Aachen - AZ-Studie über Aachens Jugend: Nun sollen Konzepte her

AZ-Studie über Aachens Jugend: Nun sollen Konzepte her

Von: Stefan Herrmann und Katrin Fuhrmann
Letzte Aktualisierung:
Jugendstudie
Was brauchen Kinder und Jugendliche in Aachen? Dazu liefert die AZ-Jugendstudie „Wir hier – Zukunft Aachen“ überraschende Erkenntnisse. Foto: dpa
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AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu sprach bei der Präsentation mit den Schulleitern Monika Wagner und Jan-Dirk Zimmermann, Marie Christine Bergmann (KFN), Bezirksschülersprecherin Conny Schmetz und Dr. Dirk Baier (KFN). Foto: Michael Jaspers

Aachen. 520 Schüler aus 60 Nationen besuchen das Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG). „Eine völlig wilde Mischung“, sagt Schulleiter Jan-Dirk Zimmermann. „Bis auf Australien decken wir alle Kontinente ab.“ Die Schule liegt an der Stolberger Straße, mitten im Ostviertel. Ein Stadtteil, der gemeinhin als sozialer Brennpunkt bezeichnet wird.

Wenn Zimmermann und seine Kollegen zum Elternsprechtag einladen, dann rücken mit vielen Erziehungsberechtigen „Dolmetscher“ an: Geschwister der Schüler, Bekannte der Familie, Freunde. Nur mit deren Hilfe können Lehrer und Eltern ins Gespräch kommen. Zimmermann stellt daher fest: Wolle man über die Lebenswelten und die Integration von Jugendlichen in seinem Stadtviertel diskutieren, müsse man vielfach zugleich über die Integration der Eltern reden.

Es ist nur ein Aspekt, der an diesem Abend deutlich macht, wie vielfältig, wie heterogen Kinder und Jugendliche in Aachen aufwachsen, wie sie leben, wie sie ihre Umwelt, ihre Stadt wahrnehmen und welchen Einflüssen sie ausgesetzt sind. „Wir hier – Zukunft Aachen“ lautet der Titel der Studie, die unser Hilfswerk „Menschen helfen Menschen e.V.“ in Auftrag gegeben hat – und die am Dienstagabend von Dr. Dirk Baier und Marie Christine Bergmann vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in der Aula der FH Aachen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Dass der Leiter des KFN, Professor Dr. Christian Pfeiffer, kurzfristig aus persönlichen Gründen absagen musste, war nur ein kleiner Wermutsropfen für die gut 150 Besucher. Denn die Ergebnisse der ausführlichsten Kinder- und Jugend-Studie, die es für Aachen bisher gegeben hat, haben es in sich. Sie gewähren tiefe Einblicke in die Lebenswelt der Jugendlichen. Im Fokus der Studie: Aachens Neuntklässler. Hier haben 1729 Schüler aus 81 Klassen teilgenommen. Die Datenfülle erlaubt detaillierte und repräsentative Aussagen.

Neun Stunden Medienkonsum

Dass ein Großteil der Jugendlichen ihre Heimatstadt als eher cool, eher sympathisch, eher modern empfindet... eine nette (Neben-)Erkenntnis des wissenschaftlichen 120-Seiten-Werks. Wenn auch nicht mehr. Richtig interessant und in Teilen erschreckend dagegen wird es, wenn sich der Blick auf konkrete Situationen und Einstellungen der Jugendlichen zu gewissen Themen richtet: So geht aus der Studie hervor, dass vor allem türkische Jugendliche schlecht integriert sind. Zugleich hegt gerade diese Gruppe eine hohe Feindlichkeit gegenüber Juden und Homosexuellen. Wenn ein Schwuler oder ein Jude nebenan in die Wohnung ziehen würde – der Hälfte dieser befragten Gruppe würde das nicht gefallen.

Ein Bereich, in dem Aachen laut Dirk Baier ebenfalls negative Spitzenwerte einnimmt, ist das Schulschwänzen. Und schließlich wäre da noch der Medienkonsum der heute 14- bis 15-Jährigen. Der liegt nämlich in Aachen bei rund neun Stunden pro Tag. Ein Raunen geht bei dieser Zahl durchs Publikum. Machen Jugendliche da überhaupt noch etwas anderes?

Viele Medien werden parallel genutzt, erklärt Baier: Während per Whatsapp gechattet wird, surft der Schüler im Internet und hat den Fernseher laufen. Trotzdem: „Gerade bei Grundschülern haben wir in Studien einen direkten Bezug herstellen können: Das Kind, das übermäßig viele Medien nutzt, hat schlechtere Noten in der Schule“, so Baier.

Die Wissenschaftler haben die Ergebnisse vorgelegt. „Nun geht es nicht darum zu nörgeln, sondern etwas für Aachen zu tun“, betonte AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu, der die Veranstaltung moderierte. Mit Jan-Dirk Zimmermann, Monika Wagner (Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Driescher Hof), Michael Westkamp (Vorstandsvorsitzender der AachenMünchener als Mit-Sponsor der Studie) sowie Bezirksschülersprecherin Conny Schmetz diskutierte er, welche konkreten Ansätze die Studie bietet, um Kinder und Jugendliche in Aachen zu erreichen, ihnen genügend schulische, integrative und Freizeit-Angebote zu bieten.

Dabei ging es durchaus kontrovers zu. Ist zum Beispiel der Trend zum Ganztag an Kitas und Schulen – von Wissenschaftlern wie Christian Pfeiffer ein favorisiertes Modell – das Allheilmittel? Nein, meint zum Beispiel GSG-Leiter Zimmermann. „Ich bin ein Gegner von allzu frühen und umfassenden Ganztagbetrieben. Wir erhalten dadurch eine Generation von Eltern, die gar nicht mehr weiß, was sie mit ihren Kindern tun soll.“

Einigkeit herrscht dagegen an anderer Stelle: mehr niedrigschwellige Sportangebote für junge Menschen, eine weitere Stärkung der schulischen Förderung von Migranten und eine intensivere Gewaltprävention an Schulen seien sinnvoll. „Wir hier – Zukunft Aachen“ ist die Bestandsaufnahme. Das Ziel laute nun, versicherten alle Akteure, konkrete Projekte zu entwickeln.

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