Aachen - Bahnhofsmission: Zuhause der Ziellosen und Verlorenen

Bahnhofsmission: Zuhause der Ziellosen und Verlorenen

Von: Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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„Ich liebe die Bahnhofsmission, ihr verdanke ich mein zweites Leben“: Elke Schmitz (Name geändert) ist seit einigen Wochen ständiger Gast in der Einrichtung, die Elke Schreiber (im Hintergrund) leitet. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Raum ist klein und zweckmäßig, ein Aufenthaltsraum eben. In der Ecke steht ein Weihnachtsbaum, am Tisch sitzt eine kleine, schmächtige, dunkelhaarige Frau. Vor sich hat sie die Tageszeitung ausgebreitet, daneben steht eine dampfende Tasse Kaffee. Die Frau liest, und das Bild hat – bei aller Öffentlichkeit der Umgebung – etwas Gemütliches, fast Heimeliges. Und so ist es auch: „Ich bin hier zu Hause“, sagt Elke Schmitz (Name geändert) einfach nur.

Ihr Zuhause liegt im Hauptbahnhof am Ende von Gleis 1 und hat Öffnungszeiten: montags bis freitags von 12 bis 16 Uhr. Inmitten des hektischen Bahnbetriebs, in dem Reisende sich abhetzen, um ihre Züge und Ziele zu erreichen, ist die Bahnhofsmission Anlaufstelle für die Ziellosen, Gestrandeten, Verlorenen. Und jeden Tag für Elke Schmitz. „Ich liebe die Bahnhofsmission“, sagt sie. „Ihr verdanke ich mein zweites Leben.“

Der Ehe-Hölle entflohen

Von ihrem ersten Leben erzählt die 50-Jährige ganz sachlich und wie im Schnelldurchlauf, während sie ihre Hände an der Tasse wärmt: Ganz jung wird sie schwanger, die Eltern zwingen sie zur Heirat. Sie bekommt vier Kinder und immer wieder Schläge von ihrem Mann. Der Ehe-Hölle entflieht sie nach 25 Jahren, haut über Nacht ab. Wieder lernt sie einen Mann kennen, der sie „drei Jahre verarscht“. Sie ist am Boden, will sich umbringen, landet im Alexianer-Krankenhaus. Die nächste Beziehung gibt neuen Mut. Das Paar will nach Ostfriesland, Arbeit und Wohnung werden versprochen, eine Zukunft. Vor Ort merken beide, dass alles gelogen ist, und trampen zurück – ins Nichts. Keine Wohnung, kein Geld, keine Perspektive. Elke Schmitz und ihr Freund schlafen wochenlang in Parkhäusern und Toreinfahrten, bis sie den Weg zur Bahnhofsmission finden.

Dort erhalten sie etwas Warmes zu trinken, etwas Zeit zum Ankommen – und praktische Hilfe. Ein Kontakt zum Café Plattform wird vermittelt, das Sozialamt eingeschaltet, eine Wohnung in einer städtischen Obdachlosenunterkunft besorgt. Elke Schmitz ist zumindest von der Straße weg – ihr Freund muss derweil eine Geldstrafe absitzen –, und um die anderen Probleme der psychisch labilen Frau kümmern sich der Allgemeine Soziale Dienst und auch die Telefonseelsorge. „Drei Mal habe ich die in Anspruch genommen“, erzählt sie. Denn die Rückschläge hören nicht auf. Vor sieben Wochen wird bei ihr ein gutartiger Hirntumor festgestellt, vor zwei Wochen der Schock: Er ist doch bösartig. Kein Wunder, dass die Frau sich an ihr Zuhause klammert, auch wenn es nur stundenweise öffnet. „Hier wird mir geholfen“, sagt sie. „Hier bin ich keine Nummer, sondern Mensch.“

„Keiner muss irgendwas erfüllen“

Für Elke Schreiber ist die Geschichte der Elke Schmitz „beispielhaft für die Arbeit, die wir hier leisten“. Die Diakonin und Sozialarbeiterin leitet die Bahnhofsmission als einzige hauptamtliche Kraft. Unterstützt wird sie von 18 Ehrenamtlichen. „Wir vermitteln Hilfe, Kontakte zu anderen Institutionen, begleiten bei Behördengängen“, erklärt sie. Vor allem ist man einfach da für Menschen aller Art. „Keiner muss irgendwas erfüllen, um herkommen zu dürfen.“

Und so kommen Männer aus Osteuropa, die im reichen Westen vergeblich nach Arbeit suchen. Es kommen psychisch Kranke, Einsame und Menschen, die sich ihrer Armut schämen. Und es kommen immer mehr obdachlose junge Frauen. „Das ist ein aktuelles Problem“, sagt Schreiber, die in ihrem Alltag vielen Geschichten begegnet. Erschreckenden wie denen von den obdachlosen Frauen, die sich oft mit Wohnungsprostitution über Wasser halten. Hoffnungsvollen wie der von der Frau in den Vierzigern, die völlig verwahrlost auftauchte, ganz am Boden war und nun über eine Ausbildung nachdenkt. Und deprimierenden wie der von Willi, dem Lkw-Fahrer, dessen Leben aus den Fugen geriet und der darüber lieber schweigt. „Ich kann nicht über mein Leben sprechen, sonst werde ich so traurig“, sagt er nur.

