die Hauptamtlichen engagieren sich aber weiterhin auch in ihrer Freizeit hier, unsere Jugendleiter sind in den meisten Bereichen ehrenamtlich tätig. Aufwandsentschädigungen gibt es nur in Ausnahmefällen. Es ist teilweise schwieriger geworden, Menschen dafür zu gewinnen, ihre Freizeit für die Euro Jugend herzugeben. Der soziale Benefit, der aus der Arbeit hier gezogen wird, reicht nicht allen mehr aus. Trotzdem gibt es noch viele junge Leute mit tollen Idealen, die sich engagieren.

Vermissen Sie das?

Imbert: Man darf die frühere Zeit nicht verklären. Heute ist es einfach anders. Krantz: Wir haben – wie viele andere Verbände auch – anfangs extrem viel improvisiert. Wir hatten ein paar Zelte und einen Bulli, alles war knapp kalkuliert. Eine Weile haben wir unser Pfingstlager auf einer grünen Wiese aufgeschlagen. Ein Schlauch war der Wasseranschluss, die sanitären Anlagen bestanden aus einem selbstgebauten Plumpsklo.

Das Haus hinter dem ehemaligen Tante-Emma-Laden konnte die Euro Jugend irgendwann kaufen. Es war allerdings in einem maroden Zustand und musste grundsaniert werden. Alle Kinder und Jugendlichen haben das Haus selbst auseinandergenommen, um Geld zu sparen. Die Kleinsten haben die Steine vom Mörtel befreit. So etwas riskiert man heute nicht mehr. Vielleicht auch zu recht. Obwohl in den 35 Jahren nicht mehr passiert ist als ein Nasenbeinbruch und ein paar gebrochene Arme.

Wie viele Kinder und Jugendliche kommen denn hier heute zusammen?

Krantz: Durchschnittlich kommen 70 Kinder pro Tag in das Haus der Euro Jugend. Zusätzlich betreuen wir in der Villa Sonnenschein 140 OGS-Kinder der Grundschule Am Höfling. Und bei Ferienspielen, Ferien- und Wochenendcamps stehen 900 Plätze zur Verfügung. Imbert: Die Gruppenstunden laufen verbindlich und mit Anmeldung. Das ist uns wichtig, denn sonst kann sich die Gruppe nicht entwickeln, und die Gruppe kann keine Projekte entwickeln.

Aber hier im Bistro kann man zur Öffnungszeit immer jemanden treffen, den man kennt. Krantz: Die Euro Jugend war immer auch eine Heimat für Kinder, bei denen es zu Hause brennt. Und jeder ist willkommen – unabhängig von Religion, politischer Gesinnung oder Nationalität, auch wenn unser Dachverband der BDKJ ist. Das hatte eher was mit den gleichen Werten zu tun.

Ein besonderes Aushängeschild ist das Radio Ragazzi. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Imbert: Unsere Vorstandskollegin Susanne Kotulla hat die Ausbildung zur Medientrainerin absolviert und uns berichtet, dass Radio nicht nur ein tolles Angebot für Kinder ist, sondern dass auch die Euro Jugend dadurch bekannter wird. Über die Radioprojekte generiert die Euro Jugend Kostenzuschüsse von der Landesanstalt für Medien. Die wöchentliche Produktion der Kindersendung für Antenne AC bringt uns regelmäßige Einnahmen, die die entstehenden Kosten decken.

Krantz: Ein bisschen spielte auch der Zufall eine Rolle. Es passte gut in unser Konzept, neue Medienangebote zu machen. Unabhängig davon wurde uns 2004 eine Tonstudio-Ausrüstung angeboten, da sich das Radio K aufgelöst hatte. So kam eins zum anderen. Jetzt gibt es Schulradioprojekte, Ferien-Radioredaktionen an denen insgesamt ungefähr 100 Kinder pro Jahr teilnehmen.

Erleben Sie eigentlich Konkurrenz zu anderen Anbietern der Jugendarbeit?

Imbert: Wir sind nicht täglich hier, aber die Nachfrage übersteigt immer das Angebot. Aber ich glaube auch, dass es nicht genug Angebote gibt. Es wird immer viel Geld ausgegeben, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Gerade in den sozial schwachen Gebieten müsste es mehr Angebote geben. Auch, damit Kinder schon früh Verantwortung übernehmen können – im Rahmen ihrer Kompetenz. Das stärkt das Selbstvertrauen. In meinem Beruf sehe ich so viele Kinder, einige sind bereits verloren.

Jetzt der Werbeblock: Warum sollten die Kinder und Jugendlichen zur Euro Jugend kommen?

Imbert: Hier lernt man Kommunikation und sozialen Umgang. Hier kann man Verantwortung übernehmen. Krantz: Unsere Jugendleiterausbildung ist sehr fundiert und ist für viele ein Berufseinstieg. Aber vor allem ist hier immer etwas los!

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