Aachen - Bauen in der City: Wo liegt der Königsweg?

CHIO Freisteller

Bauen in der City: Wo liegt der Königsweg?

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
14781724.jpg
Mehr Platz zum Wohnen – aber zu wenig Raum zur freien Entfaltung? Die zahlreichen Bauvorhaben in der City – wie hier das Projekt „Aachen Mitte-Mitte“ – rufen auch Kritiker auf den Plan. Foto: Andreas Steindl
14781728.jpg
„Die Schaffung ausreichender Freiflächen gerät immer mehr aus dem Blick“: Architekt Günter Stehling sieht den Architektenbeirat verstärkt in der Pflicht. Foto: Andreas Steindl
14781700.jpg
„Es gibt noch immer zu viele ,tote‘ Bereiche in der City“: Professor Christa Reicher, Vorsitzende des Architektenbeirats, setzt auf flexible Lösungen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Kaum eine Ecke findet sich derzeit im Dreiländereck, an der die Baumaschinen nicht (bald) rotieren. Kronprinzenquartier, Aachen Mitte-Mitte, Guter Hirte oder Guter Freund heißen nur einige der großen Projekte zur Schaffung neuen Wohnraums in der nach wie vor wachsenden (Studenten-)Stadt Aachen. Im Herzen der City soll das brandneue Altstadtquartier Büchel jetzt in veränderter Planung Fahrt aufnehmen.

Mehr Platz zum komfortablen urbanen Leben – diese Losung haben sich die politischen und technischen Gestalter groß auf die Fahnen geschrieben, um dem sattsam bekannten Notstand in Sachen bezahlbare Unterkünfte abzuhelfen.

Wie hoch aber ist der Preis, den das Gemeinwesen Stadt zu zahlen gewillt ist, wenn es um die zunehmende bauliche Verdichtung in den citynahen Bereichen geht? Zu hoch – meint einer, der um Anerkennung als erfahrener Experte nicht lange buhlen muss. 2009 ist Günter Stehling gemeinsam mit seiner Frau Brigitte von der Stadt mit dem „Prädikat Familienfreundlich“ geehrt worden.

Das Architektenpaar wurde für seinen Um- und Ausbau des ehemaligen Gut Schurzelt in Laurensberg ausgezeichnet. Heute leben dort laut Stehling 21 junge Familien mit insgesamt 42 Sprösslingen. Und der 69-Jährige verweist nicht ohne Stolz darauf, dass gerade Menschen ohne allzu dickes Portemonnaie eine Heimat in der neuen Minisiedlung gefunden hätten.

Genau hier allerdings setzt seine Kritik an: „Vielfach hat man den Eindruck, dass Investoren nur noch an Profitmaximierung interessiert sind, indem sie viele winzige Wohnungen zu vergleichsweise horrenden Mietpreisen an den Markt bringen – die Schaffung adäquater und ausreichender Freiflächen gerät dabei aber immer mehr aus dem Blick.“

Vor allem gegenüber der eigenen Zunft fährt Stehling dabei ziemlich schweres Geschütz auf. Die Kollegen im Architektenbeirat müssten sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie in dieser Hinsicht als beratendes Gremium der Politik „weitgehend versagen“, findet er. Und dies nicht nur in puncto Wohnungsbau: „Auch im Hinblick auf Ansiedlung und Erhalt von Einzelhandel wird in Aachen mit viel zu wenig Fingerspitzengefühl agiert“.

Und: Schließlich gelte es jetzt mehr denn je, auch die ökologische Balance im Blick zu behalten – von wegen Verdichtung. Wenn man verhindern wolle, dass die Stadt am Blechverkehr ersticke, müsse man bei Bauvorhaben eben noch mehr auf die Außenbezirke setzen und den ÖPNV entsprechend stärken. In zentralen Citylagen wie Antoniusstraße, Großkölnstraße oder Dahmengraben könnte man dagegen „die vorhandene Bebauung vielfach durchaus weiter nutzen, um dort kleinere Ladeneinheiten zu schaffen“.

Offene Türen rennt Stehling mit seiner Grundsatzkritik bei Professor Christa Reicher indes nicht gerade ein. „Gerade am Büchel setzen die Planer jetzt doch auf eine kleinteiligere Konzeption mit Beteiligung mehrerer Büros“, entgegnet die Vorsitzende des Architektenbeirats. „Auch eine Kita ist dort vorgesehen.“ An einer „Nachverdichtung“ der baulichen Strukturen in der Innenstadt sei im Prinzip überhaupt nichts auszusetzen, „wenn die Objekte bezahlbar bleiben sollen“, unterstreicht Reicher – ganz im Gegenteil. „Entscheidend ist vielmehr, dass für angemessene Qualität gesorgt wird. Natürlich muss man dazu permanent – und teilweise sicher auch verstärkt – mit privaten Bauherren diskutieren.“

Grundsätzlich sei es zwar wünschenswert und nötig, „dass der Beirat noch mehr eingebunden wird, wenn es darum geht, über die städtebauliche Qualität größerer Vorhaben zu reden“, konzidiert die Architektin. „Aber natürlich gibt es eine Fülle von Auflagen etwa zur Ausweisung von Spiel- und Freiflächen – das ist nicht das eigentliche Problem; wir haben zurzeit vielmehr noch immer viel zu viele geradezu ,tote‘ Bereiche in der City, wie zum Beispiel an der Großkölnstraße.“

Durch flexiblere Lösungen könnten Politiker und Planer zudem darauf hinwirken, dass die Schaffung unzähliger extrem beengter Studentenbuden langfristig nicht überhand nehme. „Man müsste sie so konzipieren, dass sie sich bei Bedarf durch kleinere Umbaumaßnahmen erweitern ließen – so könnte man mehr junge Menschen in der Stadt halten, die nach dem Studium bleiben wollen.“

Auch im Hinblick auf die stets geforderte soziale und strukturelle Ausgeglichenheit gebe es allemal zukunftsweisende Konzepte, wie sie etwa in Wien derzeit entwickelt würden. „Investoren, die dort größere Einheiten errichten wollen, müssen sich verpflichten, die Auslastung der Kapazitäten im Erdgeschoss mit anderen Bauherren zu koordinieren. Ein solches gemeinsames Management halte ich für sinnvoll und wünschenswert.“

Kurzum: „Es gibt noch immer viele, viele Flächen in Aachen, die falsch oder gar nicht genutzt werden“, bilanziert die Beiratsvorsitzende. „Ich denke, vor allem in diese Richtung müssen wir die Debatte zwischen Politikern und Fachleuten weiter vorantreiben.“

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert