Barrieren überwinden: Eva Malecha betreut behinderte Studenten

Von: Carolin Cremer-Kruff
Letzte Aktualisierung:
14221244.jpg
Sie setzt sich für die Vielfalt an der Hochschule ein: Eva Malecha ist seit sieben Jahren als Beauftragte für behinderte und chronisch kranke Studierende der RWTH tätig. Ein „Nebenjob“, den die 27-jährige Studentin, mit Leib und Seele ausübt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Seit sieben Jahren ist Eva Malecha Beauftragte für behinderte und chronisch kranke Studierende der RWTH Aachen. Ein „Nebenjob“, den die selbstbewusste junge Frau, die selbst eine körperliche Behinderung hat, mit Leib und Seele ausübt.

„Mir ist das alles noch nicht kompliziert genug. Da geht noch was!“ Dieser Spruch ziert eine orangefarbene Postkarte, die auf Eva Malechas Schreibtisch liegt. „Die habe ich heute zufällig entdeckt. Irgendwie passt der Spruch zu mir“, schmunzelt sie. In der Tat: Die 27-jährige Studentin der Politikwissenschaft ist alles andere als eine Couch-Potato. Neben ihrem Studium ist sie in vielen Bereichen aktiv: als Mitglied im Städteregionstag Aachen, als Ansprechpartnerin Landeskoordination campus:grün NRW, als Sprecherin LAG Hochschule, als aktuelle Landtagskandidatin von Bündnis 90/Die Grünen.

Gerade haben Sie Ihre Masterarbeit angemeldet. Ein gutes Gefühl?

Malecha: Na klar, das ist der letzte große Schritt in Richtung Abschluss, zumal mir das Thema meiner Masterarbeit – Politische Partizipation von Menschen mit Behinderung – sehr am Herzen liegt. Auf der anderen Seite heißt dies natürlich, dass Ende des Jahres meine Aufgabe als Beauftragte für behinderte und chronisch kranke Studierende der RWTH Aachen endet. Nach fast acht Jahren wird das kein leichter Abschied.

Wie fing denn alles an?

Malecha: 2010, als ich gerade frisch an der Uni war, war diese Stelle noch beim AStA angesiedelt. Mit dem neuen Hochschulzukunftsgesetz im Jahr 2014 wurde jedoch jede Hochschule dazu verpflichtet, einen Beauftragten oder eine Beauftragte für das Thema zu benennen. An der RWTH wurde das mit einer Selbstvertretung gelöst, so dass ich mich seitdem „Beauftragte für die Belange behinderter und chronisch kranker Studierender der RWTH Aachen“ nennen darf. Sich für die eigenen Interessen und die anderer einzusetzen, ist für mich selbstverständlich, das haben mir schon meine Eltern vorgelebt. Denn so kann man viel bewegen.

Was genau können Sie in dieser Funktion bewegen?

Malecha: Die Aufgaben von meiner Stellvertreterin und mir sind sehr vielfältig. In erster Linie beraten wir Studierende, Studieninteressierte, Angehörige, Dozierende, Schulen und Institutionen an der Hochschule. Ansonsten ist es natürlich auch unser Job, die RWTH in jeglicher Hinsicht barriereärmer bzw. -frei zu gestalten. Und wir möchten das Thema mehr in die Öffentlichkeit tragen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der Studierenden, die wir beraten, keine direkt sichtbare Behinderung hat.

Welche Themen kommen bei der Beratung am häufigsten zur Sprache?

Malecha: Am häufigsten der Nachteilsausgleich in Prüfungssituationen, gefolgt von der Suche nach Assistenzen, Finanzierungsmöglichkeiten im Studium und barrierefreies Wohnen, aber auch Behindertensport.

Wie viele Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung studieren überhaupt an der RWTH?

Malecha: 14 Prozent. Diese Zahl überrascht viele, die meisten rechnen mit weniger. Aber das hat wie gesagt mit den nicht sofort sichtbaren Behinderungen oder Erkrankungen zu tun. Einen Rollstuhlfahrer erkenne ich sofort, einen Depressiven eher nicht. Wir vertreten also eine sehr heterogene Gruppe. Die Hälfte davon ist in ihrem Studienalltag in irgendeiner Form eingeschränkt.

