Aachen - AZ-Wahlforum: Wer zieht Sonntag das große Los?

AZ-Wahlforum: Wer zieht Sonntag das große Los?

Von: Oliver Schmetz, Annika Kasties und Hans-Peter Leisten
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Volles Haus beim AZ-Wahlforum: Die acht Bundestagskandidaten stellten sich in den Räumen der Erholungsgesellschaft den Fragen der rund 150 Gäste. Foto: Andreas Steindl
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Spannende Fragen: Max Eckey im Gespräch mit den Moderatoren Albrecht Peltzer und Robert Esser.
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Spannende Fragen: Michael von Fisenne im Gespräch mit den Moderatoren Albrecht Peltzer und Robert Esser.
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Sorgten für bewegte Bilder und den reibungslosen Live-Stream bei Facebook: Ines Kubat und Björn Hellmich.

Aachen. In der ältesten und immer wieder neuen Frage der Politik, wer denn nun mit wem zusammengeht, wird an diesem Abend nicht nur den Gesetzen der Logik, sondern auch dem Losglück gefolgt. Oder eben auch dem Lospech.

Denn zum Auftakt des großen AZ-Wahlforums mit den acht Aachener Bundestagskandidaten in den Räumen der Erholungsgesellschaft bestimmen die Zuschauer, wer mit welchem politischen „Partner“ zur Aufwärmrunde in den Ring steigt – und das per Losentscheid. Eine kuriose Koalitionslotterie mit kolossalem Konfliktpotenzial?

Das gilt in jedem Fall für das „Duell“ zwischen Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD) und dem AfD-Rechtsaußen Markus Mohr, in dem schnell die Funken sprühen – und die Moderatoren Albrecht Peltzer und Robert Esser, die die Debatten vor gut 150 Besuchern gelassen und humorvoll moderieren, auch schon einmal mäßigend eingreifen müssen.

Als Mohr beispielsweise weder Angela Merkel noch Martin Schulz für die Kanzlerschaft geeignet erachtet und stattdessen von einer – ohne Namen zu nennen – „staatsmännischen“ und über die Legislaturperiode hinausblickenden Führungspersönlichkeit spricht, kontert Politprofi Schmidt knallhart: „Jetzt hat er sich wohl nicht getraut, Herrn Gauland vorzuschlagen.“ Schließlich könne man ja auch kaum jemanden „über unsere Zukunft bestimmen lassen“, der regelmäßig mit „völkischen, rassistischen und rückwärtsgewandten Vorschlägen“ um die Ecke komme.

Als Mohr daraufhin seinen Spitzenkandidaten, der jüngst das Recht einforderte, stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen sein zu dürfen, vehement verteidigt – „ich stehe zu Alexander Gauland“ –, wird es hitziger und schließlich ziemlich laut. Letzteres gilt allerdings vor allem für den Beifall, den Ulla Schmidt für diesen Satz erhält: „Ich bin nicht stolz auf das, was die Wehrmacht in ganz Europa angerichtet hat.“

Mit diesem Duell erschöpft sich das Konfliktpotenzial aber fast auch schon – was auch an den friedensstiftenden Händchen der Losfeen liegt. Denn Katrin Feldmann (Grüne) und Matthias Achilles (Piraten) liegen inhaltlich oft gar nicht so weit auseinander und vertragen sich auch ganz gut – auch wenn der Pirat der Grünen empfiehlt, im Dieselskandal „ihren“ baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretsch-mann lieber mal „wieder einzufangen“.

Schließlich sollte sich die Politik bei diesem Thema besser „von der Wirtschaft entfernen“, meint Achilles. Außerdem plädiert er für „Ehrlichkeit“ dem Wähler gegenüber, dem man schlicht sagen müsse, „dass Fahrverbote kommen werden“. Feldmann wiederum schiebt den Schwarzen Peter von Kretschmann lieber an den Bundesverkehrsminister und die aktuelle Bundesregierung weiter und macht sich für eine emissionsfreie Mobilität ab 2030 stark – was aber nicht als Verbot verstanden werden solle, sondern als „Weckruf“, wie sie betont.

Richtig lieb haben sich dann Andrej Hunko (Die Linke) und Nico Riedemann von der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP), die sich – wie der linke Bundestagsabgeordnete launig erzählt – ja fast sogar gegenseitig wählen würden. Das Duell gerät zur Lehrstunde in Harmonie, Unterschiede offenbaren sich quasi nur im Kleingedruckten.

Da fordert Hunko beispielsweise eine „repressionsfreie und sanktionsfreie Grundsicherung von 1050 Euro“, während das Kind bei Riedemann „ökologisches Grundeinkommen“ heißt. Und für eine „ökosoziale Steuerreform“ beziehungsweise „sozialökologische Investitionen“ sind sie auch beide. Für Aachen will Hunko sich in Berlin vor allem in Sachen Tihange stark machen, wo er einen Hebel darin sieht, den Export von Brennstäben aus Deutschland nach Belgien zu stoppen.

Dass dann im vierten Duell schon eine gar nicht so abwegige mögliche schwarz-gelbe Koalition auf der Bühne Gestalt annimmt, passt ins harmonische Bild – auch wenn der erfahrene Parlamentarier Rudolf Henke (CDU) und der Polit-Frischling Cliff Gatzweiler (FDP) darauf achten, sich nicht allzu offensichtlich zu verbrüdern. Henke nimmt zumindest andere Farbenspiele in den Mund – Jamaika, Schwarz-Grün –, Gatzweiler meidet das Wort Koalition dagegen gänzlich und redet lieber von „Demut“.

Inhaltlich will der Christdemokrat beim Reizthema Tihange die Belgier mit dem Bau einer neuen Stromtrasse zur Abkehr von der Atomkraft bewegen und in Sachen Pkw-Maut Sonderregeln fürs hiesige Grenzland aushandeln. Gatzweiler dagegen hat auch das Thema Sicherheit auf seine Agenda gesetzt, „um dem wachsenden Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung Rechnung zu tragen“, wie der Liberale sagt.

Und was wollen die Wähler? Die äußerst lebhafte Fragerunde bewegt sich an diesem Abend zwischen großer Atompolitik und lokalen Netzproblemen. Da will Michael von Fisenne zum Beispiel wissen, wie es denn sein könne, dass es in Aachen immer noch Gebiete ohne jede Internetversorgung gebe. Der 17-jährige Max Eckey, der gerade seine Autofahrerlaufbahn mit einem Elektroauto gestartet hat, berichtet davon, wie schwierig es ist, in Aachen problemlos eine freie Ladestation zu finden. Und Martin Christfreund fragt in die Runde, ob sich die Politiker überhaupt der gesundheitlichen Folgen des Dieselskandals für die Bevölkerung bewusst seien.

Zu tun gibt es also genug in Berlin für Aachen. Bleibt die Frage, wem am ehesten Lösungen zugetraut werden. Wer zieht am Sonntag das große Los? Klar ist, dass alle acht Aachener Kandidaten mit in der Verlosung sind. Und wer mit wem zusammengeht, wird man dann danach sehen.

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