Auch für ihn ist die Mission eine Art Zuhause, doch ist dieses Heim nun selbst in seiner Existenz bedroht. Der Anlaufstelle für die Ärmsten fehlt es an Geld. Weil Eigenmittel schwinden und der Spendenfluss abebbt (Spendenkonto siehe Info-Box), haben die Träger der Einrichtung – der Verein In Via und das Diakonische Werk – erstmals in der über 100-jährigen Geschichte der Bahnhofsmission städtische Hilfe beantragt: 30.000 Euro pro Jahr. Aber die Stadt ist klamm, die Politik hat die Förderung abgelehnt. Immerhin: Nächstes Jahr fließen 30.000 Euro aus Stiftungsmitteln, danach will man bei der Suche nach Sponsoren helfen.

Gabriele Jülich von In Via verweist zwar auf Städte wie Köln, die ihre Mission finanziell unterstützen, doch mit Renate Weidner vom Diakonischen Werk ist sie erst einmal „sehr froh über den Zuschuss der Stiftung“. Man habe bereits selber gespart bei der Bahnhofsmission, etwa von zwei halben Stellen auf eine 30-Stunden-Stelle reduziert, betonen beide. Doch der Spagat, bei kletternden Kosten und sinkenden Einnahmen ein qualitativ gutes Angebot zu bieten, sei alleine nicht zu schaffen. Dass die Mission nötig ist, steht für Weidner außer Frage: „Von unserem christlichen Verständnis her kann man diese Leute nicht aufgeben!“ Doch wie es nach 2014 weitergeht, ist ungewiss.

Neben dem Geld fehlt es auch an Ehrenamtlichen. Es gab schon mal mehr als 18 freiwillige Helfer, die nicht nur Sozialfälle betreuen, sondern auch Reisenden helfen, Reisebegleitungen übernehmen und am Bahnhof die Augen offen halten, ob jemand Hilfe braucht. „Ehrenamtliche Arbeit wird heute nicht mehr so umfangreich geleistet“, hat Elke Schreiber festgestellt.

Astrid und Günther sind zwei Helfer, die seit längerem regelmäßig dabei sind. Die pensionierte Lehrerin und der pensionierte Rechtspfleger drehen gemeinsam ihre Runden. Sie passen den Thalys aus Paris ab, weil der meist viele Menschen mitbringt, die eine kleine Orientierungshilfe brauchen. Sie halten Ausschau nach hilfebedürftigen Personen. Und sie erzählen vom vergangenen Sommer, als das Team noch größer war und man Öffnungszeiten von zehn bis 18 Uhr anbieten konnte. Der Bedarf dafür sei jedenfalls da gewesen, erinnert sich Astrid: „Wenn offen ist, dann stehen sofort die Leute da.“

Ein bescheidener Wunsch

Elke Schmitz steht meist schon eine halbe Stunde früher da und wartet darauf, dass ihr Zuhause öffnet. Wenn es geschlossen bleibt, an den Wochenenden, sei es manchmal schlimm, erzählt sie. „Da ist man nur am Rumlaufen, weil man nicht alleine in der Wohnung sitzen will.“ Und sonntags setzt sie sich manchmal nachmittags am Ende von Gleis 1 vor die verschlossene Tür, „nur wegen der Nähe“. An Weihnachten hat die Bahnhofsmission zu, am 1. Weihnachtstag auch, aber der Anrufbeantworter wird regelmäßig abgehört und in Notfällen geholfen. Und ein paar Ehrenamtler drehen auch an den Weihnachtstagen ihre Runden auf dem Aachener Bahnhof. Am zweiten Weihnachtstag wird dann wieder richtig geöffnet.

Elke Schmitz freut sich darauf schon, auch wenn sie in dieser vorweihnachtlichen Zeit der Wünsche selbst eine kleine Hoffnung hat. „Ich wünsche mir, dass ich mit meinem Lebensgefährten endlich ein Leben habe, ich will endlich mal glücklich sein, zu Hause sein“, sagt sie. Die einst Ziellose hat jetzt ein bescheidenes Ziel: ein Zuhause ohne Öffnungszeiten.

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