Mit welchen Behinderungen oder Erkrankungen beschäftigen Sie sich denn vordergründig?

Malecha: Vor drei Jahren waren es noch Depressionen. Mittlerweile beraten wir am häufigsten Studierende mit Legasthenie und Autismus und setzen entsprechende Projekte um. Wir sind zum Beispiel gerade dabei, eine spezielle Software an der RWTH zu installieren, damit Studierende mit Legasthenie besser mit Schriftdokumenten arbeiten können.

Wie erklären Sie sich, dass gerade Legasthenie und Autismus so oft vertreten sind?

Malecha: Einige Krankheitsbilder werden halt erst seit Kurzem richtig diagnostiziert und dementsprechend anerkannt. Autisten zum Beispiel gibt es nicht erst seit heute. Die umfassende Förderung von Autisten, z. B. im schulischen Bereich, existiert jedoch noch nicht sehr lange. Jetzt machen so langsam die ersten Autisten, gerade mit Asperger-Syndrom, Abitur. Für viele Eltern ist die logische Konsequenz, dass ihr autistisches Kind danach ein Studium beginnen kann. Man muss dabei bedenken, dass Autisten auf ganz andere Unterstützungsangebote angewiesen sind als andere Behinderte. Viele brauchen zum Beispiel isolierte Arbeitsplätze. Erst kürzlich war eine Studentin mit Autismus bei mir in der Beratung, die gesagt hat, dass eine klassische barrierefreie Wohnung gerade nicht das ist, was sie sucht. Aufgrund ihrer Geräuschempfindlichkeit war sie auf der Suche nach einer Wohnung in einem Haus, in dem sich kein Fahrstuhl befindet und wo sie allein auf einer Etage lebt. Wir neigen dazu, bei Barrierefreiheit erst einmal an Körperbehinderte und ihre Bedürfnisse zu denken.

Ist die RWTH denn auch auf autistische Studierende gut vorbereitet?

Malecha: Da dieses Thema noch sehr jung ist, besteht in diesem Bereich noch viel Nachholbedarf. Meine Kollegin und ich arbeiten gerade intensiv an diesem Thema, um hier zukünftig noch besser aufgestellt zu sein, aber auch, um das Potenzial von Autisten aufzudecken. Denn sie sind häufig überdurchschnittlich intelligent und zeichnen sich durch ein großes Fachinteresse aus, was für Wissenschaft und Forschung ideal ist. Wir arbeiten auch mit Aachener Schulen zusammen oder dem VKM, die solche Studierende begleiten.

Würden Sie generell sagen, dass die RWTH behindertengerecht ist?

Malecha: Bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa das neue Studierendenwerk, das kaum barrierefrei ist, ja. Im bundesweiten Vergleich bewegen wir uns zum Beispiel im oberen Mittelfeld, wenn es um die Gewährung von Nachteilsausgleichen in Prüfungssituationen geht. Klar gehören zur RWTH viele alte Gebäude, die nicht barrierefrei sind, die aber teilweise gut nachgerüstet wurden. Ein Mobilitätsnachteil in Aachen ist, dass die Unigebäude über die gesamte Stadt verteilt sind. Aber gerade die Neubauten sind bestens ausgestattet. Angefangen bei Aufzügen über taktile Leitsysteme bis hin zu mit Blindenschrift versehenen Geländern, die erklären, auf welcher Etage man sich gerade befindet. Das gleiche positive Zeugnis kann ich den neuen Studentenwohnheimen ausstellen. Aber nicht alles ist überall verfügbar. Wir haben zum Beispiel einen Ruhe- und Serviceraum speziell für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung eingerichtet – das ist schön, aber davon gibt es halt nur einen. Gelebte Inklusion ist für mich aber auch, wenn manche Dozierende kurzfristig ihre Seminare oder Vorlesungen ganz unbürokratisch in andere Räume verlegen, da ein Teilnehmer mit Behinderung den ursprünglichen Raum nicht barrierefrei erreichen kann. Vieles ist möglich und wenn überhaupt sind die Barrieren eher in den Köpfen einzelner Menschen zu finden.

