Behinderte zeigen und erkunden NS-Ausstellung

Von: Peter Schopp
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Bedrückende Exkursion in die Abgründe einer menschenverachtenden Politik: Das Centre Charlemagne bietet jetzt auch Führungen von Behinderten und für Behinderte durch die Ausstellung "verfasst, verfolgt, vernichtet". Foto: Harald Krömer

Aachen. Es herrscht eine ganz besondere Atmosphäre im Centre Charlemagne am Katschhof. Für die Wanderausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet“ haben die Veranstalter die Lebenshilfe Aachen als Partner gewinnen können.

In der Ausstellung wird die systematische Ermordung von behinderten Menschen unter den Nationalsozialisten historisch aufgearbeitet. Gemeinsam hat man ein Konzept entwickelt, um sowohl Besuchern als auch Ausstellungsführern mit Behinderung die Teilnahme zu ermöglichen.

Die Dokumentation greift regionale Schicksale behinderter Menschen während der NS-Zeit in Bild und Wort auf. Sie erklärt, mit welch unvorstellbar grausamen Methoden und „Behandlungen“ behinderte Menschen in dieser Zeit verfolgt wurden.

Während der Führungen werden die Besucher von einem Guide mit und einem ohne Behinderung durch die Ausstellung geleitet. Die Texte von Carmen Roebers wurden für die Tandemführungen von Karin Schütt und Lea Heuser von „AnWert Aachen“ (Arbeit und Bildung für Menschen mit Behinderung) in leicht verständlicher Version „übersetzt“. Auf diese Weise sind Sandra Koch, Julian Ascheid und Paul Trenner in der Lage, mit einem Begleiter ohne Behinderung die Führungen anzubieten.

So bietet dieses Projekt Menschen mit Behinderung eine Möglichkeit, am Alltag teilzunehmen. Zugleich führt es die menschenverachtende NS-Ideologie auf beeindruckende Art und Weise ad absurdum, weil es zeigt, dass Behinderte gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft sind. Es hat einen ganz besonderen Reiz, wenn Julian Ascheid als einer der Führer mit Behinderung das strategische Vorgehen der Nazis erklärt.

Die Aussage der Ausstellung gewinnt noch an Kraft, die Bilder werden eindrücklicher, der Zynismus der NS-„Weltanschauung“ wird besonders deutlich nach der Devise: Inklusion ist wichtig und richtig.

Dies ist auch ein Hauptanliegen von Hilde Orfeld von der Lebenshilfe. „Es geht darum, den Menschen mit Behinderung ihre Rolle im Alltag zu ermöglichen. Das bedeutet, miteinander zu reden und nicht übereinander“, erklärt sie den Grundgedanken ihrer Idee der Tandemführungen. Sascha Rombach und Max Haberland etwa rangieren mit ihren Rollstühlen und den Kolleginnen und Kollegen aus der Behinderten-Werkstatt der Lebenshilfe als Besuchergruppe durch die Ausstellung und sind sich der damaligen und heutigen Realitäten bewusst.

Für beide ist klar: Menschen, die Behinderten ein Recht auf Leben und Gesundheit absprechen, sind selber krank. „Aber wir dürfen nicht nur zurückblicken und sagen, wie schlimm das alles war. Wir müssen nach vorne sehen.“ Sie glauben nicht, dass derartige Verbrechen in absehbarer Zeit in Deutschland noch einmal passieren, aber man müsse in Zeiten neuer rechtsradikaler Gefahren wachsam sein und gegensteuern. Rombach und Haberland kritisieren etwa Überlegungen, ob beispielsweise eine Operation bei einem alten Menschen noch notwendig sei: „Das geht in eine ähnliche Richtung!“

Insgesamt findet die Gruppe die Führung toll. Sie finden bei aller Grausamkeit die Atmosphäre nicht so bedrückend wie erwartet. Nachdenklich macht sie nur die Tatsache, dass wirkliche Aufarbeitung seitens der Politik nur zögerlich stattfindet, von Entschädigungen der Betroffenen oder Hinterbliebenen ganz zu schweigen. Außerdem finden sie es unglaublich, wie viele Mediziner, die unter den Nazis Verbrechen begangen haben, nach dem Krieg unbehelligt in führenden Positionen tätig waren.

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