Bahnhof: Anwohner klagen über unzumutbare Zustände

Von: Robert Esser
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Schlechte Lage: Im Umfeld des Bahnhofplatzes häufen sich Beschwerden über die Trinkerszene aus dem Obdachlosenmilieu. In der Nachbarschaft liegt ein Übergangswohnheim der Stadt. Foto: Andreas Schmitter
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Unzumutbare Zustände am Bahnhofplatz beklagen Anwohner, Hauseigentümer und Geschäftsleute: (v.l.) Karl-Heinz Latour, Volkmar Lenz, Josefine Heinen, Dr. Karl-H. Köppinger, Kasim Pehlivan, Doris Schmitz-Kück und Gerti Meyers. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nur einen Steinwurf vom Ordnungsamt entfernt entgleisen die Gesichtszüge. Zug um Zug. Auf dem Bahnhofplatz gilt das sowohl für eine alltäglich alkoholisierte Klientel als auch für verdutzte Aachen-Besucher und entsetzte Bürger. Geschäftsleute, Anwohner und Immobilienbesitzer schlagen jetzt Alarm.

„Es bleibt ja nicht dabei, dass sich diese Trinkerszene fast rund um die Uhr auf den schönen neuen Bänken im Schatten der Bäume gegenüber dem Hauptbahnhof besäuft“, sagt Dr. Karl-H. Köppinger. „Es wird gegrölt, randaliert, in Hauseingänge und auf offener Straße uriniert – fast täglich beschweren sich meine Mieter“, klagt der Hauseigentümer. Zehn bis 40 Mann stark sei die Trinkerszene vor seiner Türe. Menschen, die aus der Bahn geworfen wurden.

„Die meisten stammen aus den Obdachlosenunterkünften, die die Stadt schon vor Jahren gleich um die Ecke auf der Bahnhofstraße angemietet hat“, vermutet Köppinger. Seitdem der Bahnhofplatz vor sieben Jahren für 2,6 Millionen Euro umgebaut und aufgehübscht wurde, verschlimmere sich die Situation zusehends. Sobald das Wetter mitspielt, ziehen die Bewohner aus ihren Buden auf die Straße – und besetzen die Designer-Rundbank. Wer zu viel gebechert hat, liegt auch schon mal daneben. Zuweilen sei die Stimmung durchaus aggressiv, berichten Bürger. Darunter leidet auch Kasim Pehlivan, der direkt hinter der „Säufer-Bank“ sein Kebabhaus betreibt. „Das geht so weit, dass Betrunkene meinen Gästen Essen und Getränke vom Tisch klauen“, sagt er.

Doris Schmitz-Kück vom „Hotel am Bahnhof“ büßt Kundschaft ein: „Das nächtliche Gegröle führt dazu, dass Hotelgäste ihren Aufenthalt bei mir nach der ersten Nacht abbrechen, weil sie kein Auge zu tun können“, sagt sie. Als eine Auseinandersetzung mit den Bewohnern der benachbarten Obdachlosenunterkunft vor einem Jahr eskalierte, Gegenstände aus dem Fenster geworfen wurden und die Polizei einschreiten sollte, sei aber nicht etwa der Verursacher der Randale, sondern die Hotel-Chefin selbst in Handschellen abtransportiert worden. „Ich habe damals eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Polizeibeamtin eingereicht; daraufhin erhielt ich einen Strafbefehl über 5000 Euro, weil man mich der Falschaussage beschuldigt“, erzählt Schmitz-Kück. Sie wehrt sich dagegen. Im Oktober wird die Sache am Amtsgericht verhandelt.

Unterdessen werden am Bahnhofplatz Forderungen lauter, das sogenannte Übergangswohnheim an einen weniger exponierten Standort in Aachen zu verlegen. „Man schämt sich für das Bild, das Aachens Besucher bekommen, wenn sie hier aus dem Zug aussteigen“, schimpft Anwohnerin Josefine Heinen. „Ich musste mein Schlafzimmer in ein hinteres Zimmer verlegen, vorne zur Straße kann man wegen des Krachs kein Fenster mehr öffnen“, ärgert sich Anwohner Karl-Heinz Latour.

Gerti Meyers kann nicht fassen, wie schamlos Betrunkene regelmäßig vor ihrer Komba-Geschäftsstelle die Hose runter lassen und in aller Öffentlichkeit ihre Notdurft verrichten. Hauseigentümer Volkmar Lenz führt die Misere auf die falsche Standortwahl für die Obdachlosenunterkunft und die Fehlplanung bei der Gestaltung des Bahnhofplatzes zurück: „Diese riesige halbrunde Bank ist von Anfang an ein Fehler gewesen, das hätte nicht passieren dürfen“, sagt er. Dass hier nun täglich Passanten angepöbelt würden, sei eine Schande für die Stadt.

Immer wieder alarmiere man Ordnungsamt und Polizei – abgesehen vom schief gelaufenen Einsatz im Juli 2012 ernte man meist nur ein Schulterzucken der Beamten. Randalierer und Schläger würden zwar ausfindig gemacht, aber augenscheinlich nicht zur Rechenschaft gezogen, kritisieren Anwohner. Sie appellieren: Das Übergangswohnheim soll weg, stilvolle Außengastronomie soll die Trinkerrunde auf dem Platz ersetzen. „Alle Anläufe, bei Ratspolitikern für unsere Probleme Gehör und Lösungen zu finden, sind gescheitert“, stellt Köppinger fest.

Die Stadt sieht derzeit keine Alternative zum Standort des Wohnheims, das dort 1992 eingerichtet wurde. „Wir suchen händeringend weitere Unterkünfte“, sagt Sandra Knabe. Die Leiterin der Abteilung „Übergangsheime“ glaubt nicht, dass sich die Trinkerszene auf dem Bahnhofplatz in erster Linie aus den 21 Bewohnern des Hauses Bahnhofstraße rekrutiert. „Die Leute kommen von überall her, treffen sich an Plätzen, wo das Leben spielt“, erklärt Knabe. Die Bewohner würden durch drei Hausmeister im Schichtdienst sowie eine Sozialarbeiterin betreut.

Insgesamt finanziert die Stadt sieben Übergangswohnheime mit 320 Bewohnern, die „ordnungsbehördlich untergebracht sind“, wie es im Amtsdeutsch heißt. Für alle gilt sonst: Endstation Straße.

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