Aachen - AZ-Interview: Pfarrer Redmer Studemund erzählt von „seinem Weihnachten“

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AZ-Interview: Pfarrer Redmer Studemund erzählt von „seinem Weihnachten“

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Der Weihnachtsbaum ist ein „Muss“: Pfarrer Redmer Studemund feiert mit der evangelischen Gemeinde und natürlich mit seiner Familie Weihnachten. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Redmer Studemund hat Weihnachten keine ruhige Minute. Er ist Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Aachen, seine Wirkungsstätte ist die Immanuelkirche im Aachener Süden. Mehrere Gottesdienste stehen auf seinem Dienstplan, und wenn es bei einem Gemeindemitglied Krach unterm Tannenbaum gibt, ist er ansprechbar.

Gefeiert wird trotzdem, denn der 48-jährige Geistliche hat selbst drei Söhne. Auch der jüngste Filius, der fünfjährige Matteo, möchte natürlich wie alle anderen Kinder auf eines an Heiligabend nicht verzichten: Geschenke. Ist Weihnachten überhaupt noch ein religiöses Fest? Welcher Brauch darf nicht fehlen? Und wie wird das Fest der Liebe zum harmonischen Beisammensein? Antworten gibt Redmer Studemund im Weihnachtsinterview.

Ihr Terminkalender dürfte an den Weihnachtstagen ziemlich voll sein.

Studemund: Das stimmt. Los geht’s heute Nachmittag mit dem Familiengottesdienst und dem Krippenspiel, bei dem auch meine drei Söhne dabei sind. Meine Frau und ich bereiten das Krippenspiel jedes Jahr vor. Also kann man wirklich von einem Familiengottesdienst in doppelter Hinsicht sprechen. Abends folgt die Christvesper. Danach wird zu Hause im Familienkreis gefeiert. Am 1. Weihnachtstag geht es um 9.30 Uhr mit dem nächsten Gottesdienst weiter. Die Weihnachtsgottesdienste prägen natürlich sehr unser Familienleben. Als Pfarrer bin ich auch an den Weihnachtstagen erreichbar. Wenn das Telefon in meinem Dienstzimmer direkt neben unserem Wohnzimmer klingelt, geh‘ ich natürlich dran und zieh nicht den Stecker. Ansonsten feiern wir wie andere Familien auch, wo christliche Traditionen gegenwärtig sind. Wir hören die Weihnachtsgeschichte, singen Weihnachtslieder und packen Geschenke aus.

Die das Christkind gebracht hat?

Studemund: Für unseren jüngsten Sohn ist mit fünf Jahren völlig klar, dass das Christkind die Geschenke bringt. Bald wird er aus dieser magischen Welt herausgewachsen sein. Das sehe ich aber ganz entspannt. Meine Frau und ich haben das ganze Prozedere bei der Bescherung nie so zelebriert. Bei uns gab es nie so etwas wie „Engelsfußabdrücke im Goldstaub“. Es wäre auch nicht mein Ding, mich als Weihnachtsmann zu verkleiden.

Was darf Weihnachten auf keinen Fall fehlen?

Studemund: Ein Weihnachtsbaum. Diesen Brauch finde ich richtig schön und wichtig.

Und wer darf bei Ihnen zu Hause den Baum schmücken?

Studemund: Das übernehme ich am Abend vor Heiligabend gemeinsam mit meinen drei Söhnen. Weihnachtsbaumschmücken ist bei uns Männersache (lacht). Um die Lichterketten hingegen kümmert sich meine Frau. Sie kann das nämlich am besten von uns Fünfen und war schon immer für das ganze technische Equipment zuständig. Meine Söhne und ich bleiben lieber bei der Deko.

Von der Deko zur Musik: Welches Weihnachtslied ist eigentlich ihr Favorit?

Studemund: „Ich steh an deiner Krippen hier“ von Paul Gerhardt.

Für viele ist Weihnachten der Höhepunkt des Jahres. Auch für Sie als Pfarrer?

