Baustellen? „Jeder kann Bundestrainer...“

Von: Robert Esser und Stephan Mohne
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Besserung in Sicht? Dezernentin Gisela Nacken vertraut auf ein neues „Baustellenmanagement“. Foto: Steindl

Aachen. Im Rahmen unserer Aktion „Wo drückt der Schuh?“ haben wir unglaublich viele Zuschriften erhalten. Eines der meistgenannten Themen, die den Leserinnen und Lesern auf den Nägeln brennen, ist die Flut der Baustellen. Planungs- und Baudezernentin Gisela Nacken verteidigt das Vorgehen, übt aber im AZ-Interview auch Selbstkritik.

Es hieß, dass man sich große Mühe geben wollte, die Menge der Baustellen im Vergleich zum vergangenen Jahr zu reduzieren, damit man nicht den Eindruck hat, dass Aachen nur noch aus Baustellen besteht. Nun aber haben viele Menschen den Eindruck, dass es mehr Baustellen denn je gibt. Ist das so?

Nacken: Wir haben eine sehr schöne Stadt, die aber durch die mittelalterliche Struktur sehr eng ist. Dadurch kommt es bei jeder Baustelle zu Umleitungen, Einschränkungen und zum Wegfall von Parkplätzen. Aber eigentlich müsste man sich freuen, dass in unserer Stadt etwas los ist. Viel schlimmer wäre, wenn Stillstand herrschen würde. Das entbindet uns natürlich nicht davon, die Baustellen möglichst geräuschlos organisiert zu bekommen. Aber es ist immer mit Ärger verbunden für diejenigen, die direkt dort wohnen, und jene, die diese Straßen ständig nutzen müssen. Und: Nein, es sind nicht mehr Baustellen als in den Vorjahren. Hinzu kommt: Unsere Baustellen sind durch die Bank im Zeit- und Kostenrahmen fertig. Es gibt wenige Ausreißer, aber genau die sind natürlich die Aufreger.

Wie wird das denn im Karlsjahr 2014 aussehen, in dem es auch noch die Heiligtumsfahrt gibt?

Nacken: Im kommenden Jahr wird die Innenstadt weitgehend baustellenfrei sein. Wir werden uns dann auf die Außenbereiche konzentrieren.

In einem Experteninterview mit Professor Steinhauer von der RWTH in unserer Zeitung hieß es jüngst, dass man Baustellen viel schneller abwickeln kann und dass das Kostenargument nicht zähle, weil der volkswirtschaftliche Schaden durch Staus und Verzögerungen mindestens ebenso hoch sei. Warum wird nicht am Wochenende und abends gearbeitet?

Nacken: Das gilt sicherlich für große Autobahnbaustellen, aber nicht für Baustellen in der Stadt. Ich wüsste keine Baustelle, an der keine Menschen wohnen. Beim Brückenabriss an der Lütticher Straße haben wir eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Aber wenn wir das generell tun würden, würden Sie andere Leserbriefe bekommen, die sich über Krach beschweren. Die Möglichkeit, Dinge zu optimieren, bleibt – und treibt uns an.

Was können Sie denn optimieren?

Nacken: Es gibt verschiedene Stellen, die sich um die Verkehrsanordnung kümmern; also: wo abgesperrt wird, wo Umleitungen eingerichtet werden und so weiter. Das machen im Moment zwei Stellen in meinem Dezernat, das machen auch zwei Stellen im Stadtbetrieb, dazu kommt der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW und Straßen.NRW. Dann haben wir noch Stawag- und NetAachen-Baustellen. Das versuchen wir nun mit einer Software via Internet zu bündeln und auf zwei Stellen zu konzentrieren, die die Genehmigungen aussprechen. Alle anderen können dann sehen und beurteilen, wie sich Baustellen beeinflussen. Davon verspreche ich mir viel. Außerdem wollen wir eine Optimierung der Abläufe hinbekommen, etwa bei der Anwohnerinformation.

Apropos unkoordiniert: Jüngst gab es eine Baustelle kurz vor dem Kaiserplatz auf dem Adalbertsteinweg und um die Ecke herum auf der Heinrichsallee gleich noch eine. Das hat rundherum für lange Staus gesorgt. Das wirkte, als ob die rechte Hand nicht wüsste, was die linke tut.

Nacken: Genau das versuchen wir über das „Baustellenmanagement“, so heißt das Programm, in den Griff zu bekommen. Und wir haben auch Gottseidank ab 1. November eine Stelle zusätzlich, die für Baustellenmanagement zuständig ist. Da sehen wir auch selber die Notwendigkeit, besser zu werden. Jede Baustelle bringt Probleme mit sich, und die sollte man zu minimieren versuchen.

Zwei Baustellen-Beispiele, die Verständnislosigkeit auslösen: Am Templergraben und am Marschiertor liefen und laufen die Ampeln wie eh und je, obwohl aus bestimmten Richtungen gar kein Auto kommen kann – weil komplette Straßen wegen der Baustelle gesperrt sind. Die Ampelschaltung müsste doch eigentlich wie selbstverständlich angepasst werden.

Nacken: Das ist aus Sicht der Autofahrer richtig. Es bleiben Fußgänger, die in jede Richtung kreuzen. Daher können die Ampelphasen nicht verlängert werden.

Mehrere Leser haben sich beschwert, dass einige Straßen in Neubaugebieten immer noch nicht fertig sind. Zu hören ist, dass die Fachabteilung pro Jahr Projekte in Höhe von zehn Millionen Euro bearbeiten kann und für alles Weitere die Kapazitäten fehlen, wodurch einige Maßnahmen immer weiter nach hinten geschoben werden – weil große Projekte dieses Budget schon „auffressen“.

