Aachen - Autos verschwinden in Aachen serienweise

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Autos verschwinden in Aachen serienweise

Von: Oliver Schmetz
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Die Zahl der Kfz-Diebstähle in Aachen ist explodiert. Foto: Colourbox

Aachen. Die Täter stehlen auf Bestellung. Sie kommen aus Holland über die Grenze und haben Listen dabei, auf denen Autotypen stehen. Es ist fast so, als wären sie mit einem Einkaufzettel unterwegs und würden Angebote sondieren.

Bloß dass die Angebote nicht im Supermarktregal stehen, sondern am Straßenrand parken. Und dass nicht bezahlt wird. Manchmal haben die Täter das Angebot auch schon vorher gecheckt, also direkt hinter der Grenze in Laurensberg, Richterich oder auch Herzogenrath Inventur gemacht.

Dann wissen sie, in welcher Straße beispielsweise ein solcher BMW immer parkt, wie er an diesem Tag auf ihrer Liste steht. Und dann geht es noch schneller. In solchen Fällen dauert der Ausflug zum Autoklau nach Aachen viellicht gerade einmal ein Viertelstündchen.

Die Autos, die nachts verschwinden – in manchen Nächten sind es zehn oder mehr –, landen oft schon am nächsten Morgen bei Jürgen Offermanns auf dem Schreibtisch: als Fälle. Der Kriminalhauptkommissar bearbeitet in einem sechsköpfigen und „hochmotivierten Team“, wie er sagt, im Kriminalkommissariat 14 im Aachener Polizeipräsidium die Kfz-Diebstähle.

Und da haben Offermanns und seine Kollegen ordentlich zu tun. 656 Autos wurden voriges Jahr in Aachen gestohlen – knapp zwei pro Tag –, 1016 waren es in der Städteregion. 2013 waren auf Aachens Straßen noch 362 Fahrzeuge abhanden gekommen – also „nur“ eines pro Tag.

Für diese Explosion der Fallzahlen machen die Ermittler vor allem Diebesbanden aus den Niederlanden verantwortlich. Und gegen diese ist man fast chancenlos. „Wir ermitteln an den Tatorten, wir überprüfen mögliche Erkenntnisse aus Kamera- und Verkehrsüberwachung“, sagt Offermanns, „aber das verläuft meist negativ.“ Was die Aufklärungsquote widerspiegelt: Von den 656 Kfz-Diebstählen im Stadtgebiet wurden 2015 nur 42 aufgeklärt. Das sind magere 6,4 Prozent. Anders gesagt: Der lukrative Trip über die Grenze ist für die Autodiebe nicht wirklich riskant.

Dass das so ist, liegt daran, dass die Ermittler von den Tätern meist nicht einmal die Rücklichter sehen. Die Autos werden blitzschnell geknackt, in der Regel gibt es keine Spuren oder Zeugen. Und binnen weniger Minuten sind die Diebe mit ihrer Beute ab über die Grenze. In den Niederlanden läuft dann nach den Erkenntnissen der Aachener Polizei eine gut organisierte Maschinerie an. Entweder werden die Wagen wochenlang stillgelegt, damit sie nicht geortet werden können. Oder sie werden in kürzester Zeit verwertet.

„Wir kennen Fälle, da wurde ein Auto in weniger als drei Stunden komplett in seine Einzelteile zerlegt“, sagt Armin von Ramsch, stellvertretender Leiter der Direktion Kriminalität. Die Einzelteile gehen in den Verkauf, die Rohkarosse kommt in die Schrottpresse. Und alles geht Hand in Hand. „Seit vielen Jahren haben wir das Problem, dass in den Niederlanden hoch professionelle Hehlerbanden am Werk sind“, sagt Rolf Hunds, Leiter des neu formierten KK 14, das sich neben Kfz-Diebstählen auch um Wohnungseinbrüche kümmert.

„Dort ist eine komplette Schattenwirtschaft entstanden.“ Dazu gehört auch, dass die Banden meist Heranwachsende auf Beutezug schicken. Kommt es nämlich tatsächlich einmal zu dem seltenen Erfolgserlebnis, dass solche Täter auf frischer Tat ertappt werden, reichen die Haftgründe in der Regel nicht aus, um sie in U-Haft zu nehmen.

„Die verbringen kostenlos eine Nacht bei uns und das war‘s“, sagt Kriminalhauptkommissar Herbert Luzat, der sich bis zur jüngsten Umstrukturierung im Präsidium lange Jahre um Autodiebstähle gekümmert hat. Das dann den konsternierten Opfern zu erklären, gehört auch zu den Aufgaben von Jürgen Offermanns. Zum Beispiel kürzlich einem Mann, der die Täter überraschte und bedroht wurde. „Der konnte nicht verstehen, warum die nicht in Haft bleiben.“

Zumal die Täter ja nur zu gerne wiederkommen. Am liebsten übrigens mittwochs und donnerstags, das haben die Ermittler gelernt. Und sie haben es nicht nur auf Luxuskarossen abgesehen. Besonders gefragt sind VW-Golf, T5, Touran, Caddy, BMW-1er, 3er, X5 , X6, und ab und zu Audi A4, A6 und Mercedes Sprinter. „Die Auswahl hängt auch von der Qualität der Wegfahrsperren ab“, sagt Luzat. „Nagelneue Modelle werden nicht sofort gestohlen.“

Die Polizei setzt deshalb bei der Bekämpfung des Problems auch auf die Autohersteller und hat für Autobesitzer Tipps parat, wie sie sich selber schützen können. Die Bürger fragen sich aber, ob die Polizei sie nicht besser schützen müsste. Kein Wunder, dass Polizeipräsident Dirk Weinspach das Thema „mit Sorge“ betrachtet, wie er jüngst bei der Bekanntgabe der katastrophalen Zahlen sagte. Zumal die Autodiebstähle beim angezeigten Schaden spitze sind. „Der liegt im zweistelligen Millionenbereich“, sagt von Ramsch. Man kann es leicht ausrechnen: Bei 1000 geklauten Autos und einem durchschnittlichen Schaden von nur 15 000 Euro macht das 15 Millionen.

Weinspach hat deshalb Schwerpunktmaßnahmen gegen die Banden angekündigt. Die wirken auch, sagen die Ermittler. Aber nur punktuell. Heißt: Wenn an einem Tag an den Grenzen kontrolliert wird, wird in Aachen kein Auto gestohlen. Aber das kann man nicht jeden Tag machen. Deshalb will der Polizeipräsident auch die Zusammenarbeit mit den Niederländern verbessern.

Dies versucht man jedoch schon länger ohne durchschlagenden Erfolg. Denn die Polizeiarbeit ist auf beiden Seiten grundverschieden strukturiert, und es gibt ganz unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen. Und nicht zuletzt ist es ja weniger Sache der Holländer, wenn in Aachen Autos gestohlen werden. „Die haben ganz andere Probleme“, verweist Hunds etwa auf die Rockerkriminalität.

Doch ohne die Holländer geht es kaum. „Der Schlüssel liegt in einer gemeinsamen Ermittlungskommission“, weiß von Ramsch. Nur dann könnte man die holländischen Hehler- und Diebesbanden wirksam bekämpfen. Bis es dazu kommt, bedienen sich diese weiter im Aachener Westen. Das belegt eine brandaktuelle Polizeistatistik: 250 Fahrzeuge wurden im ersten Quartal in der Städteregion entwendet. Fast exakt ein Viertel der Vorjahreszahl. Der Negativtrend ist ungebrochen.

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