Studemund: Ja klar. Ganz praktisch: Man hat volle Gottesdienste mit vielen Menschen. Und religiös: Weihnachten ist der Kern unserer Religion – Gott wird Mensch. Das finde ich in religiöser Hinsicht immer noch überwältigend. Wenn man das bedenkt, ist Weihnachten religionsgeschichtlich total „verrückt“ und daher auch so faszinierend.

Verkommt Weihnachten nicht mehr und mehr zum Konsumterror?

Studemund: „Weihnachtsbashing“ ist ganz leicht – immer mehr Kommerz, immer lauter, und die Vorweihnachtszeit beginnt immer früher. Weihnachten gleicht oft einer Kabarett-Nummer. Aber der Kern von Weihnachten wird dadurch nicht berührt. Da können noch so viele Weihnachtsmärkte kommen, das wird nichts ändern. Auf der anderen Seite haben wir auch eine Gegenbewegung. Es gibt ganz viele Leute, die eine riesige Sehnsucht nach mehr Ruhe haben, die bewusst überlegen, wo weniger mehr ist. Ich spüre in meiner Gemeinde ein großes Bedürfnis nach Impulsen, wie die Advents- und Weihnachtszeit sinnvoll gestaltet werden kann, damit Weihnachten nicht zur reinen Geschenkeschlacht verkommt. Ein Beispiel dafür ist das ökumenische Adventsfenster.

Volle Kaufhäuser – leere Kirchen. Das können Sie also nicht bestätigen?

Studemund: Nein. Unsere Kirchen sind zu Weihnachten rappelvoll. In der Immanuelkirche sind aber auch unsere normalen Familiengottesdienste gut besucht. Ich messe den Erfolg jedoch nicht ausschließlich an den Teilnehmerzahlen der Gottesdienste.

Finden Sie es schlimm, wenn Menschen nur zu Weihnachten die Kirche besuchen?

Studemund: Nein. Es kommt ja darauf an, wie ich einen Gottesdienstbesuch an Heiligabend interpretiere. Ich kann das abwerten: Die kommen doch nur Heiligabend in die Kirche. Ich kann es aber auch positiv betrachten: Weihnachten geht halt nicht nur im Festtagsbraten auf. Das ist vergleichbar mit einer Hochzeit. Menschen, die sonst selten in die Kirche gehen, möchten sich kirchlich trauen lassen. Warum? Weil eine Hochzeit ein besonderer Tag ist, für den man eine besondere Dimension braucht. Wie zu Weihnachten. Das kann der Gottesdienst sein, das kann aber auch ein Liedvers sein. Oder das Krippenspiel: Du bist als Hirte, als Maria oder als Josef mit dabei auf dem Hirtenfeld in Bethlehem und der Engel sagt zu dir: „Fürchte dich nicht!“

Ist die Weihnachtsgeschichte denn noch zeitgemäß?

Studemund: Ich finde die Weihnachtsgeschichte zeitlos. Sie ist die große Trost- und Verheißungsgeschichte und gleichzeitig so unglaublich. Jesus kommt nicht in Rom, sondern in einer Randprovinz, einem Kaff, zur Welt. Eine Teenager-Mutter namens Maria bringt in obskuren Verhältnissen in einem Stall ihr Kind zur Welt. Anschließend sind Maria und Josef mit dem gerade geborenen Jesuskind auf der Flucht. Ich kann die Erzählung als Bewahrungsgeschichte lesen, dass Gott in diesem frisch geborenen Baby mit auf der Flucht ist. Die Weihnachtsgeschichte ist wirklich ziemlich „verrückt“, wenn wir den kitschigen Schleier beiseite schieben.

Gibt es in Ihrer Kirchengemeinde eine besondere Tradition zu Weihnachten?

