Beerdigung der Zusatzklassen im Hinterzimmer

Von: Stephan Mohne und Albrecht Peltzer
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Engagierte Diskussion: Mehr als eine Stunde warben Eltern der betroffenen Schulen für ein Umdenken der Ratsmehrheit in Sachen Uberhangklassen. Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen. Man muss schon sehr lange zurückdenken, wann es das zuletzt gegeben hat. Dreieinhalb Stunden Debatte von sachlichen Argumenten bis zu polemischer Beschimpfung über ein einziges Thema - das ist selbst im Stadtrat selten.

Am Mittwoch war es so. Es ging um die zusätzlichen Eingangsklassen an fünf Grundschulen. Sie alle hatten mächtig viele Anmeldungen, hätten also richtig zulegen können. Vaalserquartier, Kullen, Passstraße, Am Höfling, Birkstraße waren die Kandidaten. Das Ergebnis der Mammutdebatte: Nur die Birkstraße in Eilendorf darf eine dritte Eingangsklasse einrichten.

Linke sichern die Mehrheit

Weil sie katholisch ist, wären ansonsten evangelische und muslimische Kinder aus der Nachbarschaft abgewiesen worden. Das wollten selbst SPD, Grüne und Linke nicht, die allen anderen Wünschen eine Absage erteilten.

Vorangegangen war ein heftiges politisches Tänzchen auf dem Parkett des Ballsaals im Alten Kurhaus, dem derzeitigen Ausweichquartier des Rates. Letztlich wurde auf Antrag der CDU sogar im Hinterzimmer geheim abgestimmt. Insgeheim hatte die Opposition gehofft, auf der anderen Tischseite könnte es noch „Umfaller” geben. Tatsächlich schaffte es ein Ratsmitglied am Ende gar, den Wahlzettel mit seinen drei Feldern Ja, Nein, Enthaltung so auszufüllen, das er ungültig war.

Mit 25 gegen 27 Stimmen wurde der Antrag von CDU und FDP abgelehnt, die Zusatzklassen alle zu genehmigen. Mit Schwarz-Gelb stimmten Hans-Dieter Schaffrath (FWG) und Renate Coracino (Ex-SPD). Das Zünglein an der Waage waren die Linken, die ihre Meinung binnen einer Woche dramatisch drehten. Zunächst wollten sie alle Klassen, dann nur die an der Birkstraße. Das, so bekundeten gestandene Ratsleute der Gegenseite sowie Renate Coracino, hätten sie überhaupt noch nicht erlebt.

Auch für die Grünen hat ihr Votum eine bemerkenswerte Konsequenz: Die frühere Parteisprecherin Anita Groß ist aus der Partei ausgetreten, wie sie auf Anfrage der AZ bestätigte. Sie ist Schulleiterin der betroffenen Burtscheider Grundschule Am Höfling und zog damit die Konsequenz aus dem Verhalten ihrer nun Ex-Partei. Die Entscheidung sei ihr nicht leicht gefallen, sie wolle sich aber nicht „verbiegen”. Vor der emotionalen Debatte (Stimmen der Fraktionen siehe oben) hatten die betroffenen Eltern noch einmal mobil gemacht. 65 Kinder sind es, die - im Gegensatz zu 2000 weiteren „I-Dötzen” - 2009 keinen Platz in der Wunschgrundschule bekommen.

Die Eltern pochten auf die freie Schulwahl. Statt Klassen abzulehnen solle die Stadt genau analysieren, warum die einen Grundschulen stärker nachgefragt seien als die anderen. Da müsse man eben mit zusätzlichen Angeboten und höherer Qualität gegensteuern. Die Qualität zu verbessern, da stimmt auch Schuldezernent Wolfgang Rombey zu. Er übte aber auch scharfe Kritik an den Schulleitern der betroffenen Einrichtungen und mahnte sie sogar zur „Pflichterfüllung”. Sie seien für die Auswahl der Schüler „im Rahmen der Kapazitäten” verantwortlich.

Als Stunden später alle Argumente dutzendfach hin- und hergewälzt waren, ging es in Reih´ und Glied ins Nebenzimmer zum Votum. Ergebnis: siehe oben.
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