Aachen - Behindert, aber frei: Eltern gründen WG für ihre Kinder

Behindert, aber frei: Eltern gründen WG für ihre Kinder

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Hoffen, dass sich der Traum von einer eigenen WG bald erfüllen lässt: Martha Neumann (2.v.l.), Wolfgang Tiffert (links) und Nicole Plum (rechts) mit den ersten potenziellen Mietern Yannick Plum, Ann-Jasmin Tiffert und Sarah Grau (von links). Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Aus der Not wurde eine Tugend. Und so hat Martha Neumann die Dinge vor einiger Zeit selbst in die Hand genommen. Für ihre 27 Jahre alte schwerstbehinderte Tochter mit Rett-Syndrom (eine tiefgreifende Entwicklungsstörung) hat sie die Selbsthilfegruppe „WEG-GEHfährten“ ins Leben gerufen, um mit anderen Eltern eine Wohngemeinschaft für schwerstbehinderte junge Menschen ab 18 Jahren aufzubauen.

Denn diese haben einen hohen Betreuungsbedarf und sind derzeit in Stadt und Städteregion Aachen noch immer auf einen Heimplatz angewiesen. Bundesweit wird jedoch die neue Wohnform der ambulanten Wohngemeinschaft mit 24-Stunden-Betreuung bereits praktiziert.

Das schwebt auch Neumann und ihren Mitstreitern vor, insbesondere da es seit 2003 vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) die Auflage gibt, keine weiteren stationären Einrichtungen zu gründen. Vor diesem Hintergrund haben sich bereits in ganz NRW Elterninitiativen gebildet, um Wohngruppen für ihre behinderten Kinder zu gründen. Viele dieser Eltern sind wie Neumann alleinerziehend und pflegen ihre erwachsenen Kinder in der Regel 20, 30, 40 Jahre oder noch länger.

Oft fehlt nach all den Jahren die Kraft weiterzukämpfen. Auf der anderen Seite sind geeignete Wohnplätze nicht in Sicht. Daher ist geplant, diese Lücke ein Stück weit zu schließen. „Die Eigenleistungen für Eltern und Alleinerziehende mit schwerstbehinderten Kindern sind enorm, das ist kein Vergleich zu der Betreuung eines gesunden Kindes“, so Neumann.

Sie bemängelt, dass den jungen Erwachsenen mit Behinderung kein gesetzlicher Betreuungsplatz mit ausgedehnten Betreuungszeiten zustehe. Auch gibt es bisher viel zu wenige Kurzzeitpflegeplätze für Kinder oder Erwachsene, um den Eltern mehr Auszeit und Erholung zu ermöglichen. Für viele Eltern ist es daher immer noch eine große Hürde, einen Arbeitsplatz zu finden.

„WEG-GEHfährten“ soll ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Der Name der Selbsthilfegruppe spricht bereits für sich. Es geht nicht nur darum, Mitbewohner zu finden, sondern auch darum, seinen eigenen Weg zu finden, möglichst selbstbestimmt.

Der LVR hat seine Unterstützung bereits zugesichert, ebenso die evangelische Stiftung Hephata, indem sie den Betreuungsdienst übernehmen würde. Zunächst werden jedoch Investoren und Architekten gesucht, die mit Rat und Tat sowie finanziell in allen Bauangelegenheiten der Elterninitiative zur Seite stehen. Und natürlich ist auch die Unterstützung von Ehrenamtlichen in verschiedenen Bereichen willkommen.

„Was möchten wir? Gemeinsam stark sein, denn gemeinsam trägt es sich leichter. Die große Sorge der Eltern ist es, keinen geeigneten Platz für ihr Kind zu finden. Wird ein solcher Ort geschaffen, wo die jungen Leute ‚daheim sein‘ können, dann können wir Eltern auch besser loslassen“, erklärt Neumann. Vier potenzielle Bewohner gibt es bereits für das ambitionierte Projekt.

Das reicht laut Neumann aber noch nicht, um die gemeinsame Vision in die Tat umzusetzen. Rund acht Bewohner sollten es sein, damit eine Wohngruppe mit 24-Stunden-Betreuung und Nachwache finanziell eine realistische Chance hat. Aber in ihren Augen lohnt sich der Kraftakt. „Es geht ja um unsere Kinder, die auch das Recht auf ein menschenwürdiges, modernes und möglichst familiäres Leben haben.“

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