Studemund: Die evangelische Kirchengemeinde in Aachen ist von ihren Anfängen an ein Schmelztiegel. Wer in Aachen evangelisch und etwas älter ist, hat relativ selten seine Wurzeln in Aachen. Die Aachener Gemeinde ist eine „Flüchtlingsgemeinde“ wie viele evangelische Gemeinden im Rheinland nach dem Krieg, sie ist aber auch eine Gemeinde aus jungen Menschen, die nach Aachen gekommen sind, um hier zu arbeiten. Das merkt man auch zu Weihnachten, wir haben keine festen Ortstraditionen wie beispielsweise am Niederrhein. Das ist aber auch ein Vorteil: Denn die Menschen sind neugierig aufeinander.

Welches Weihnachtsfest werden Sie nie vergessen?

Studemund: Als ich vor vier Jahren das erste Mal Weihnachten mit meiner Familie in Aachen gefeiert habe, hatte ich ein ganz tiefes Gefühl: Du bist jetzt hier angekommen, du bist hier zu Hause. Mein Bruder ist im selben Jahr gestorben, das war nicht leicht. Und dann hatte ich plötzlich dieses Gefühl von Heimat – das passt zu Weihnachten.

Und das verrückteste Fest?

Studemund: Da fällt mir die Familienanekdote vom abgesägten Weihnachtsbaum ein. Als mein Bruder und ich einmal als Jugendliche den Weihnachtsbaum geschmückt haben, sagte unsere Mutter plötzlich: „Der Baum ist so dürr, ihr müsst da was absägen.“ Sie meinte natürlich die riesige lange Spitze. Mein Bruder hat allerdings beherzt viel weiter unten den Weihnachtsbaum abgesägt. Daraufhin war unsere Mutter der Verzweiflung nah. Mein Bruder konnte das Weihnachtsfest gerade noch retten, indem er mit einer Holzlatte den Weihnachtsbaum schiente. Seitdem gab’s bei uns in der Familie den Begriff vom „geschienten Weihnachtsbaum“.

Ein Weihnachtsfest mit Happy End also. Warum wird zum Fest der Liebe dennoch so oft gestritten?

Studemund: Ach, das ist wie im Urlaub. Man hat riesige Erwartungen aneinander. Die Eltern sind abgearbeitet, und haben mit letzter Mühe und Not das rettende Weihnachtsufer erreicht. Sie erwarten dann eitel Harmonie in der Familie. Man wünscht sich, dass die Kinder keinen Streit miteinander haben, dass alles super läuft. Ich habe selbst drei Söhne im Alter von zwölf, zehn und fünf Jahren. Da kann man sich vorstellen, mit welcher Energie die zugange sind. Und Weihnachten sollen sie auf einmal ganz friedlich sein und still sitzen. Dass das auf Bestellung nicht funktioniert, ist klar.

Und was empfehlen Sie für ein friedliches Weihnachtsfest? Sie wirken so entspannt!

Studemund: Ein wenig Gelassenheit. Und: Die eigenen Erwartungen nicht zum Maßstab der anderen zu machen.

Ihr Jahresrückblick 2014: Was hat Ihnen in Aachen besonders gut gefallen?

Studemund: Das kann ich sehr genau sagen. Ich finde es herzbewegend, wie menschlich in Aachen Flüchtlinge aufgenommen werden, wie stark die Zivilgesellschaft sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert, wie die Willkommenskultur in Aachen auch wirklich gelebt wird – nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr. Erst kürzlich war ich auf der Weihnachtsfeier des Fußballvereins, in dem mein ältester Sohn spielt. Dort spielt ein zwölfjähriger Junge aus Afghanistan mit, der mit seinem Bruder zusammen aus seiner Heimat geflüchtet ist. Er ist so alt wie mein Ältester und den lass‘ ich bei Dunkelheit nur mit Sorge Fahrradfahren. Was ich sagen möchte: Ich finde es klasse, wie offen Menschen in Aachen auf Flüchtlinge reagieren. Das war für mich das schönste Erlebnis in diesem Jahr.

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