Nacken: Wir machen den Endausbau erst, wenn fast alle Grundstücke bebaut sind, weil sie sonst durch schwere Baufahrzeuge wieder zerstört werden können. Die Prioritäten besprechen wir in den Haushaltsberatungen mit der Politik, wobei es dort zu Verschiebungen kommen kann. Prinzipiell können wir pro Jahr rund zehn Millionen Euro im Straßenbau umsetzen. Sind Großprojekte – wie zum Beispiel die Trierer Straße – dabei, dann sind es auch schon mal 19 Millionen Euro.

Mehrfach genannt worden ist der hässliche Kreisverkehr am Hangeweiher. Es gab Angebote von der benachbarten Waldorf-Schule, den Kreisverkehr zu begrünen. Aber es tut sich nichts.

Nacken: Das wird nächstes Jahr umgesetzt. Das war ein tolles Engagement der Schule, die jetzt auch noch Sponsoren einwirbt. Das finde ich eine tolle Sache. Die Stadt wird natürlich auch Mittel beisteuern.

Stichwort Fehlplanungen: Am Templergraben sagt das Bauunternehmen immer noch, dass das, was die Stadt da geplant hat, nicht halten wird. Lassen Sie es jetzt einfach mal drauf ankommen?

Nacken: Nein, ganz bestimmt nicht. Das wäre fahrlässig. Wir haben eine bestimmte Bauklasse vorgegeben. Das Bauunternehmen hat andere Straßen wie den Seil- und den Karlsgraben gebaut, die eine höhere Bauklasse haben. Aber es gibt einen Riesenunterschied in der Verkehrsbelastung der einzelnen Abschnitte des Grabens. Am Templergraben ist sie – auch was die Busse angeht – deutlich geringer. Wir sind uns sehr sicher, dass die Planung richtig ist. Ein externes Ingenieurbüro hat unsere Planungen bestätigt, und das Bauunternehmen hat mittlerweile den Nachweis für den Fachbereich vorgelegt.

Bei Ausschreibungen muss man immer das günstigste Angebot nehmen, ohne prüfen zu können, wie seriös das am Ende ist. Ist das nicht auf Dauer ärgerlich?

Nacken: Wenn klar ersichtlich ist, dass die Angebote unseriös kalkuliert sind, können wir sie ablehnen. Aber ohne hier einen stichhaltigen Nachweis führen zu können, haben wir da keine Chance. Das ist ein Dilemma.

Eine Fehlplanung hat es an der Siegelallee gegeben, wo ein Radweg auf die Straße verschwenkt wurde, dann Autos gegen eine neu gebaute Bordsteinkante fuhren, man dann das Ganze wieder abgerissen und an eine andere Stelle verlegt hat. Da ist doch Geld zum Fenster hinausgeworfen worden. Hätte man das nicht – fragt sich der Bürger – von vornherein sehen müssen?

Nacken: Da hat der Bürger an dieser Stelle absolut Recht. Aber Fehler passieren überall. Bei den Mengen, die wir umsetzen, kann das auch mal vorkommen.

Welche anderen Fälle würden Sie in diese Kategorie einordnen?

Nacken: Ein sehr unangenehmer Fehler ist ganz klar die Vennbahntrasse. Wir wollten Geld sparen und das dort ausgehobene Material an Ort und Stelle wieder verarbeiten. Wenn man Gestein und Erde dieser Güte aber bewegt, darf man es in Wasserschutzgebieten nicht wieder verwenden. Es besteht die Gefahr, dass Inhaltstoffe ins Grundwasser gelangen. Dadurch sind nun 70 000 Euro Mehrkosten entstanden, weil wir das Material noch mal anpacken und deponieren müssen.

Thema Kaiserplatz: Wann wird denn dort die extreme Lärmbelastung heruntergefahren?

Nacken: Das ist eine riesige Baustelle. Es wird sicher noch ein gutes Jahr für alle Anwohner eine hohe Belastung geben. Die sehr lauten Pfahlgründungen, über die es auch Beschwerden gibt, sollen Ende Oktober fertig sein.

Bei der Stawag gibt es eine Hotline und eine Extra-Stelle, die sich um Bürgeranfragen und -beschwerden kümmert. Wäre es nicht sinnvoll, wenn die Stadt so etwas auch hätte?

Nacken: Ja, genau das wollen wir mit dem Baustellenmanagement erreichen.

CDU und Grüne haben vor längerer Zeit den Vorstoß gemacht, Baustellen zumindest attraktiver zu gestalten – oder zu Werbezwecken zu vermarkten. Da ist nichts passiert.

Nacken: Auch das gehört zum Baustellenmanagement. Zunächst haben wir an dem technischen Programm gearbeitet, jetzt geht es um die Umsetzung.

Warum ist das Thema Baustellen so emotional behaftet?

Nacken: Es gibt die Themen, bei denen die Leute meinen, sie könnten es besser. Jeder kann Bundestrainer. Bei Straßenbaustellen ist das auch so. Zudem ist Mobilität ein hohes Gut – und bei Baustellen fühlt man sich da eingeschränkt. Ich würde mir jedoch wünschen, dass es ein bisschen mehr Grundvertrauen gibt, dass die Verwaltung – wir haben sehr gut ausgebildete, sehr engagierte Leute – ihren Job gut macht, auch wenn einmal ein Fehler passiert.

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