Aye Uluda: „Ich habe selbst erfahren, wie gut Hilfe tut“

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Hat vor 17 Jahren ihren Hilfsverein in Aachen gegründet, in dem sie ihr ehrenamtliches Engagement umsetzen kann: Ayşe Uludağ. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Mit dem Tuch im Design der türkischen Flagge möchte sich Aye Uluda nicht so gern ablichten lassen. Die vollgestopften Bücherregale in ihrem Wohnzimmer sind ihr da schon lieber. Die Türkin, die vor 43 Jahren nach Deutschland kam, liebt Musik, Tanz und Literatur. Und sie liebt die Menschen. Im Verein „Çati Kalem“, den sie vor 17 Jahren gegründet hat, bringt sie beides zusammen.

 „Ich gebe heute selber so gerne, weil ich am eigenen Leib erfahren habe, wie gut es tut, Hilfe zu erfahren“, erklärte sie im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld ihr Engagement.

Sie sind als sehr junge Frau aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Wie war Ihr Start in Deutschland? Hat sich Deutschland gleich als neue Heimat angeboten?

Aye Uluda: Als ich nach Deutschland kam, war ich gehörlos und blind. Ich konnte nichts verstehen und alles war fremd für mich. Heimat konnte Deutschland erst mit der Zeit werden. Mein damaliger Mann und ich gingen zuerst nach Hamburg, weil dort auch Verwandtschaft von mir lebte. Die hat uns anfangs sehr geholfen.

Wie sind Sie nach Aachen gekommen?

Uluda: Mein Mann arbeitete als Monteur überall in Deutschland. Ich bin immer überall mitgegangen. Die letzte Station meines Mannes in diesem Beruf war Aachen. So sind wir hier geblieben. Mein Mann hat mich und meine beiden Töchter zwei, drei Jahre später verlassen.

Warum sind Sie hier geblieben?

Uluda: Ich hatte das Glück, vielen lieben Menschen zu begegnen – besonders in Aachen. Ich brauchte Arbeit, damit ich eine Aufenthaltserlaubnis bekam. Und ich war krank, hatte Tuberkulose. Auf dem Gesundheitsamt traf ich auf eine Ärztin, die sich sehr für mich eingesetzt hat. Sie hat mich ans Lourdesheim als Reinigungskraft vermittelt. Dass ich Muslimin bin, war kein Problem – obwohl die Schwestern und Bewohner damals noch nicht so viel Kontakt zu Ausländern hatten. Kaum war ich da, brauchten sie Ersatz für jemanden in der Cafeteria. Die Schwestern haben schnell gesehen, dass ich für diesen Bereich besonders geeignet bin. So habe ich bis zu meiner Pensionierung 30 Jahre lang die Cafeteria des Lourdesheims geführt. Mit den Schwestern und Bewohnern hatte und habe ich eine sehr enge Beziehung. Die haben mir oft geholfen, wenn es für mich und meine Kinder mal wieder eng wurde. Sie haben mich beschützt und unterstützt.

Wie viele Kinder haben Sie?

Uluda: Drei. Zwei aus dem ersten Teil der Ehe, eins, als mein Mann noch einmal zurückkam. Bevor das Kind allerdings zur Welt kam, war er schon wieder weg. So stand ich wieder allein – dieses Mal mit drei Kindern. Eine Bewohnerin des Lourdesheims hat in dieser Zeit meine Verzweiflung gespürt.

Sie hat gemerkt, dass ich nicht mehr Frau Uluda war. Sie hat mich zu „Rat und Hilfe“ der Caritas geschickt. Da habe ich unheimlich viel Unterstützung bekommen. Eine Familie gab mir ihr Erziehungsgeld, weil sie es selbst nicht brauchte, ich wurde mit meinen Kindern in den Urlaub geschickt. Deshalb gebe ich heute selber so gerne, weil ich am eigenen Leib erfahren habe, wie gut es tut, Hilfe zu erfahren. Das hat mein Leben geprägt.

Haben Sie irgendwann bereut, aus der Türkei weggegangen zu sein?

Uluda: Nein! Ich wurde hier so gut angenommen. Ich bin hier verwurzelt. Ich freue mich, wenn ich meine Familie in der Türkei besuche, ich bleibe auch gern mal länger. Aber hier kenne ich alle Steine, in der Türkei nicht. Bedenken Sie: Ich war gerade 20 Jahre alt, als ich die Türkei verließ. Ich lebe seit 43 Jahren in Deutschland.

In welchem Rhythmus schlägt Ihr Herz? Türkisch oder Deutsch?