Inwiefern?

Malecha: Es gibt halt immer mal wieder Dozierende, die fragen: Was will jemand mit Legasthenie denn studieren? Oder: Einen blinden Chemiker kann ich nicht einsetzen. Ich sage dann: Doch, das geht! Mit der richtigen Einstellung und der richtigen behindertengerechten Umgebung. Der Nachteilsausgleich greift ja gerade in solchen Situation, so dass beispielsweise auch ein einarmiger Maschinenbaustudent in die Lage versetzt wird, ein bestimmtes Praktikum zu machen, obwohl er manche Maschinen nicht bedienen kann. Ein Legastheniker hingegen braucht schlichtweg mehr Zeit, um einen Text zu verstehen.

Versuchen manche Studierende denn auch, ihre Behinderung zu verstecken?

Malecha: Ja, häufig aus Angst, dass sie nach dem Bekanntwerden nicht mehr als vollwertiger Mensch wahrgenommen werden. Schwierig wird es dann allerdings beim Thema Nachteilsausgleich. Dazu ist ein ärztliches Attest nötig, welches genau festgelegt, welche Behinderung vorliegt und welche Hilfsmittel in einer Prüfungssituation benötigt werden. Eigentlich ein riesiger Vorteil! Dennoch kenne ich einige Studierende, die diesen Antrag aus Angst vor Konsequenzen doch nicht stellen wollten und es in der Klausur darauf ankommen lassen. Zwingen kann man natürlich niemanden. Daher kann eine sichtbare Behinderung wie bei mir auch von Vorteil sein. Bei mir zweifelt keiner an, dass ich mehr Zeit für eine Klausur brauche, weil ich Pausen machen muss.

Wie haben Sie eigentlich Ihre Studienzeit an der RWTH erlebt?

Malecha: Zumindest am Anfang als sehr anstrengend. Damals war es noch so, dass man keine staatlich finanzierte Studienassistenz bekam, wenn man mehr als 2600 Euro besitzt. Dies war bei mir der Fall, da ich mir ein bisschen Geld zusammengespart hatte. Glücklicherweise hatte ich aber immer Kommilitonen, die mir ihre Mitschriften aus den Vorlesungen kopiert oder per E-Mail geschickt haben, da ich selbst meine Arme und Hände nur eingeschränkt nutzen kann. Und später wurden auf unsere Initiative hin auch studentische Hilfskräfte eingestellt, die von der Uni bezahlt werden.

Auf welche Projekte sind Sie nach all den Jahren besonders stolz?

Malecha: Zum Beispiel haben wir es geschafft, eine barrierefreie Toilette mit Liege in der Bib 2 einzurichten. Das war insbesondere wichtig, da es im gesamten Pontviertel sonst keine Behindertentoilette gibt. Diese ist nun mit dem Euroschlüssel von außen 24 Stunden am Tag erreichbar. Auch die eben genannte Einführung der studentischen Hilfskräfte für die Unterstützung der behinderten und chronisch kranken Studierenden im Studienalltag war ein wichtiger Schritt. Sie stehen vorrangig für folgende Aufgaben zur Verfügung: Anfertigen von Vorlesungsnotizen und Abschriften, Vorlesen, Recherchieren, Orientierungshilfe, Kopieren, Scannen, Hilfe beim Transport von Gegenständen, Begleitung zur Uni und zurück innerhalb Aachens, Begleitung bei Besorgungen, die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Studium stehen. Viel Arbeit hatten wir, als die Magisterstudiengänge ausgelaufen sind, da einige Studierende mit Behinderung einfach länger brauchen als die Regelstudienzeit. Da war es teilweise schwierig, die Prüfungsausschüsse davon zu überzeugen, das angemessen zu berücksichtigen.

Was möchten Sie noch erreichen, bevor Sie die RWTH verlassen?

Malecha: Eine größere Sensibilisierung des Hochschulpersonals für das Thema „Studieren mit Behinderung“. Punktuell erfolgt das bereits. Flächendeckend alle zu erreichen, insbesondere die Lehrenden, ist eher schwierig. Aber wir versuchen es Tag für Tag aufs Neue.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert