Aachen - AZ-Forum: Das Rad wird nicht neu erfunden

AZ-Forum: Das Rad wird nicht neu erfunden

Von: Oliver Schmetz und Albrecht Peltzer
Letzte Aktualisierung:
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Enormer Andrang: Vor 150 Leserinnen und Lesern diskutierten auch Vertreter der Ratsfraktionen und der Stadtverwaltung über die Frage, wie man Radverkehr in Aachen sicherer machen kann. Foto: Michael Jaspers
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Schüler Johann Houben hat mit anderen Schülern sichere Radwege für Fünftklässler der Gesamtschule Brand konzipiert und mit diesen getestet, wie er AZ-Redakteurin Annika Kasties berichtete. Foto: Michael Jaspers
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AZ-Redakteur Robert Esser im Gespräch mit dem Publikum, das sich mit vielen konkreten Vorschlägen in die Diskussion einbrachte. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Genau 200 Jahre nach der Erfindung des Laufrads wird das Rad an diesem Abend nicht neu erfunden. Aber damit hat wohl auch ernsthaft niemand gerechnet. Schließlich gibt es auf innerstädtischen Straßen kaum andere Verkehrsteilnehmer, deren Interessen so weit auseinanderliegen wie die der Radfahrer und Autofahrer.

Deren Bedürfnisse so schwer unter einen Hut zu bekommen sind. Die sich dennoch so oft begegnen (müssen). Und die sich oft ausgesprochen emotional gegenüberstehen und sich dabei gerne gegenseitig eine gewisse Ignoranz und Militanz vorwerfen.

Von Letzterem gibt es an diesem Abend beim AZ-Forum „Radfahren in Aachen“ vor rund 150 Zuhörern im Kasino des Zeitungsverlags allerdings so gut wie keine Kostproben. Ob es daran liegt, dass AZ-Redakteurin Annika Kasties, die die Gesprächsrunden mit AZ-Redakteur Robert Esser moderiert, gleich zu Beginn zu einer vor allem sachlichen Auseinandersetzung aufruft?

Der Appell fruchtet jedenfalls. Was aber nicht bedeutet, dass nicht Klartext geredet wird. Da beschwert sich Martin Christfreund vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) über die „missbräuchliche Benutzung“ von Radschutzstreifen durch motorisierte Fahrzeuge, an der sich auch Polizei und Ordnungsamt wenig vorbildlich beteiligten.

Da attestiert Ulrich Bierwisch vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) Aachen eine „herausragende Position im deutschen Vergleich – allerdings im Negativen: nämlich einen „gigantischen Nachholbedarf“ in Sachen Radverkehr. Deutliche Worte.

Die Lobbyisten, die schon seit langem grundlegende Verbesserungen und vor allem mehr Sicherheit für den Radverkehr fordern, stehen damit nicht alleine. Auch Verkehrsplaner Ralf Kaulen, dessen Büro auch für die Stadt Aachen Radverkehrsanlagen entwirft, sieht im Dreiländereck seit ein paar Jahren eine Stagnation, was entsprechende Maßnahmen angeht.

Differenziert müsse man das Radnetz fortentwickeln, und zwar auf Haupt- und Nebenstrecken, fordert er. Dass das „Nutzungskonflikte“ mit sich bringt, ist klar, aber da müsse man sich dann eben entscheiden. „Die eierlegende Wollmilchsau kriegt ein Verkehrsplaner nicht hin“, wünscht sich Kaulen eine „eindeutigere Politik“, denn: „Wir reißen in Aachen die Klimaziele. Und wenn ich nachhaltige Mobilität fördern möchte, brauche ich die Flächen dafür.“

Der Platz und die Politik, das sind zwei zentrale Begriffe des Abends. Dass Aachens enge Straßen den Radfahrerschutz schwierig machen, wird vielfach beklagt und bringt Verkehrsplaner wie den Leiter des städtischen Verkehrsmanagements, Uwe Müller, ständig in die Bredouille. Denn was Radfahrer an zusätzlichem Platz bekommen, müssen andere abgeben.

Schließlich kann man ja keine Häuser abreißen. Doch kappt man den Raum für den ruhenden Verkehr und „verzichtet auch mal auf ein paar Parkstreifen“, wie es der Aseag-Betriebsleiter Hermann Paetz empfiehlt? Oder nimmt man den Fußgängern hier und da ein paar Meter? Oder streicht man ganze Fahrspuren?

Klar ist: Angesichts von mehr als 300 verunglückten Radfahrern pro Jahr und zwei tödlichen Unfällen binnen neun Monaten müssen Verbesserungen her. Und dafür braucht es klare politische Entscheidungen, die auch der städtische Verkehrsplaner Uwe Müller offenbar häufig vermisst. Seine Arbeit in der ehemaligen reinen „Autofahrerstadt Aachen“ beschreibt er als ein ständiges „Reparieren – das ist nicht der große Wurf“.

Und um das zu ändern, hätte er jedenfalls gerne ein „dauerhaftes politisches Statement“. Das von Grünen wie Wilfried Fischer, Linken wie Harald Siepmann oder Piraten wie Matthias Achilles zu bekommen, wäre nicht schwer. Sie alle votieren mehr oder weniger vehement pro Radverkehr. Aber sie haben keine Mehrheit. Die hat auch Cliff Gatz-weiler nicht, der bisweilen Kontrapunkte setzt und auch das Recht der Autofahrer reklamiert, „zügig von A nach B fahren zu können“.

Die Mehrheit hat die große Koalition, und für diese äußern sich Ye-One Rhie (SPD) und Jörg Lindemann (CDU) deutlich vorsichtiger. Man könnte auch sagen: unverbindlicher. „Wir wollen den Radverkehr stärken, aber...“, sagt Rhie und erwähnt die vielen Interessen, die man in der Verkehrspolitik berücksichtigen müsse.

Zum Beispiel die 35 Parkplätze, die am Krugenofen wegfielen, wenn dort Radstreifen markiert würden: „Da müssen wir uns auch die Anwohner anhören.“ Und dann diskutiere man eben viel, höre sich vieles an und bewege sich nicht so schnell, wie man es vielleicht gerne wolle.

Wie es nun weitergeht mit dem Radverkehr in der Stadt, in der ein Anwohnerparkausweis fürs ganze Jahr billiger ist als ein Aseag-Monatsticket, wie ein Zuschauer anmerkt? Es gibt auf jeden Fall viel zu tun. Vielleicht hilft ja der Blick über die Grenze in die in Sachen Radverkehr beispielhaften Niederlande, den Jan van den Hurk, Organisator des „Ride of Silence“, empfiehlt.

Und den ein niederländischer Zuschauer, der jetzt in Aachen lebt, vehement untermauert: „Ihr habt doch mehr Platz als jede niederländische Stadt!“ Oder der Blick, den der Radverkehrsplaner Kaulen in die dänische Metropole Kopenhagen wirft. So als langfristiges Ziel zumindest. Dort hat man heute nämlich einen Radverkehrsanteil von sagenhaften 45 Prozent, der seit den 80er Jahren konsequent ausgebaut wurde – weil es einen breiten gesellschaftlichen Konsens für Luftreinhaltung, Gesundheit, Bewegung gegeben habe, wie der Planer betont.

Kopenhagen als Vorbild? Vielleicht haben sie dort ja tatsächlich das Rad neu erfunden.

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