Uluda: Ich erwische mich oft, dass ich in Deutsch träume. Nicht nachts, sondern tagsüber, wenn ich im Garten sitze, Dinge plane, über etwas nachdenke. Wenn ich in der Türkei bin, vergesse ich das hier alles. Dann bin ich ganz intensiv dort. Aber mit der Zeit merke ich, dass mich ein Fuß wieder zurückzieht.

Was mögen Sie an den Deutschen, was an den Türken?

Uluda: Ich rede lieber von den Menschen. Aber in Deutschland habe ich zwei Sachen gelernt: Erstens offen sein, sagen, was man meint. Wenn mich ein Deutscher einlädt oder mir seine Hilfe anbietet, möchte er das auch und bietet es mir nicht aus Höflichkeit an.

Genauso bin ich nicht verletzt, wenn mir jemand sagt, er könne nicht. Wenn wir in der Türkei mit der Familie zusammensitzen und ich offen meine Meinung sage, werde ich schon oft komisch angeschaut. Keiner meiner Geschwister würde sich trauen, zum Beispiel mit meinem Vater so offen zu reden, wie ich das tue. Zweitens schätze ich an den Deutschen sehr die Pünktlichkeit (lacht laut). Das habe ich beides in Deutschland gelernt.

Sie sind als „stille Heldin“ vom Verein Eurotürk ausgezeichnet worden. Ist „still“ ein auf Sie zutreffendes Adjektiv?

Uluda: Ich habe das so verstanden, dass diese Auszeichnung auf etwas aufmerksam machen soll, das bisher nicht gesehen wurde. Demnach trifft „still“ vielleicht schon zu, obwohl ich selbst nicht so still bin. Ich habe oft versucht zu helfen – über meine normale Arbeit hinaus.

Ich habe ehrenamtlich für „Rat und Hilfe“ gearbeitet, ich habe Kleider- und Möbelspenden, die im Lourdesheim abgegeben wurden, an die Flüchtlinge weitergegeben, die in den 1990er Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei nach Deutschland kamen. In ganz Aachen hatte ich mein Netzwerk. Mein jetziger Mann hat mir dafür immer viel Rückendeckung gegeben. Er hat meinen Sohn quasi aufgezogen, seit wir uns vor 26 Jahren kennenlernten – bei der großen Demonstration gegen den Irakkrieg in Bonn.

Mit welchem Gefühl haben Sie die Auszeichnung angenommen?

Uluda: Ich habe mich sehr, sehr gefreut! Dadurch wird auch unser Verein Çati Kalem bekannter. Ich habe mich aber auch für meine Person gefreut, weil wohl doch richtig ist, was ich mache.

Çati Kalem haben Sie vor 17 Jahren gegründet. Was hat Sie dazu bewogen?

Uluda: Ich hatte mich bei „Rat und Hilfe“ bereits ehrenamtlich engagiert. In der Türkei konnte ich dann auch nicht mehr die Augen vor der Armut verschließen. Ich selbst konnte ab der vierten Klasse nicht mehr das ganze Jahr zur Schule gehen, weil ich ab dem Frühjahr in der Landwirtschaft arbeiten musste, um die Familie zu unterstützen. Ich weiß also, wie es ist, nicht zur Schule gehen zu können – auch wenn ich dadurch meine Liebe zur Gartenarbeit entdeckt habe. Mein Garten ist heute meine Kraftquelle.

Das allein war aber nicht der Auslöser, oder?

Uluda: Bei unserer Hochzeit baten wir um Spenden für einen türkischen Verein, der sich um Straßenkinder in Istanbul kümmerte. Das Geld wollten wir direkt in der Türkei übergeben, aber wir konnten den Verein nicht finden. Eine Verwandte sagte: „Hilf den Kindern, die erst einen Fuß auf der Straße haben“ – also bevor es zu spät ist.

Als erstes haben wir einer Familie geholfen, in der die Oma die Kinder in sehr ärmlichen Verhältnissen aufziehen musste. Dank des Hochzeitsgeldes konnten die Kinder zur Schule gehen. Mit dem restlichen Geld haben wir einer neunköpfigen Familie geholfen, wo der Vater einen schweren Unfall hatte und nicht mehr arbeiten konnte. Schließlich wollten Freunde in Aachen auch Patenschaften übernehmen. Die Initialzündung für die Vereinsgründung war schließlich das schwere Erdbeben in der Türkei 1999. Um zu helfen, organisierte ich mit Freunden ein großes Benefizessen in St. Gregorius mit zahlreichen Essenspenden von türkischen Restaurants.

Çati heißt Haus, Kalem Stift. Was macht Ihr Verein?

Uluda: Hauptsächlich pflegen wir Patenschaften zu Kindern aus benachteiligten Familien, sorgen dafür, dass sie zur Schule gehen können. Dafür organisieren wir drei bis vier Mal im Jahr Wohltätigkeitsessen in verschiedenen Aachener Kirchen, die nach wie vor von Restaurants unterstützt werden.

Auch die Gäste sind sehr treu. Und wir werden immer wieder von Künstlern unterstützt. Tango, Stepptanz, indischen und orientalischen Tanz, Musik – wir hatten alles schon. Allerdings geht unsere Hilfe mittlerweile über die Türkei hinaus. Ich hatte im Lourdesheim eine philippinische Kollegin, die die Probleme in ihrem Heimatland gut kennt. Bei einer Reise nach Indien habe ich auch dort ein unterstützenswertes Projekt von der deutsch-indischen Gesellschaft kennengelernt.

Wie viele Kinder unterstützen Sie?

Uluda: Wir sind ein kleiner Verein: 30 Patenschaften haben wir in der Türkei; dahin unternehmen wir auch alle zwei Jahre Patenschaftsreisen, damit sich die Paten ein Bild vor Ort machen können. Auf den Philippinen sind es drei, in Indien zwei Kinder.

Was war der größte Erfolg Ihres Vereins?

Uluda: Ich finde, die Operation eines türkischen Kindes mit schweren Brandverletzungen vor einigen Jahren. Er konnte die Augen nicht schließen, den Mund nicht benutzen, die Nasenflügel waren nicht mehr vorhanden. Das Klinikum hat den Jungen vier Monate behandelt, nach einigen Jahren kam er noch mal für eine Folgebehandlung zurück.

Die Ärzte haben ehrenamtlich gearbeitet, wir haben die weiteren Kosten über Spenden finanziert. Dafür haben wir sehr viel Unterstützung von den Aachenern bekommen, wofür ich noch heute dankbar bin. Jetzt ist er erwachsen, kann arbeiten, ist selbstständig. Danach haben wir noch ein paar Operationen organisiert, aber dies war eindeutig die größte Aktion.

Warum ging das in der Türkei nicht?

Uluda: Damals war die Chirurgie nicht so weit und es gab nicht für alle eine Krankenversicherung. Heute holen wir keine türkischen Kinder mehr nach Aachen, weil sich in dieser Sache die Lage in der Türkei deutlich verbessert hat. Das ist auch gut so. Dafür arbeiten wir: Dass es allen Kindern auf der Welt so gut geht, dass es unseren Verein nicht mehr braucht. Dann würde ich mich kulturell engagieren.

Sie würden also immer noch etwas tun?

Uluda: Ja! Mit Menschen gemeinsam etwas zu tun, bedeutet für mich Lebensqualität. Deshalb schätze ich auch Aachen sehr. Hier kenne ich fast alle Vereine. Wenn ich auf dem Tag der Integration unterwegs bin, kenne ich fast an jedem Stand jemanden. Ich bin so stolz, dass sich hier so viele Menschen für andere einsetzen. Und Aachen ist gerade richtig groß, damit man die ganze Stadt umarmen kann und sich nicht auf eine Ecke beschränken muss.

Mit welchen Gemütsregungen schauen Sie gerade in die Türkei?

Uluda: Mit großer Sorge. Mir gefällt die Situation nicht. Meine Schwägerin und ich waren, als wir als junge Frauen in einer Textilfabrik in Istanbul arbeiteten, die einzigen, die Kopftuch trugen. Wir wurden auf der Straße angestarrt. Heute ist es genau andersherum. Ich bin froh, dass unsere Patenkinder die Chance haben, in die Schule zu gehen, frei zu leben und nicht irgendwelchen religiösen Rattenfängern auf den Leim gehen.

Sie selbst tragen kein Kopftuch mehr.

Uluda: Wenn man offen ist, nimmt man die Kultur an, in der man lebt. Einer meiner Onkel ist nach Saudi-Arabien ausgewandert. Seine Töchter tragen Kopftuch. Meine Mädchen haben immer Shorts und Tops im Sommer getragen. Unsere Familien haben sich mal in Istanbul getroffen. Für ein Foto bat mein Onkel meine Mädchen, sich etwas überzuziehen.

Unsere Antwort war: Können Deine Töchter nicht das Kopftuch ausziehen? Er hat verstanden und wir haben das Foto schließlich so gemacht, wie wir waren. Deshalb mache ich mir auch gar keine Sorgen um die Integration der jetzigen Flüchtlinge. Es wird so viel dafür getan. Als wir nach Deutschland kamen, sind alle – wir auch – davon ausgegangen, dass wir in die Türkei zurückgehen. Die Flüchtlinge – überwiegend junge Leute – wollen hier leben und alle wissen das. Das wird schön!

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