AZ-Forum: Kultur muss Stadt mehr wert sein

Von: Hans-Peter Leisten und Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
6670776.jpg
Die Vertreter der Kulturinstitutionen: Die AZ-Redakteure Robert Esser (l.) und Matthias Hinrichs (r.) diskutierten mit Olaf Müller (v.l.), Leiter des Kulturbetriebs, der Chefin des Ludwig Forums Dr. Brigitte Franzen und Udo Rüber, Verwaltungschef des Stadttheaters. Foto: Michael Jaspers
6670780.jpg
Viele Fragen aus dem Publikum: Im voll besetzten Kasino des Zeitungsverlags entwickelte sich eine angeregte Diskussion. Foto: Michael Jaspers
6670382.jpg
In kontroverser, aber konstruktiver Diskussion: Vertreter von Kunst, Politik und Bürgerschaft beim Kulturforum der AZ. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Manche haben eine steife Brise im Rücken, andere dümpeln in der Flaute vor sich hin, der eine hat viel Wasser unterm Kiel, der andere sitzt fast auf dem Trockenen: „Wohin steuert das Flaggschiff Kultur?“, fragt die AZ-Lokalredaktion beim großen Kulturforum am Donnerstagabend im Kasino des Zeitungsverlags.

Und in der lebhaften Diskussion mit freien Kulturschaffenden, Vertretern von städtischen Kulturinstitutionen und nicht zuletzt Kulturpolitikern wird den gut 120 Zuhörern schnell klar, dass es darauf nicht nur eine Antwort geben kann. Wenn es überhaupt diese eine Kultur gibt - in einer Stadt, in der sich beispielsweise der freie Künstler Kai Savelsberg an „Parallelwelten“ erinnert fühlt, weil die Verwaltungsleute von der freischaffenden Kultur „kilometerweit weg“ seien.

Deutlich wird aber auch, dass ein solches „Flaggschiff Kultur“ durch sehr bunte, lebendige, facettenreiche, aber auch kontroverse und widersprüchliche Landschaften segelt. Und dass es vor allem gut wäre, wenn die Mannschaft unterwegs ein paar Goldschätze heben würde.

Denn das Geld fehlt den meisten Kulturschaffenden an allen Ecken und Enden, zumal in der freien Szene, die pro Jahr gerade einmal 350.000 Euro an Zuschüssen erhält - bei einem städtischen Gesamtkulturetat von fast 40 Millionen. Da beklagt der renommierte Musiker Heribert Leuchter eine „groteske Unterfinanzierung“ der freien Projekte im kommenden Karlsjahr - neben der ohnehin üblichen Ungleichbehandlung von Freien und Institutionalisierten. Da erneuert Tom Hirtz, Leiter des Das Da Theaters, seine Forderung an die Politik, den jährlichen Zuschuss für sein Haus von 50.000 auf 120.000 Euro zu erhöhen. Über 53.000 Zuschauer sprechen in diesem Jahr für ihn, davon 35.000 Kinder, „die ihre kulturelle Grundausbildung bei uns erhalten“. Auf der anderen Seite stellt ihn der gerade vereinbarte Mindestlohn vermutlich vor große Probleme. „Mit dem Geld, das wir kriegen, können wir das nicht mehr leisten“, sagt er und hat eine klare Meinung zu Hartz-IV-Löhnen für Kultur-Arbeiter: „Eine Stadt wie Aachen müsste sich schämen, das zuzulassen.“

Auch Lars Templin vom Musikbunker, der pro Jahr rund 40.000 Besucher begrüßt, würde sich über mehr Mittel als die 5000 Euro Zuschuss freuen, um damit „ein paar mutigere Sachen machen zu können“. Aber er warnt auch davor, den Finanzfluss an eine Abstimmung mit den Füßen zu koppeln, denn: „Die Qualität müsste ein wesentliches Merkmal sein.“

Da ist der „Freie“ ganz einer Meinung mit der Chefin der Institution Ludwig Forum, die jährlich mit 2,1 Millionen Euro alimentiert wird. „Ich möchte eine Qualitätsdiskussion führen und keine Quantitätsdiskussion“, sagt Dr. Brigitte Franzen, deren Kunsthort in Sachen Besucherquantität mitunter Luft nach oben hat - und dessen neuer und 300.000 Euro teurer Eingangsbereich den Anstoß zu diesem Kulturgipfel gab.

Diese Investition verteidigt die Museumschefin naturgemäß als notwendig, appelliert aber auch an mehr Zusammenhalt innerhalb der ganzen Szene: „Wir dürfen uns nicht gegenseitig den Boden unter den Füßen wegziehen.“

Soll heißen: Mehr Geld muss her, aber was die Freien zusätzlich dringend benötigen, soll nicht den städtischen Institutionen weggenommen werden. Zwar wären im Etat des städtischen Kulturbetriebs laut Grünen-Ratsherr Herrmann Josef Pilgram pro Jahr bis zu 300.000 Euro einzusparen, wenn alle bloß ihre Budgets einhielten, doch hält sein Ratskollege Manfred Bausch (SPD) ein solches „Ausschwitzen“ nicht für zielführend: „Wir brauchen insgesamt mehr Geld für Kultur.“ Und auch Margrethe Schmeer (CDU), die Vorsitzende des Kulturausschusses, würde die besagten 300.000 Euro schon gerne nehmen, aber nur „on top“, also zusätzlich. Wobei es da für Kulturpolitiker, von denen beim AZ-Forum auch Ruth Crumbach-Trommler (FDP) und Ursula Epstein (Linke) mitdiskutieren, immer ein Problem gibt: „Wir müssten das dem gesamten Stadtrat verständlich machen.“

Doch wo soll das Geld herkommen in einer Stadt, der in den nächsten Jahren durch die jüngste Volkszählung rund 70 Millionen Euro an Landesmitteln flöten gehen? „In Aachen ist genug Geld da“, hält Wolfgang Hüttemann, stellvertretender Vorsitzender der Theaterinitiative, dagegen, meint aber damit vor allem das bürgerliche Engagement und das Sponsorenwesen: „Warum werben wir nicht mehr darum?“

Und während die Lufo-Chefin Franzen wie in Hamburg einen Fonds für die Aachener Kultur anregt - der dortige Elbkulturfonds speist sich aus der Bettensteuer und spült eine gute halbe Million ins hanseatische Kulturleben -, will der Sozialdemokrat Bausch auch die Städteregion anzapfen: Schließlich übernehme Aachen als Oberzentrum auch wichtige Bildungsfunktionen für die anderen Städte mit. Und warum sollte man nicht analog zum bevorstehenden Karlsjahr demnächst ein „Jahr der freien Kultur“ ausrufen, um all die freien Initiativen einmal finanziell besser auszustatten und prima ins Rampenlicht zu rücken? Diese Idee wurde am vorigen Samstag in einem Workshop mit freien Kulturschaffenden, Kulturverwaltung und Kulturpolitikern diskutiert. „Das würde im Bewusstsein viel verändern“, meint Pilgram.

Doch was kommt im Jahr danach? Und wer bezahlt es? Wohin das Flaggschiff Kultur steuert, ist weiterhin eine spannende Frage. Klar ist nur: Die Reise wird sicher durch schwere See gehen.

Leserkommentare

Leserkommentare (7)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert