Aachen - AWO im Zwielicht: Hunderttausende Euro fehlen

AWO im Zwielicht: Hunderttausende Euro fehlen

Von: Oliver Schmetz und Robert Esser
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Aachen. Während sich der Aachener AWO-Vorsitzende Karl Schultheis am späten Mittwochnachmittag als SPD-Ratsherr im Stadtrat mit den maroden städtischen Finanzen befasst, lässt sein gemeinnütziger Verein per Pressemitteilung eine Bombe platzen, bei der es um den eigenen Haushalt geht.

Denn bei der Arbeiterwohlfahrt scheint ebenfalls eine Menge Geld zu fehlen: Wegen des Verdachts der Untreue hat der Kreisverband Aachen-Stadt am Mittwoch bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen seinen Ex-Geschäftsführer L. gestellt. Nach AZ-Informationen besteht der dringende Verdacht, dass dieser mehrere hunderttausend Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet haben soll.

Keine Peanuts

Schultheis will am Abend auf Anfrage keine konkrete Schadenssumme nennen, bestätigt aber, dass diese Größenordnung „sicher nicht falsch” ist: „Es geht hier keinesfalls um Peanuts.” Auch zur genauen Vorgehensweise des mutmaßlichen Straftäters in der eigenen Chefetage mag sich der AWO-Vorsitzende nicht näher äußern. „Es ist einiges so verbucht worden, dass nicht klar ist, wo das Geld geblieben ist”, sagt er lediglich.

Klar scheint zu sein, dass das Verschwinden der Gelder in den Bilanzen offenbar sehr gut verborgen wurde - schließlich hat über viele Jahre niemand etwas bemerkt. Die Strafanzeige betrifft finanzielle Unregelmäßigkeiten seit dem Jahr 2002. Dass dies so lange unbemerkt blieb, liegt möglicherweise daran, dass der Ex-Geschäftsführer kompetente Unterstützung hatte. Bei der AWO hegt man diesen ganz konkreten Verdacht: Denn gegen einen früheren Leiter der Buchhaltung wurde ebenfalls Strafantrag gestellt. „Der Staatsanwaltschaft wurde umfangreiches Beweismaterial zur Verfügung gestellt”, schreibt die AWO in ihrer Pressemitteilung. Dies bestätigt Robert Deller, Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf AZ-Anfrage: „Die Anzeige ist eingegangen, die Ermittlungen laufen. Näheres können wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht sagen.”

Erster Verdacht vor Jahren

In Verdacht geraten war L. im Dezember 2010. Damals löste ihn die SPD-Ratsfrau Gabriele Niemann-Cremer als neue AWO-Geschäftsführerin ab. Eigentlich habe man da eine Übergabebilanz erwartet, sagt Schultheis, „doch die war nicht lieferbar”. Da die wirtschaftliche Lage des Vereins und seiner angegliederten Gesellschaften deshalb unklar gewesen sei, habe man eine Aachener Wirtschaftsprüfungsgesellschaft eingeschaltet. Die Prüfer seien Anfang 2011 auf „erste Unregelmäßigkeiten” gestoßen, so Schultheis. „Da haben wir die Reißleine gezogen.” Der ehemalige Geschäftsführer, der nach seiner Ablösung in Altersteilzeit bei der AWO beschäftigt war, erhielt die fristlose Kündigung. Die Prüfer gruben sich immer tiefer durch die Bilanzen. Nach AZ-Informationen sollen die Bücher umfangreich gefälscht worden sein: Demnach soll man auf falsche Fahrtkostenabrechnungen, versteckte Sozialfonds, dubiose Barschecks und etliche Manipulationen mehr gestoßen sein.

Ein paar Jahre vorher waren andere Prüfer da noch weniger erfolgreich. Denn bereits 2007 hat es bei der Aachener AWO laut Schultheis eine Wirtschaftsprüfung gegeben. Seinerzeit - Schultheis war da noch nicht AWO-Vorsitzender - war L. und mit ihm die ganze Aachener Arbeiterwohlfahrt im Zuge der DRK-Skandals ins Zwielicht geraten. Mit dem damaligen DRK-Geschäftsführer, der unter anderem über seine protzigen „Corvette”-Dienstwagen stolperte und später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, führte L. ausgerechnet die kleine DRK/AWO GmbH, auf die die PS-starken Luxusschlitten zugelassen waren. Doch von den illegalen Machenschaften seines Chef-Kompagnons, beteuerte L. seinerzeit mehrfach, habe er nie etwas bemerkt.

Dafür bemerkte man im AWO-Vorstand immerhin, dass der eigene Geschäftsführer ganz legal viel zu viel Geld einstrich. Vier Gehälter kassierte L. für diverse Chefposten, in der Summe deutlich zu üppig für einen Chef eines Wohlfahrtsverbandes mit rund 380 hauptamtlichen Mitarbeitern. Die AWO betreibt hier unter anderem Kitas und Seniorenheime. Man reduzierte seine Bezüge, aber das war alles. „Damals haben die Wirtschaftsprüfer keine verdächtigen Feststellungen gemacht”, sagt Schultheis und betont, dass der damalige Skandal und die aktuellen Ermittlungen „nicht im Zusammenhang stehen”. Abgesehen davon, dass die AWO, die sich in ihren Leitsätzen zu Solidarität, Gerechtigkeit und sozialem Handeln verpflichtet, durch einen mutmaßlich kriminellen Ex-Geschäftsführer wieder in schlechtem Licht dasteht. „Wir wollen die Sache alleine schon mit Blick auf die vielen ehrenamtlich bei uns engagierten Menschen lückenlos und glasklar aufklären”, verspricht Schultheis. Und er betont, dass es „um das mögliche Fehlverhalten einzelner Personen und nicht um das Fehlverhalten der AWO geht”. Ob L. zur Aufklärung beiträgt, ist ungewiss. In dem beschaulichen Örtchen im Allgäu, wo er jetzt logiert, war er jedenfalls für die AZ am Mittwochabend nicht zu erreichen.
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